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Nahaufnahme:Das Billionen-System

Andrea Binder:„Geld zu schöpfen ist in der Offshore-Finanz viel wichtiger, als Geld zu verstecken.“

(Foto: Matthias Erfurt/GPPI/oh)

Die Forscherin Andrea Binder ist einer Offshore-Währung auf der Spur. Dafür wurde sie nun mit dem Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet.

Von Bastian Brinkmann

Jede Wissenschaftlerin, jeder Wissenschaftler entdeckt eine neue Welt, zumindest im Idealfall. Andrea Binder hat gleich mal ein paar Billionen Dollar entdeckt, wobei: So genau weiß sie es noch gar nicht. Dank ihrer Arbeit ist nur jetzt schon klar, dass sehr, wirklich sehr viel Geld durch einen Bereich der Finanzindustrie fließt, der in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt ist. Dabei hat sie sich anfangs eigentlich nur für Steueroasen interessiert, die nach mehreren Daten-Leaks am Pranger standen, weil Reiche und Konzerne sie nutzen, um weniger Steuern zu zahlen. Aber im globalen Finanzsystem spielt die Offshore-Finanz, wie Binder sagt, noch eine ganz andere Rolle: "Geld zu schöpfen ist in der Offshore-Finanz viel wichtiger, als Geld zu verstecken", hat sie herausgefunden.

Bei Geldschöpfung denken viele an die Druckerpresse der Notenbank. In der Praxis sind es aber Banken, die neues Geld quasi aus dem Nichts kreieren, indem sie einen Kredit ausgeben. Und das geschieht in der Offshore-Finanzwelt in solchen Mengen, dass dort mehr Geld erschaffen wird als im klassischen Bankensystem, sagt Binder. Es entsteht sogar eine Art eigene Währung, für die keine Zentralbank direkt zuständig ist.

Um diese Untergrund-Finanzwelt zu erforschen, sprach Binder mit diversen Experten, die als Banker, Anwälte, Zentralbanker, Steuer- und Regierungsbeamte damit zu tun haben. Für ihre Forschung wurde Binder vor Kurzem mit dem Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet. Einfach mal mit den Leuten reden, die in echt an den Finanzmärkten damit handeln - handwerklich richtig umgesetzt ist das eine wissenschaftliche Methode, die in der mitunter mathematisch ausgerichteten Volkswirtschaftslehre allerdings untypisch ist. Ökonomen wollen stattdessen gerne Erkenntnisse aus Daten statistisch herauslesen. Bei Binders Forschungsobjekt ist nur das Problem: Es gibt kaum Daten, die öffentlich zugänglich sind.

Binder hat Ökonomie im Nebenfach studiert, im Hauptfach Politikwissenschaft. Sie ist die Erste in ihrer Familie, die an die Universität gegangen ist, mit dem Hashtag #FirstGen will sie auf Twitter daher andere in ähnlichen Situationen zu einer akademischen Laufbahn ermutigen. Binder hat acht Jahre in der Berliner Denkfabrik GPPI zu humanitärer Hilfe gearbeitet, bis sie sich in dem Thema nicht mehr zu Hause fühlte - und stattdessen lieber die Finanzwelt beobachten wollte. Sie wechselte also auch von Arm zu Reich, von den Auswirkungen der globalen Ungleichheit heran an ihre Ursachen. In Cambridge im Fachgebiet internationale politische Ökonomie erforschte sie für ihre Doktorarbeit die Offshore-Finanzwelt.

In der Praxis funktioniert die beispielhaft so: Ein Dax-Konzern leiht sich 500 Millionen Dollar von den Finanzmärkten, eine Gruppe von Banken organisiert das. Aber die Banker sitzen nicht in New York, arbeiten also nicht unter der Kontrolle der US-Notenbank Fed, sondern auf den Cayman Islands oder in Singapur. Die 500 Millionen Dollar kommen neu ins Finanzsystem, ohne dass die Dollar-Notenbank Fed viel dazu sagen könnte. Verwirrenderweise spricht die Fachwelt bei diesen Dollar von Eurodollar, obwohl sie nichts mit dem Euro zu tun haben. Traditionell ist das Geschäft in London entstanden, es ging also um Dollar, die in Europa geschöpft wurden - daher der Name. Diesen Eurodollar kann man als eigene Währung betrachten, sagt Binder. In der turbulenten Corona-Krise hat die Fed auch die Eurodollar-Märkte gestützt, wie auch in der Finanzkrise.

Aber was wäre passiert, wenn sie das nicht gemacht hätte? Wie fragil ist dieser Part des Finanzsystems? Es gibt noch viel zu erforschen in der Welt der Offshore-Finanz.

© SZ vom 17.08.2020

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