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Nahaufnahme:Das digitale Sams

Till Weitendorf: "Mir war es wichtig, das Thema Geschichtenerzählen ins Digitale zu retten."

(Foto: oh)

Till Weitendorf entwickelt neue Formen für das Kinderbuch. Dabei kommt ihm zugute, dass Paul Maar und Astrid Lindgren bei seinen Eltern ein und aus gegangen sind.

Was macht jemand, der in seiner Kindheit mit Autoren wie Astrid Lindgren, James Krüss und Paul Maar zu tun hatte? Nicht nur, weil er "Karlsson vom Dach", "Timm Thaler" oder "Das Sams" gelesen hat, sondern weil er die Autoren persönlich kennenlernen durfte. Till Weitendorf, 42, gehört zu den Glücklichen - als Enkel des Kinderbuchverlegers Friedrich Oetinger. "Das prägt einen natürlich, und ich habe einen gewissen Anspruch, was Inhalte und Qualität angehen", sagt er. Der Kaufmann war nach dem Studium beim Rowohlt-Verlag beschäftigt, heuerte dann aber 2005 im Familienbetrieb an und war seit 2009 fast neun Jahre Geschäftsführer der Hamburger Verlagsgruppe. Vor einem Jahr hat er dann das Start-up Storydocks gegründet.

Die Firma bietet personalisierte Print-Kinderbücher an, aber auch die "Tigerbox", mit der Kinder Bücher hören können. "Mir war es wichtig, das Thema Geschichtenerzählen ins Digitale zu retten", sagt Weitendorf. "Ich habe die Gefahr gesehen, dass irgendwann nur noch Amazon & Co. diesen Markt bestreiten." Solche Produkte gehören längst auch in das Sortiment traditioneller Verlage, doch Weitendorf konnte sein Projekt nicht bei Oetinger umsetzen. "Ich habe gemerkt, dass Storydocks und der klassische Familienverlag unter einem Dach nicht miteinander vereinbar waren", sagt er. Grund: "Storydocks kostet Geld, wir müssen eine bestimmte Risikobereitschaft mitbringen." Also einigte er sich mit der Familie: "Ich bin noch wesentlicher Gesellschafter bei Oetinger und habe einen Anteil meiner Schwester übergeben." Von 120 Contentverträgen besteht einer auch mit Oetinger, sagt er. Oetinger betreibt die Digitalisierung ohne ihn weiter.

Bei Storydocks hat Weitendorf kleine Holzboxen entwickelt, in denen ein Lautsprecher, ein Einsteckfach für eine Chipkarte sowie Touchdisplay, Speicher und Lampe untergebracht sind. "Einfach nur Apps zu entwickeln, ist zu kurz gedacht", sagt er. Kinder bis zu zwölf Jahren können damit über gekaufte Speicherkarten Hörbücher- und spiele sowie Musik hören oder in einer geschützten technischen Umgebung aus dem Internet laden. Von Benjamin Blümchen über das Sams bis hin zu den "Drei Fragezeichen". Weitendorf kann Marktforschung auch zu Hause betreiben: "Meine beiden kleinen Töchter sagen mir immer, was sie an der Tigerbox cool oder doof finden". Natürlich lese er ihnen aber auch regelmäßig aus Kinderbüchern vor.

Weiteres Standbein ist die Sparte Framily - mit personalisierten Kinderbüchern wie Disneys Eiskönigin, Bob der Baumeister, Wickie oder Antoine de Saint-Exupéry. Dabei können die beschenkten Kinder eine eigene Rolle in der Geschichte bekommen. Er erinnert sich da an seine eigene Kindheit: "Als ich jung war, gab es bereits die Jan und Julia-Bücher. Meine Geschwister hießen so, da wollte ich natürlich auch so etwas". Deshalb weiß er, "dass das für Kinder einen unschätzbaren Wert hat".

Die Firma konnte 2019 "in allen Bereichen deutlich zulegen", hat mehrere Investoren gefunden, darunter den Verleger Sven Murmann. "Wir haben Gesellschafter, die nicht nur ihr Geld vermehren wollen, sondern auch sehr an Inhalten und nachhaltigen Geschäftsmodellen interessiert sind - um künftige Generationen zu erreichen." Bisher habe man "deutlich über fünf Millionen Euro investiert".

Und wie hat er Astrid Lindgren in Erinnerung? "Ich habe es als normal empfunden, wenn sie uns besuchte", erzählt er. "Umso eigenartiger fand ich es, dass die ganze Familie Kopf stand, wenn sie im Hause war." Über ihre Bücher hat er sich aber nicht viel mit ihr austauschen können. "Ich war immer interessiert, wie Geschichten weitergehen und habe darüber auch mit den Autoren gesprochen, bei Astrid Lindgren fehlte aber die Zeit."

© SZ vom 23.12.2019
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