Nachhaltigkeit:Was faire Handys können

Fairphone

Fair produzierte Handys lassen sich besser reparieren und werden daher nicht so schnell weggeworfen.

(Foto: Fairphone)

Die Herstellung von Smartphones verschmutzt die Umwelt, einige Rohstoffe kommen aus Kriegsgebieten und obendrein lassen sie sich meist nur wegwerfen und nicht reparieren. Es gibt aber ein paar Anbieter, die diese Probleme lösen wollen.

Von Moritz Zajonz

Wir haben es geschafft, viele Dinge des täglichen Lebens fair zu produzieren. Es gibt T-Shirts aus Bio-Baumwolle und Fairtrade-Kaffee, aber wir schaffen es nicht, jenen Gegenstand fair und nachhaltig herzustellen, mit dem viele Menschen viel Zeit verbringen: das Smartphone. Und dabei wäre es hier besonders relevant. Denn die Produktion von Handys ist ein dreckiges Geschäft. Und zwar in vielerlei Hinsicht: Oft werden sie unter brutalen Arbeitsbedingungen in chinesischen Fertigungshallen zusammengebaut. Bei der Verarbeitung seltener Erden, die in Touchscreens und Vibrationsmotoren stecken, entsteht radioaktives Abwasser. Für die Produktion sind Zinn und Tantal wichtig - das sind sogenannte Konfliktrohstoffe, die Kriege von Warlords im Kongo finanzieren. Wo also ansetzen, um die problematischen Konsequenzen des Smartphone-Baus zu reduzieren?

Partnerschaften mit Lieferanten verbessern die ethisch vertretbare Verarbeitung von Rohstoffen

Zum Beispiel bei der Lieferkette. Um die Arbeitsbedingungen entlang der Kette zu verbessern, wäre erst einmal Transparenz nötig: Hersteller müssen wissen, woher Zulieferer die Rohstoffe beziehen, aus denen sie die Einzelteile bauen. Das versucht zum Beispiel das Unternehmen Fairphone aus den Niederlanden zu lösen, indem es Partnerschaften mit Zulieferern eingeht. So sollen in gemeinsamen Projekten die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Zudem arbeitet das Unternehmen mit verschiedenen Initiativen zusammen - beispielsweise mit dem "Better Cobalt Programm", das versucht, Kobalt-Minen im Kongo als "ethisch vertretbar" zertifizieren zu lassen.

Problematisch ist nicht nur die Lieferkette, sondern der Smartphone-Markt. Er ist ein lineares System: Ein Hersteller produziert ein Gerät, der Verbraucher kauft es, benutzt es, schmeißt es weg und kauft sich ein neues. Alle Rohstoffe und noch funktionierende Teile im alten Gerät sind mehr oder weniger verloren. 2017 wechselten die Deutschen ihr Handy laut Counterpoint Research alle 21 Monate.

Erik Hansens Traum ist der Smartphone-Kreislauf. Er will aus dem linearen Produktionssystem ein ringförmiges machen. Hansen leitet an der Universität Linz das Institut für Integrierte Qualitätsgestaltung und forscht in Lüneburg im Innovationsverbund Nachhaltige Smartphones. So soll es gehen: Funktioniert ein Gerät nicht mehr, lässt der Kunde es zum Beispiel über den Hersteller reparieren oder recyceln, statt es wegzuwerfen. Dadurch könnten Smartphones länger verwendet werden, das verbrauche weniger Rohstoffe und Energie.

Die Lieferkette kontrollieren, die Geräte wiederverwenden: Diese Strategien verfolgt auch der Hersteller Shift aus dem hessischen Falkenberg. Ist ein Gerät nicht mehr zu reparieren, übernimmt Shift das Zerlegen des Geräts selbst und gibt nur kaputte Teile zum Recycling weiter an Partnerunternehmen, die sie umweltgerecht entsorgen.

Sowohl Fairphone als auch Shift setzen auf modulare Bauweisen: Komponenten wie Frontkamera, Rückkamera und USB-Anschluss sind als getrennte Module verbaut und lassen sich über ein paar Schrauben austauschen. Das steht im Kontrast zu den Telefonen von Samsung oder Apple, bei denen viele Teile verklebt werden und die dadurch sehr schwierig zu reparieren sind. Die modulare Bauweise kann jedoch auch selbst zu Problemen führen, weil sie noch in den Kinderschuhen stecke und anfällig für Wackelkontakte, Verschleiß oder Benutzerfehler sei, sagt Erik Hansen.

Mit der neuen modularen Handy-Generation von Shift sollen nicht nur Display, Akku und Rückseitenabdeckung austauschbar sein, sondern auch einzelne Kameras, Kerneinheit, Fingerabdrucksensor, Karten-Slots, Mikrofon, Lautsprecher und anderes.

Mit der Leistung aktueller Spitzenmodelle von Apple oder Samsung können die bisherigen Modelle fairer Smartphones nicht mithalten, aber das wollen sie auch nicht. Sie bewegen sich mit ihren Geräten im oberen Mittelfeld, was angesichts der geringen Erfahrung der Anbieter bemerkenswert ist.

Von Samsung und Apple unterscheiden sich die Verkaufszahlen der fairen Anbieter deutlich: Fairphone hat bis Mitte August dieses Jahres 155 000 Geräte verkauft. Apple allein hat im letzten Jahr mehr als 200 Millionen iPhones abgesetzt. Das sind 1300-mal so viele iPhones wie Fairphones. Shift ist noch etwas kleiner: Bisher wurden 25 000 Shiftphones verkauft.

Für die Produktion der bisherigen Modelle versuchte Shift, mit chinesischen Familienbetrieben mit etwa 300 Mitarbeitern zusammenzuarbeiten. Inzwischen ist das Unternehmen aber davon abgekommen und hat in Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation Taos einen eigenen kleinen Standort mit zehn Mitarbeitern in Hangzhou, südwestlich von Shanghai aufgebaut. Shift wollte auf diesem Wege eine Produktion aufbauen, die sie von Anfang an gestalten können. Die zehn Mitarbeiter im neuen Standort arbeiten 40 Stunden pro Woche - für die chinesische Elektro-Produktion ungewöhnlich kurz. Statt Coltan aus konfliktfreier Förderung zu beziehen, verwendet Shift keramische Mikrokapazitoren, die von vornherein kein Coltan enthalten.

In Sachen Transparenz hinken die Deutschen den Niederländern noch hinterher. Eine detaillierte Liste der Zulieferfirmen, wie Fairphone sie bereits seit 2014 online zugänglich macht, gibt es noch nicht. Shift erklärt, man werde seine Liste für das Modell Shift 6m bald veröffentlichen. Damit Kunden überprüfen können, ob das mit der Transparenz nur Marketing ist oder nicht.

© SZ vom 30.08.2018
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