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Marc-Aurel Boersch: "Das Nutri-Score-System ist gut für Menschen, die keine Lust haben, die Rückseite von Lebensmittelverpackungen zu studieren.“

(Foto: oh)

Marc-Aurel Boersch, Deutschlandchef des Lebensmittelkonzerns Nestlé, geht auf Distanz zu Ernährungsministerin Julia Klöckner. Ein gemeinsamer Auftritt vor ein paar Wochen löste Empörung aus.

Wohl kaum ein Chef von Nestlé Deutschland hat je einen solchen Bekanntheitsgrad erreicht. Seit seinem Auftritt in dem umstrittenen Video mit Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) kennen viele Menschen das Gesicht von Marc-Aurel Boersch. Klöckner lobte darin den weltweit größten Lebensmittelkonzern dafür, dass er freiwillig den Zuckeranteil in seinen Produkten senkt. Ein Auftritt, der eine Welle der Empörung auslöste. Klöckner wurde eine zu große Nähe zur Industrie und Werbung für den Konzern vorgeworfen.

Auch an Boersch ging die Affäre nicht spurlos vorüber, wie er am vergangenen Freitag bei einem Termin im hauseigenen Maggi-Kochstudio in Frankfurt bekannte. Die ersten fünf Stunden habe er sich über die vielen Reaktionen auf das Video noch gefreut, sagt er. Doch dann seien ihm Zweifel gekommen. "Inzwischen finde ich es schon wieder gut." Er sehe das unter dem Aspekt, "No risk, no fun".

Mit der im Video zur Schau gestellten Einigkeit war es kurz darauf ohnehin vorbei, als Nestlé Klöckner in einem offenen Brief aufforderte, endlich den Weg für die umkämpfte Lebensmittelampel Nutri-Score in Deutschland frei zu machen. Der Konzern will das System europaweit einsetzen. Ein Affront für Klöckner, die das Fünf-Farben-System zur Kennzeichnung von Fertigprodukten in der Vergangenheit immer wieder abgelehnt hatte. Auf die Frage, wie er heute sein Verhältnis zur Ministerin beschreiben würde, antwortet er mit ironischem Unterton: "Wir sehen das derzeit unter dem Motto 'Weniger ist mehr'".

Warum aber hat er sich überhaupt mit der Ministerin getroffen? "Ich wollte mit ihr diskutieren, warum sie öffentlich so auf Distanz zu Nutri-Score geht. Ich als Person befürworte das System sehr", meint er. "Das Nutri-Score-System ist gut für Menschen, die keine Lust haben, die Rückseite von Lebensmittelverpackungen zu studieren." Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. Auch Verbraucherschützer, Wissenschaftler und Gesundheitsexperten befürworten das Modell. Doch Klöckner hat Zweifel. Bei einer bis September laufenden Umfrage des Ernährungsministeriums sind vier Modelle im Rennen, darunter ein von Klöckner initiiertes und eines vom Verband der deutschen Lebensmittelwirtschaft, der Nutri-Score ablehnt. Anhand der Modelle sollen Verbraucher besser erkennen können, wie viel Fett, Zucker und Salz ein Lebensmittel enthält.

Die Angst vieler Hersteller ist, dass Käufer mit der Nutri-Score-Lebensmittelampel auf den ersten Blick erkennen könnten, wie ungesund ihr Lieblingsmüsli, die -pizza oder der -joghurt sind. Die Farbskala reicht von Grün bis zur Farbe Rot, die Vorsicht signalisiert. "Auch wir werden Produkte haben, die grün sind, andere werden rot sein, das ist dann halt mal so", sagt Boersch. Er sehe das jedoch als Ansporn: "Wir müssen uns überlegen, wie können wir das Produkt besser machen. Wir hören zu und lernen, wir sind nicht perfekt."

Das sind große Worte, Boersch wird sich an solchen Versprechen messen lassen müssen, Verbraucherschützer haben den Schweizer Konzern besonders im Fokus. Der 51-Jährige, der seit Jahresbeginn die deutsche Nestlé-Tochter führt, war zuvor für das Geschäft in den Niederlanden verantwortlich. In der Vergangenheit war er zudem für Kraft Foods und Kodak tätig. Boersch pflegt einen offen Kommunikationsstil, selten ist er um einen launigen Spruch verlegen. Seine tiefe raue Stimme entschuldigt er beim Termin in Frankfurt damit, dass es am Vorabend beim großen Mitarbeiterfest in Frankfurt später geworden sei. Solche Feiern seien wichtig für den Teamgeist, meint er. Dabei halte er es für wichtig, dass er nicht nur als Chef, sondern auch als Vater von drei Kindern wahrgenommen werde.