Nachhaltigkeit:Die Ziele und der Zeitpunkt, bis wann sie erreicht sein müssen, sollten unverrückbar sein

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Ja, es ist wichtig, Klimaschutz nicht übers Knie zu brechen. Die einfachen, naheliegenden Lösungen sind nur selten die langfristig nachhaltigen. Doch die große Koalition muss endlich aufhören, ihre Klimaschutzziele öffentlich zur Debatte zu stellen. Über Mittel lässt sich diskutieren, auch über deren gerechte Verteilung. Die Ziele selbst und der Zeitpunkt, bis wann sie erreicht sein müssen, sollten jedoch unverrückbar sein. Das Klima ist nicht verhandelbar. Und es muss jetzt geschützt werden, nicht erst in 20 Jahren.

Die vergangenen Monate haben so deutlich wie lange nicht mehr gezeigt, wie groß der Einfluss von Wählern auf die Agenda der Politik ist. Deutschland galt lange als Blockierer, was Klimaschutzbestrebungen in der EU anging. Auch die Koalitionsverhandlungen waren aus Umweltsicht ein einziges Desaster: Schon damals war die Klimakatastrophe abzusehen, trotzdem fand weder eine Kohlenstoffdioxidabgabe oder gar ein Klimaschutzgesetz den Weg in den Zielkatalog. Bereits im Frühjahr 2018 war das ein Armutszeugnis für eine Regierung, heute ist es das aber umso mehr.

Dieser Sommer hat nun alles verändert. Als in Berlin durchsickerte, dass die Sorge ums Klima nicht nur von einigen Schülern artikuliert wird, sondern geradewegs aus der Mitte der Gesellschaft kommt, kletterte sie auch auf der politischen Agenda nach oben. Die Angst, Wähler mit zu viel Klimagerede zu verprellen, schwand. Auf EU-Ebene wurden Klimaentscheidungen plötzlich murrend durchgewunken statt vereitelt, national überbieten Politiker sich mit neuen Forderungen, wie der Umwelt geholfen werden kann. Und auch wenn das Pingpong der Klimavorschläge bisweilen etwas skurril anmutet und ihr jahrelanges Zögern den plötzlichen Klimaaktivismus der Regierung nicht gerade glaubwürdiger macht: Es ist ein gewaltiger Fortschritt. Und es ist unser Verdienst.

Gemeinsam haben die Bürger es geschafft, die Klimakrise national und international auf die Bühnen zu hieven. Das ist ein guter Anfang. Was nicht vergessen werden darf: Ja, wir haben Menschen gewählt, damit sie große und wichtige Entscheidungen, die alle betreffen, mit Weitsicht für uns fällen. Aus der Verantwortung ziehen können wir uns deshalb aber noch lange nicht. Mit dem Finger nur auf die Politik zu zeigen und uns zu echauffieren, wie langsam dort alles zugeht, ist zu einfach. Das ist zu bequem.

Unsere Macht besteht nicht darin, zu Hause zu bleiben, auf Sparflamme zu leben und uns gegenseitig mit Verzichtserklärungen zugunsten der Umwelt zu beeindrucken. Unsere Stimmen sind unsere Macht. Deshalb müssen noch viel mehr Menschen auf die Straßen gehen. Noch viel mehr Menschen müssen dafür kämpfen, dass das Thema Klimaschutz nicht so schnell wieder von der politischen Agenda verschwinden kann, wie es schon zu oft passiert ist. Und dafür sorgen, dass niemand mehr vom sanften Umstieg auf Nachhaltigkeit faseln kann. Gefordert ist eine viel stärkere Politisierung der Gesellschaft.

Nachhaltigkeit muss der kategorische Imperativ der Politik werden

Wir haben alles, was für dafür brauchen. Wir wissen genug über das Problem. Wir beginnen zu sehen, was passiert, wenn wir nichts tun. Wir kennen die Handlungsempfehlungen von Forschern und Ökonomen. Und einige von uns haben Wut im Bauch, was in Maßen nicht schaden muss.

Nachhaltigkeit muss der kategorische Imperativ der Politik werden. Die Regierung muss neue Vorgaben und Gesetze strikt daran ausrichten. Was nicht darauf einzahlt oder uns sogar zurückwirft, muss verworfen oder anderweitig kompensiert werden. Gleichzeitig muss Nachhaltigkeit auch in der Gesellschaft die Maxime des Handelns werden. Politisierung bedeutet auch, öffentlich für Positionen einzustehen. Petitionen zu unterschreiben, zu verbreiten und sie gemeinsam in den Bundestag zu bringen. In den Diskurs zu treten mit jenen, die sich einer achtsamen Lebensweise versperren.

Und nicht zuletzt sind auch Kaufentscheidungen politisch. Wer freitags für eine bessere Welt demonstriert, kann nicht montags wieder Fast Fashion kaufen, die Erneuerung seiner Heizanlage verschleppen und dreimal im Jahr in den Urlaub fliegen. Und wer das trotzdem tut, kann später nur schwerlich vor seinen Kindern und Enkelkindern rechtfertigen, warum er damals, im Jahr 2019, nicht erkannt hat, wie prekär die Lage war.

Nun finden sich für ein Leben, das keinen Spaß mehr macht, keine Mehrheiten. Wer das Gefühl hat, man wolle ihn bevormunden oder ihm gar etwas wegnehmen, reagiert nicht selten mit einer Abwehrreaktion oder - schlimmer noch - einem "Jetzt erst recht". Es muss nicht jedermann ab sofort in der Sächsischen Schweiz Urlaub machen, Tofu-Schnitzel essen und Neuware boykottieren - es kommt auf das Maß an.

Der erste Schritt kann sein, endlich einmal den eigenen CO₂-Fußabdruck auszurechnen. Wer schon jetzt elf Tonnen CO₂ für sich beansprucht, weiß sich in guter Gesellschaft, aber auch in der Gewissheit, dass er etwas verändern muss, und zwar jetzt. Und wer anstatt elf 20 Tonnen CO₂ im Jahr auf dem Konto hat, der soll verdammt noch mal aufhören, dermaßen auf Kosten der Umwelt zu leben. Gerade diejenigen, die entweder viel Zeit oder viel Geld besitzen, haben keine Ausrede mehr, ihre Ressourcen nicht endlich auch mal zugunsten der Umwelt einzusetzen. Wenn alle mitmachen, muss Klimaschutz nicht anstrengend oder radikal sein - aber er muss jetzt geschehen. Und wir haben es in der Hand, dass das auch in der Politik ankommt.

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