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Nahaufnahme:Ab ins Pub

„Wir alle waren zu Hause. Uns wurde gesagt, dass wir daheim bleiben sollen. Nun müssen wir wieder lernen, wie es ist, auszugehen", sagt Rishi Sunak.

(Foto: Reuters/John Sibley)

Schatzkanzler Rishi Sunak fordert die Briten zum Essen und Trinken auf. Weil die Pubs zu voll sind, gibt es Kritik.

Von Alexander Mühlauer

Rishi Sunak hat am Wochenende seine patriotische Pflicht erfüllt, so sieht er das jedenfalls. Der britische Finanzminister war mit seiner Frau in einem Londoner Tapas-Restaurant, zum ersten Mal seit dem Lockdown im März. Schon bevor englische Gaststätten, Pubs und Cafés am 4. Juli wieder öffnen durften, hatte Sunak seine Landsleute dazu aufgerufen, endlich mal wieder auszugehen. "Eat out to help out" lautet sein Motto. So will der Schatzkanzler den Konsum im Königreich ankurbeln. Doch nachdem es rund um die Pubs an vielen Orten des Landes so dermaßen voll war, dass an Social Distancing nicht zu denken war, steht Sunak nun in der Kritik: Hat er es mit seinem Aufruf übertrieben und droht damit eine zweite Corona-Welle?

Genau über diese Frage hatte das Kabinett unter Premierminister Boris Johnson bis zuletzt gestritten. Schatzkanzler Sunak war von Anfang an unter jenen Ministern, die auf eine schnelle Lockerung der Corona-Regeln drängten - am Ende setzte er sich durch. Vor allem die konservativen Medien feiern ihn dafür. Und so durfte Sunak der Times in einem zweiseitigen Interview erklären, warum Essen, Trinken und Shoppen jetzt zu den ersten Bürgerpflichten zählen. "Wir haben eine Wirtschaft, die ziemlich stark vom Konsum angetrieben wird ", sagte er. Die Menschen seien in den vergangenen Monaten allesamt zu Hause geblieben, jetzt müssten sie wieder lernen, wie es ist, auszugehen. Sunak selbst trinkt keinen Alkohol, er ließ sich für das Interview aber an einem Zapfhahn fotografieren. Die Botschaft kam an. 15 Millionen Pints wurden am ersten Tag nach der Wiederöffnung getrunken.

Ob Sunak die Bürger dafür lobt, wenn er am Mittwoch seine Rede zur wirtschaftlichen Lage hält, wird man sehen. Der Finanzminister dürfte sein Land aber auf schwere Zeiten einschwören. Und er wird sagen, was er gegen den drohenden Wirtschaftseinbruch tun will. Bereits im Frühjahr hatte er ein 300-Milliarden-Pfund-Paket angekündigt, um die Konjunktur zu stützen. Die Bank of England rechnet mit der tiefsten Rezession seit mehr als 300 Jahren. Wie stark der Absturz auf den Arbeitsmarkt durchschlägt, wird sich Ende Oktober zeigen; dann läuft das britische Modell der Kurzarbeit aus. Die Prognosen verheißen nichts Gutes.

Trotz dieser Aussichten hat es Sunak geschafft, seine Popularität zu steigern. Obwohl der Schatzkanzler erst seit Februar im Amt ist, wird er in Westminster schon als möglicher Nachfolger des Premierministers gehandelt. Der 40-Jährige mit dem Seitenscheitel und den Slim-Fit-Anzügen ist nicht nur stilmäßig das Gegenteil von Johnson. Sunak versteht es auch, anders als der Premier, mit ruhiger Stimme und klaren Worten zu erklären, was die Regierung vorhat. Er beherrscht allerdings auch die Rhetorik des Johnson'schen Populismus. Als er seinen ersten Haushalt im Unterhaus vorstellte, formulierte er den Wahlkampf-Slogan "Get Brexit done" um und sagte: "This budget get's it done".

Der Schatzkanzler gilt als bescheiden, aber zielstrebig. Sunak stammt aus einer indischen Einwandererfamilie. Geboren wurde der Sohn eines Hausarztes und einer Apothekerin in Southampton. Er besuchte eine Privatschule und studierte in Oxford. Danach arbeitete Sunak als Analyst bei Goldman Sachs und bei TCI, einem der aggressivsten Hedgefonds der Welt. Finanziell hat sich das für ihn gelohnt. Der Schatzkanzler gilt als einer der reichsten Parlamentarier im Unterhaus. Geldsorgen plagen ihn sicher keine; seine Frau Akshata Murthy ist die Tochter eines milliardenschweren Industriellen. Wenn Rishi Sunak nicht gerade mit ihr ausgeht oder etwas mit seinen beiden Kindern unternimmt, entspannt er sich ganz gerne mit Videospielen.

© SZ vom 07.07.2020

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