SZ-Kongress:Klimaschutz braucht Wirtschaftskraft

Windkrafträder mit bewölktem Himmel auf einer Freifläche an der Autobahn A9 in Sachsen-Anhalt zwischen Naumburg und Leip

Ohne Energie käme auch die Wirtschaft zum Erliegen. Windkraft gehört zu den günstigsten und am wenigsten umweltschädlichen Arten, sie zu erzeugen.

(Foto: imago images/Björn Trotzki)

Klimapolitik geht nur mit der Wirtschaft, nicht gegen sie. Und die gute Nachricht: Das gemeinsame Bewusstsein wächst. Das ist die Basis des ersten SZ-Nachhaltigkeitskongresses.

Kommentar von Marc Beise

Mit dem Hochwasser kam die Diskussion. Vielerorts wird die Frage des Klimawandels jetzt mit noch mehr Verve debattiert. Dabei zeigt sich beispielhaft an der Flut, wie kompliziert die Zusammenhänge sind. Weder ist die Erderwärmung unmittelbarer Anlass der Katastrophe, die die Menschen vor allem im Westen Deutschlands heimgesucht hat, noch hat sie damit gar nichts zu tun. Mindestens in der allgemeinen Wahrnehmung werden die Dinge in einen Zusammenhang gebracht - was im Interesse der Schärfung des Problembewusstseins nur begrüßt werden kann.

Die Erkenntnisse der Wissenschaft sind im Prinzip eindeutig, die Bilder aus aller Welt alarmierend. Nur wirklich dumme Menschen können die verheerenden Folgen des Klimawandels ignorieren, die bereits eingetreten oder zu erwarten sind. Auch über die notwendige Reaktion - beispielsweise das Ziel der Klimaneutralität - kann kein Zweifel bestehen. Was aber wie konkret umgesetzt werden soll, darüber muss sehr wohl gestritten werden.

Aus Sicht von Klimaaktivisten wie den "Fridays for Future"-Schülerinnen und -Schülern können die notwendigen Maßnahmen glasklar benannt werden, viel schwieriger aber ist die Antwort auf die Frage, wie man eine hochgerüstete, auf Wachstum und Wohlstand fixierte Volkswirtschaft so umbaut, dass die betroffenen Menschen - Konsumenten, Arbeitnehmer, Manager, Investoren und übrigens auch Wähler (m/w/d) - bereit sind, diesen Weg mitzugehen.

Klimapolitik hat einen bisher nie dagewesenen Drive bekommen

Dass die frühere Bundesumweltministerin Angela Merkel in 16 Jahren Kanzlerschaft für die Umwelt so viel weniger erreicht hat, als sie vermutlich selbst erwartet hatte, liegt sicher nicht an ihrer Ignoranz, sondern an den Wider- und Umständen. Natürlich kann man der Frau, die einst publikumswirksam mit roter Jacke in die Arktis reiste, falsche Prioritätensetzung vorwerfen, mangelhafte Zielstrebigkeit und handwerkliche Fehler - vor allem aber hatte sie es mit einer in Jahrzehnten gewachsenen Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur zu tun, die zu ändern das berühmte Bohren dicker Bretter ist; ganz abgesehen von der Unmöglichkeit, sich international auf eine konsequente Politik zu einigen.

Immerhin kann man heute schon festhalten, dass in die Klimapolitik ein Drive gekommen ist wie nie zuvor. Das gesellschaftliche Bewusstsein ist in wenigen Jahren massiv gestiegen und hat die Mitte der Gesellschaft erreicht. Damit verbunden wächst auch die Veränderungsbereitschaft und der Veränderungswillen in vielen Betrieben und Unternehmen. Was anfangs noch häufig "Greenwashing" war, also wohlfeile Lippenbekenntnisse aus Marketinggründen, hat eine Ernsthaftigkeit erreicht, die Mut macht.

Damit wächst auch die Wahrscheinlichkeit, dass Innovationen möglich sind, die der Umwelt und dem Klima schneller helfen, als das bisher zu erwarten ist. Und so muss es sein: Nur wenn das Begriffspaar Nachhaltigkeit und Wirtschaft in Kooperation gesehen wird statt als Gegensatz, kann die Klimazerstörung vielleicht aufgehalten werden. Der erste Nachhaltigkeitsgipfel der Süddeutschen Zeitung an diesem Donnerstag und Freitag in München will dazu seinen Beitrag leisten.

© SZ
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