Näherinnen in Asien "Die Ergebnisse der Recherche haben uns geschockt"

Oft ist die Kleidung in den Regalen von H&M so günstig, dass man sich fragt: Ist das fair produziert? Aktivisten sagen: überwiegend nicht.

(Foto: Graham Barclay/Bloomberg)
  • Für Aufsehen sorgte 2013 H&M mit der Ankündigung, innerhalb von fünf Jahren bei seinen strategischen Zulieferern existenzsichernde Löhne für die Beschäftigten erreichen zu wollen.
  • Nun stellt die Kampagne für Saubere Kleidung nach Interviews mit Beschäftigten in vier Ländern H&M ein schlechtes Zeugnis aus.
Von Caspar Dohmen

Seit den schweren Fabrikunglücken in Asien mit vielen Toten stehen die oft miserablen Arbeitsbedingungen für Näherinnen im Fokus und Modefirmen sind mit der Frage nach ihrer Verantwortung dafür konfrontiert. Für Aufsehen sorgte da 2013 der schwedische Modekonzern H&M mit seiner Ankündigung, innerhalb von fünf Jahren bei seinen strategischen Zulieferern existenzsichernde Löhne für die Beschäftigten erreichen zu wollen.

Gewerkschaften und NGOs, die dieses Ziel bislang, erfolglos verfolgten, hofften auf eine Vorreiterfunktion von H&M, mit rund 4800 Filialen einem Schwergewicht. Nun - fünf Jahre später - stellt die Kampagne für Saubere Kleidung nach Interviews mit Beschäftigten in vier Ländern H&M ein schlechtes Zeugnis aus. "Die Ergebnisse der Recherche haben uns geschockt", sagt die Autorin der Studie, Bettina Musiolek, und spricht von Hungerlöhnen, exzessiven Überstunden und Fällen von Mangelernährung.

Selbstwahrnehmung von H&M und der Befund der Kampagne für saubere Kleidung passen schlecht zusammen

Das Unternehmen sieht sich hingegen auf einem guten Weg, was faire existenzsichernde Löhne anbelangt und erreicht nach eigenen Angaben mit seinen Maßnahmen knapp eine Millionen Textilarbeiter, "mehr als erwartet". Aber direkten Einfluss auf die Löhne habe H&M nicht. "Wie hoch diese sind, müssen die Arbeiter mit ihren Regierungen aushandeln - das ist nicht die Rolle von H&M und wir haben hier auch keine Handhabe", teilte das Unternehmen auf Anfrage mit.

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Genauen Aufschluss soll ein Bericht geben, den der Kleidungskonzern im Dezember veröffentlichen will. Eines steht schon jetzt fest: Die Selbstwahrnehmung des Unternehmens und der Befund der Kampagne für saubere Kleidung, einem Zusammenschluss von NGOs, Gewerkschaften und anderer gesellschaftlicher Gruppen, passen schlecht zusammen.

Befragungen bei strategischen Zulieferern

Für die Studie reisten Rechercheteams aus Wissenschaftlern und Aktivisten in die Türkei sowie nach Indien, Bulgarien und Kambodscha und befragten im Frühjahr 2018 Arbeiter, die bei sogenannten strategischen Zulieferern von H&M tätig sind. Als solche gelten Unternehmen, die H&M nach einem firmeninternen Bewertungssystem in die Kategorien Gold oder Platinstatus einstuft.

Dort arbeiteten 2013 rund 60 Prozent der Beschäftigten, die für H&M Bekleidung nähten. Die Befragung erwies sich als schwieriges Unterfangen: Vor allem in der Türkei und Bulgarien hätten viele Beschäftigte der Zulieferer aus Angst um ihren Arbeitsplatz gar nicht oder nur anonym reden wollen, sagt Musiolek. 62 Interviews seien zustande gekommen.

Wie hoch nun ein existenzsichernder Lohn sein soll, ist umstritten. Einig sind sich jedoch alle darin, dass der Lohn ausreichen sollte, damit eine Familie satt wird, ein Dach über dem Kopf hat, ihre Kinder zur Schule schicken und ein wenig Geld für unvorhergesehene Ausgaben sparen kann, um etwa einen Arzt bezahlen zu können. Die Kampagne für saubere Kleidung legte für Indien und Kambodscha das anerkannte Konzept der Asia Floor Wage Campaign zugrunde und ermittelte für die Türkei und Bulgarien eigene Werte. Keiner der befragten Arbeiter in den vier Ländern habe nach diesen Kriterien auch nur ansatzweise einen existenzsichernder Lohn erhalten. Viele der Arbeiterfamilien lebten sogar unterhalb der Armutsgrenze, heißt es in der Studie.

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