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Christian Scherer hat endlich seinen Traumjob: Er ist der neue Verkaufschef von Airbus. Und alles deutet darauf hin, dass er diesen Posten lange behalten wird.

Von Jens Flottau

Ende 2017 stand Christian Scherer schon einmal kurz davor, seinen Traumjob zu bekommen. Mehr als 30 Jahre war er damals schon beim Flugzeughersteller Airbus, hatte sich durch die Organisation in Spitzenjobs gekämpft. Dann wurde ein Nachfolger für den legendären Verkaufschef John Leahy gesucht, der mit 67 Jahren endlich aufhören wollte. Wer sonst sollte es werden, wenn nicht der eloquente, weltgewandte und allseits beliebte Scherer, der sogar schon einmal Leahys Stellvertreter war?

Es muss ein ziemlicher Schock für den heute 56-Jährigen gewesen sein, als Airbus-Chef Tom Enders dann den Rolls-Royce-Manager Eric Schulz vorzog. Doch Scherer ließ sich öffentlich zu keinem bösen Wort hinreißen und machte einfach weiter als Chef der Airbus-Regionaltochter ATR. Nachdem Schulz nach nur acht Monaten in der vergangenen Woche überraschend seinen Posten aufgegeben hat, war Scherers Chance gekommen: Seit Donnerstag hat er seinen Traumjob.

Und es deutet alles darauf hin, dass er ihn auch lange behalten darf. Denn der Mann ist quasi Airbus in Person: geboren in Duisburg, aufgewachsen in Toulouse, Studium unter anderem in Kanada. Er hat also für den europäischen Konzern die perfekte Biografie, als außerordentliches Sprachtalent sind sein Französisch und Englisch so gut, dass er jeweils auch für einen Muttersprachler gehalten werden könnte. Scherer kann ohne Manuskript strategische Analysen vortragen, nach denen seine Zuhörer in der Regel das Gefühl haben, sie hätten einmal wieder etwas gelernt. Der große Auftritt liegt ihm also eindeutig und das strategische Denken sowieso, mit dem Klein-Klein-Management in der Abteilung hat er es, so sagen langjährige Wegbegleiter, hingegen nicht so.

Das war vielleicht einer der Gründe, warum er den Posten nicht schon früher bekommen hat. Die Verkaufsabteilung war wegen der Korruptionsaffäre, in die der Konzern wegen der undurchsichtigen Machenschaften einer Marketing-Einheit seit Längerem verwickelt ist, demoralisiert. Vorgänger Leahy war auch nicht unbedingt als Gutmensch bekannt, der seine Leute emotional auffängt, sondern eher als eisenharter Chef, der äußersten Einsatz verlangt. Da war ein immer gut gelaunter Motivator wie Schulz, der noch dazu mit frischem Enthusiasmus und völlig unbelastet von außen kam, scheinbar die Idealbesetzung. Scherer, der nach allem, was man weiß, persönlich nichts mit der Bestechungsaffäre zu tun hat, musste warten.

Scherer kam 1984 zu Airbus, nachdem er in Paris und Ottawa internationales Marketing studiert hatte. Bei dem Flugzeughersteller war er vor allem im Verkauf, als Leiter der Vertragsabteilung; er war zuständig für die Leasingkunden und wurde Stellvertreter Leahys. Als Strategiechef war er gemeinsam mit Enders treibende Kraft hinter dem Start des A320neo-Programms, der neuesten Generation der Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge, die ein großer Verkaufserfolg geworden ist. Mit Enders sorgte er dafür, dass Airbus eine Endmontagelinie in den USA aufbaut.

Scherer wird wohl auch deswegen lange werkeln dürfen, weil er eine der wenigen Konstanten im Top-Management ist. Konzernchef Tom Enders hört im April 2019 auf, ebenso Finanzchef Harald Wilhelm. Neben Leahy ist auch schon der langjährige Airbus-Commercial-Chef Fabrice Bregier gegangen. Was all die anderen Personalien angeht, will Airbus spätestens bis Jahresende Klarheit schaffen. Und wenn Airbus ein Problem nicht hat, dann sind es mangelnde Aufträge, eine Flaute würde ihm zunächst nicht angelastet werden. Denn der Konzern hat große Probleme, all die Flugzeuge zu bauen, die die Fluggesellschaften in den vergangenen Jahren bestellt haben.