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Nahaufnahme:"Das ist nicht unser Geld"

„Ein Versicherer ist stolz, wenn er 10 000 Vertreter hat und mit vielen Maklern zusammenarbeitet“, sagt Daniel Schreiber.

(Foto: oh)

Daniel Schreiber bringt den Versicherer Lemonade an die Börse. Niedrige Umsätze und Verluste stören Investoren nicht.

Von Herbert Fromme, Köln

Als Daniel Schreiber und Shai Winninger 2015 das Versicherungsunternehmen Lemonade in New York gründen, kleben sie transparente Aufkleber in jedes Fenster im Büro. "It's not our money", das ist nicht unser Geld, steht da. Die Prämien gehören den Kunden. Wer aus dem Fenster schaut, muss das lesen.

Lemonade tritt an, um alles anders zu machen. Abschluss und Schadenbearbeitung bei der Hausrat- und Gebäudeversicherung - voll digital mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz, Schadenzahlungen in Minuten oder sogar Sekunden. Das Unternehmen kassiert 25 Prozent der Prämien für Verwaltung, Werbung und Gewinn. Wenn vom Rest nach Abzug von Schäden und Rückversicherungskosten etwas übrig bleibt, geht das an eine gemeinnützige Organisation, die der Kunde selbst auswählt.

2015 nehmen die meisten etablierten Versicherer Lemonade nicht wirklich ernst. Heute ist der Versicherer mit 116 Millionen Dollar Prämieneinnahmen immer noch Lichtjahre entfernt von den Milliardenumsätzen der Versicherungsgiganten. Verluste macht er auch noch, allein im ersten Quartal 37 Millionen Dollar.

Trotzdem prügeln sich Anleger - unter ihnen etablierte Versicherer - fast um Anteile an Lemonade. In dieser Woche hat Schreiber das Unternehmen an die Börse gebracht. 319 Millionen Dollar brachte der Börsengang ein, die Anleger bewerten den Versicherer insgesamt mit satten 1,6 Milliarden Dollar. Hauptinvestor ist schon seit Längerem der japanische Technologiekonzern Softbank. Auch Allianz, Google und andere große Namen sind beteiligt.

Daniel Schreiber ist 48, wirkt sportlich und hat einen soliden englischen Humor. Der Jurist hat an der Hebrew University in Jerusalem und am King's College in London studiert. Er pendelt zwischen seinem Wohnort Tel Aviv und New York. Eine ganze Zeit war er Justiziar, ein Beruf, den er nicht besonders geliebt hat. "Ich bin jetzt seit 20 Jahren trocken", sagt er, wenn er über die Juristerei spricht. Vor 25 Jahren gründet er sein erstes Start-up, Alchemedia Technology, und ist seither bei Tech-Unternehmen tätig.

Schreiber gibt zu, dass er Lemonade ohne Ahnung von Versicherung gegründet hat. Winninger und er suchen damals eine passende Branche. Die Versicherer erfüllen die Kriterien: Sie verwalten Milliarden, sind nicht durch Innovationen verdorben - und zutiefst unbeliebt bei ihren Kunden.

Seit 2019 ist Lemonade auch auf dem deutschen Markt. Zahlen liegen nicht vor, sie dürften bescheiden sein. Schreiber stören weder die geringen Umsätze noch die Verluste. Schließlich investiere Lemonade sehr stark, da seien die Verluste normal. Den weltweiten Umsatz habe Lemonade in jedem Jahr vervielfacht. Inzwischen beschäftigt die Firma 329 Mitarbeiter, von denen 123 in Israel sitzen - dort wird programmiert.

Schreiber hat nichts von seinem Elan verloren, wenn er über Lemonade und die Schwächen der traditionellen Versicherer spricht. Die älteren Gesellschaften haben in vielen Jahrzehnten oder Jahrhunderten gewaltige Werte aufgebaut. Doch die aktuell stattfindende vierte industrielle Revolution verwandelt viele dieser Werte in Lasten, glaubt Schreiber.

"Ein Versicherer ist stolz, wenn er 10 000 Vertreter hat und mit vielen Maklern zusammenarbeitet", erklärt er. "Aber ist das in der heutigen Zeit ein positiver Wert oder eine Last?" Die Versicherer müssen für diese Vermittler sorgen, aber ihr Geschäftsmodell funktioniert so nicht mehr. In der IT schleppen sie Altsysteme mit, die vor 50 Jahren entwickelt wurden. Und: "Ihre Manager wurden ausgebildet, Geschaffenes zu erhalten, aber für die Transformation braucht man andere Leute." Leute wie Daniel Schreiber

© SZ vom 03.07.2020

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