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Nahaufnahme:Befreit und entspannt

Sahra Wagenknecht beim Plan-W-Kongress in Berlin, 2019

Sahra Wagenknecht beim PLAN W-Kongress in Berlin: "Es gibt eine bestimmte Gehässigkeit gegenüber Frauen, die Männer so nicht erleiden müssen."

(Foto: Stephan Rumpf)

Linken-Chefin Sahra Wagenknecht spricht über ihr Lieblingsthema Gerechtigkeit und freut sich auf ihren Rückzug aus der Fraktionsspitze im Herbst.

Es ist ein Heimspiel für Sahra Wagenknecht beim Plan-W-Kongress in Berlin: Sie spricht über ihr Herzensthema Gerechtigkeit. Doch vermutlich liegt es nicht nur daran, dass sie hier entspannt und gut gelaunt wirkt. Vor knapp drei Monaten hat sie bekanntgegeben, dass sie sich von der Fraktionsspitze der Linken im Bundestag zurückziehen will. Der Termin im Herbst rückt näher, man könnte fast sagen: Wagenknecht wirkt befreit, wie sie da auf der Bühne sitzt in Berlin. Sie wolle in Zukunft "mehr Bücher schreiben, mehr Zeit haben, zum Nachdenken", sagt sie.

Am liebsten hätte Wagenknecht noch vor der Sommerpause aufgehört, doch sie habe sich nun mit der Partei darauf geeinigt, noch bis Herbst weiterzumachen. Es klingt nach durchhalten, wie sie das sagt, sie spricht von aufreibenden Sitzungen und Differenzen in den eigenen Reihen, von Dauerdruck und Dauerstress, mit dem sie nicht mehr klarkomme. "Ich habe einfach gemerkt in den letzten Jahren, das geht für mich nicht nur an die physische Substanz, sondern auch an die geistige."

Plan W-Kongress

Der erste Plan W-Kongress fand am 5. und 6. Juni 2019 in Berlin statt. Frauen und Männer aus der Wirtschaft diskutierten die Themen Digitalisierung, Gerechtigkeit, Künstliche Intelligenz und New Work. Alle Artikel zum Thema finden Sie hier.

Der Rücktritt von Andrea Nahles als SPD-Vorsitzende hat einmal mehr die Frage aufgeworfen, ob es Frauen besonders schwer haben in der Politik. Ob ihre männlichen Kollegen weniger scharf angegriffen werden. Das kann Wagenknecht nur bedingt bestätigen. Sie sagt zwar: "Es werden teilweise an Frauen andere Maßstäbe angelegt, es gibt auch eine bestimmte Gehässigkeit gegenüber Frauen, die Männer so nicht erleiden müssen." Aber mit männlichen Politikern werde auch nicht immer nett umgesprungen. Frauen in politischen Spitzenpositionen seien sicher keine Opfer. "Wer in so eine Funktion kommt, hat meist auch schon seine Ellenbogen eingesetzt."

Wagenknecht hat sich nie als Galionsfigur des Feminismus ausgegeben. Manch linke Frauenrechtlerin und manch linker Frauenrechtler hat gar ihr mangelndes Einstehen für Frauenrechte beklagt. Doch Wagenknecht betrachtet das Thema Gerechtigkeit gern auf größerer Ebene: zwischen arm und reich, zwischen verschiedenen Schichten und nicht nur zwischen den Geschlechtern. "Natürlich kann man Quoten in Aufsichtsräten festlegen", sagt sie. Doch die Diskussion darum führe weg von den wirklichen Problemen: den Niedriglohnsektor etwa. "Der betrifft viel mehr Frauen." Und die würden nicht in den Aufsichtsrat aufsteigen, nur weil eine Quote eingeführt wird.