Nahaufnahme Der Bahn-Brecher

"Züge zu betreiben ist die eine Sache, online Tickets zu verkaufen ist ein anderes Metier." Jean-Daniel Guyot

(Foto: pr)

"Züge zu betreiben, ist die eine Sache, online Tickets zu verkaufen, ist ein anderes Metier", sagt Jean-Daniel Guyot. Er betreibt ein ausgezeichnetes Preissystem.

Von Leo Klimm

Als Kind fuhr Jean-Daniel Guyot immer zum Singen nach Deutschland. "Einmal im Jahr trat ich dort mit einem Knabenchor auf", sagt er. Das Knabenhafte hat sich der 32-jährige Start-up-Gründer aus Paris erhalten. Nach Deutschland aber fährt er heute, um Geschäfte zu machen. Erst am Montag war er wieder bei der Deutschen Bahn (DB). Denn Guyot kann etwas, was die Bahn, ihr französisches Pendant SNCF oder die italienische Staatsbahn nicht können: Seine Firma Captain Train ermöglicht Preisinformation und Ticketkauf selbst dann, wenn die Portale der Bahnbetreiber an Grenzen stoßen. Wenn es heißt: "Preisauskunft nicht möglich".

In langer Kleinarbeit haben der Informatiker Guyot und seine Leute eine IT-Plattform entwickelt, die direkten Zugriff auf die datentechnisch sehr verschiedenen Buchungssysteme der Konzerne hat. Captain Train vergleicht alle verfügbaren Tarife für nationale oder internationale Strecken und verkauft sie zu den gleichen Preisen wie die Zugbetreiber. Für diese etwas andere Art europäischer Einigungshilfe wurde das Unternehmen am Mittwoch in Paris mit dem Deutsch-Französischen Wirtschaftspreis ausgezeichnet. Dabei hatte Guyot, als er 2009 anfing, weniger Völkerverständigung im Sinn als eben das Geschäft: Frankreich und Deutschland sind die größten Bahnmärkte Europas. Guyot war außerdem schon lange genervt davon, dass der Onlinekauf vor allem bei SNCF ziemlich viele Klicks erforderte - und teils nicht einmal der günstigste Tarif angeboten wurde. "Züge zu betreiben, ist die eine Sache", sagt Guyot, "online Tickets zu verkaufen, ist ein anderes Metier." Er sagt das ohne Arroganz. Aber er hat nun einmal eine Schwäche der großen Bahnkonzerne erkannt - und nutzt sie jetzt aus für sein stark wachsendes Start-up.

Im Sommer musste Captain Train umziehen. In den alten Räumen wurde es eng für die gut 50 Mitarbeiter, zumal noch ein Dutzend Stellen offen ist. Gleich drei Etagen eines Gebäudes hat die Firma angemietet, mit Option auf zwei weitere. In den neuen Büros riecht es nach frisch verklebtem Teppichboden. An den Schreibtischen sitzen lauter junge Menschen, die sich "Backend Developer" oder "Wow! Specialist" nennen. Wie bei allen Firmen der Plattform-Ökonomie geht es auch bei Captain Train um Daten: Die 1,2 Millionen Nutzer werden zur Einrichtung eines Kundenkontos gezwungen, sonst haben sie keinen Zugang zum Service.

In diesem Jahr will Captain Train Fahrkarten im Wert von 75 Millionen Euro verkaufen. Verglichen mit der Bahn ist das nichts, aber schon mehr als das Doppelte des Vorjahreswerts. Zum eigentlichen Umsatz schweigt sich Guyot aus. Angesichts dürftiger Kommissionen im Geschäft der Onlineagenturen dürften die Erlöse im einstelligen Millionenbereich liegen. 2016 soll es erstmals Gewinn geben. "Aber das hat nicht Priorität", sagt Guyot. Er kann sich das leisten, schließlich haben ihn Kapitalgeber mit 9,4 Millionen Euro ausgestattet. Priorität, so Guyot, hat das Wachstum. Um das zu beschleunigen, hat er den Deutschen Daniel Beutler angeheuert. Der leitete zuvor den DB-Vertrieb in Frankreich. Jetzt soll er als Geschäftsführer einerseits die Umsätze aus Deutschland erhöhen, denn von dort kommen bisher nur 10 Prozent der Nutzer. Andererseits wollen Guyot und Beutler weitere Zugbetreiber aus ganz Europa an das Portal anschließen. Auch DB und SNCF erhielten am Mittwoch übrigens einen deutsch-französischen Preis. Keinen für digitale Innovation, aber für Personalmanagement: Die enge Kooperation der Konzerne, so die Jury, führe zu einer besonderen Firmenkultur in Schnellzügen zwischen Deutschland und Paris. Ohne die Staatskonzerne hätte Captain Train auch nichts zu verkaufen.