Nachhaltigkeit in der Kleidungsproduktion:Nicht nur Nächstenliebe

Coronavirus - Großbritannien

Es muss nicht immer die billigste Kleidung in den Tüten sein.

(Foto: Owen Humphreys/picture alliance/dpa/PA Wire)

Kleidungshersteller wie Vaude und Trigema gehen neue Wege, um umweltfreundlich zu produzieren. Sie sehen darin viele Chancen.

Von Benjamin Emonts

Das Bedürfnis nach Nachhaltigkeit ist in der Textilbranche besonders groß, die Probleme sind altbekannt: In Billiglohnländern werden Kleider unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt. Arbeiterinnen und Arbeiter, teils noch im Kindesalter, müssen mit giftigen Chemikalien hantieren, sie bekommen Hungerlöhne und haben kaum Freizeit. Auch die Umwelt ist durch die Textilbranche extrem belastet. Der Anbau von Baumwolle kostet Unmengen Wasser, Chemikalien verpesten Gewässer. Global, so liest man, verursacht allein die Modebranche etwa zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen.

Die zentralen Fragen lauten also: Wie lässt sich das ändern? Und welche Verantwortung tragen Konsumentinnen und Konsumenten sowie Unternehmen? Damit hat sich am Donnerstag auch der Nachhaltigkeitskongress der Süddeutschen Zeitung beschäftigt. Einblicke gaben Antje von Dewitz, die seit 2009 die Geschäfte des Bergsportausstatters Vaude führt, und Wolfgang Grupp, der Inhaber des Kleidungsherstellers Trigema. Beide Unternehmen gelten in der Textilbranche als fortschrittlich in Sachen Nachhaltigkeit.

Trigema, das im vergangenen Jahr einen Umsatz von 122 Millionen Euro verbuchte, stellt seine Kleidungsstücke in Burladingen auf der Schwäbischen Alb her, einer einstigen Hochburg der Textilindustrie. Im Jahr 2004 führte das Unternehmen als erstes ökologische abbaubare Kleidung ein: Die kompostierbaren T-Shirts sorgten damals für Aufsehen. Ähnliche Wege geht Vaude. Das Unternehmen mit Sitz in Tettnang (Bodenseekreis) arbeitet seit knapp einem Jahrzehnt klimaneutral. Man setzt auf umweltschonende Materialien wie Bio-Wolle, biobasierten Kunststoff und Hanf. Seine asiatischen Zulieferer verpflichtet das Unternehmen, faire Löhne an die Belegschaft zu zahlen und auf die Umwelt zu achten.

"Ich mache das auch aus Eigennutzen"

Das Motiv hinter dieser Fortschrittlichkeit ist aber nicht nur Nächstenliebe und Umweltverbundenheit. Für Wolfgang Grupp ist nachhaltiges Arbeiten eine "riesige Chance", wie er betont. Seine Kunden legten immer mehr Wert auf Nachhaltigkeit, er sei entsprechend überzeugt, dass es sich für sein Unternehmen auszahle, hochwertige Materialien zu langlebigen Produkten zu verarbeiten. "Ich mache das auch aus Eigennutzen." Immer wieder hört man aber auch das Wort "Verantwortung", wenn man nach den persönlichen Definitionen von Nachhaltigkeit fragt.

Antje von Dewitz sagt: "Ich muss als Unternehmerin Sorge tragen, dass ich Mensch und Natur nicht schädige. Wir sind Teil eines globalen Problems. Wir müssen auch Teil der Lösung sein." Wolfgang Grupp findet gar, dass Unternehmer gesetzlich verpflichtet werden sollten, diese Verantwortung zu übernehmen. "Wir brauchen die Haftung und die Verantwortung in der Gesellschaft zurück", fordert er. Wenn Unternehmer "Schindluder treiben", so müssten sie auch zur Rechenschaft gezogen werden.

Welche Rolle aber spielt der Konsument? Aus Sicht des Großhandelsunternehmens Metro, das jährlich etwa 30 Milliarden Euro Umsatz macht, spricht die Vorständin Andrea Euenheim von einem "Zwiespalt". Auch die Metro verfolgt ein Nachhaltigkeitsprogramm. Doch als Großhandelsunternehmen habe man auch Kunden, die aus Kostengründen auf günstigere Produkte angewiesen seien. Es sei letztlich die Entscheidung des Kunden, ob er beispielsweise die billigen oder die teuren Eier wählt. Antje von Dewitz hingegen hält es für falsch, die Verantwortung auf den Konsumenten abzuwälzen. Man könne ihm die Entscheidung nicht überlassen.

In der Pflicht sieht man allerdings auch die Politik - insofern begrüßen die Unternehmerinnen und Unternehmer einhellig das neue Lieferkettengesetz, das der Bundestag im Juni verabschiedet hat. Große deutsche Betriebe müssen von 2023 an die Einhaltung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten bei ihren Zulieferern nachweisen, etwa das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit oder die Gewerkschaftsfreiheit. Vaude-Chefin Antje von Dewitz hatte sich vehement für das Gesetz eingesetzt.Mit Blick auf die Zukunft hat Andrea Fütterer, sozusagen die Kontrollinstanz in der Runde, dennoch zwiegespaltene Gefühle. Als Leiterin des "Forums Fairer Handel", das sich für gerechte Bedingungen in Handel und Landwirtschaft einsetzt, wertet sie das Lieferkettengesetz und das neue Gesetz gegen unfaire Handelspraktiken als großen Fortschritt. Doch andererseits kennt Fütterer auch die harten Fakten.

Im Geschäftsjahr 2020 gaben die Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland 1,8 Milliarden Euro für fair gehandelte Produkte aus - da sei viel Luft nach oben, so Fütterer. Im Geschäftsjahr 2020 ging der Umsatz mit fair gehandelten Produkten sogar leicht zurück um 2,9 Prozent. Fütterer, die Kleinbauern in Honduras und Nicaragua beraten hat, fordert ein generelles Umdenken, was die Preise für Kleidung und Lebensmittel betrifft. Ihre Organisation setzt sich für ein Ende der Dumpingpreise ein.

© SZ
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