Nachhaltigkeit:Commerzbank und Land Hessen steigen aus umstrittenem Start-up aus

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Nachhaltigkeit: Die Banken sind auf der Suche nach nachhaltigen Geldanlagen. Das Frankfurter Start-up Arabesque will nun eine globale Plattform aufbauen.

Die Banken sind auf der Suche nach nachhaltigen Geldanlagen. Das Frankfurter Start-up Arabesque will nun eine globale Plattform aufbauen.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Die Investmentfirma Arabesque sammelt frisches Geld ein und benennt ihr wichtigstes Projekt für nachhaltige Geldanlagen um. Doch einige Alt-Aktionäre sind inzwischen ernüchtert.

Von Jan Diesteldorf und Meike Schreiber, Frankfurt

Das Frankfurter Start-up Arabesque hat seit seiner Gründung 2013 schon viel versprochen. Zuerst ging es um islamkonforme Investments und Fonds, später entwickelte das Unternehmen eine Datenbank für Nachhaltigkeits-Kennzahlen, dann kam eine Software hinzu, die mit künstlicher Intelligenz Geld anlegen soll. Der geschäftliche Durchbruch scheint aber bislang ausgeblieben zu sein. Mit einer neuen Idee soll sich das ändern: Das jüngste Versprechen heißt "ESG Book". Es ersetzt das bisherige Datenangebot namens Arabesque S-Ray und soll als globale Plattform für Nachhaltigkeits-Daten eine zentrale Anlaufstelle sein, auf der Unternehmen für Investoren hinterlegen können, wie grün oder sozial sie sind.

Für dieses Vorhaben hat Arabesque jetzt 35 Millionen Dollar bei zwei Finanzinvestoren und einer Tochter des Versicherungskonzerns Allianz eingeworben. Es gehe darum, der Firma "weiteres Wachstum" zu ermöglichen und die herausragende Technologie auszubauen, hieß es in einer Mitteilung von ESG Book. Die Partnerschaft sei getrieben von der "gemeinsamen Vision zu radikaler Transparenz bei Nachhaltigkeitsdaten", teilte die Wagniskapitalfirma Energy Impact Partners mit, die sich mit dem ebenfalls auf Nachhaltigkeit spezialisierten Finanzinvestor Meridiam zusammengetan hat. Man sehe einen "enormen Schwung" und die Firma auf dem Weg, die weltweit führende Plattform für ESG-Daten zu werden.

Darunter versteht man Daten, die bewerten, wie weit Firmen auf die Umwelt (Environment), Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung (Governance) achten. Auch Daniel Klier, Vorstandschef ESG Book, und früherer Strategiechef der Großbank HSBC, sagte, er freue sich auf "das nächste Wachstumskapitel" der Firma.

Altaktionäre verkaufen mit Gewinn

Manche Altaktionäre scheinen an diesem Kapital aber nicht mehr mitschreiben zu wollen. 2019 hatten mehrere Frankfurter Finanzkonzerne in die aufstrebende Firma investiert. Die Deutsche-Bank-Tochter DWS und die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) waren darunter, die Commerzbank und die IT-Beratung Accenture beteiligten sich, das Land Hessen investierte Steuergeld. Am eher siechenden Bankenstandort Frankfurt erregt die Verheißung eines Start-ups, das so ambitioniert ein Zukunftsthema angeht, erhebliche Aufmerksamkeit. So übernahmen Prominente wie der frühere Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen oder Ex-Vizekanzler Philipp Rösler Sitze im Beirat der Firma.

Die anfängliche Euphorie scheint indes bei einigen verflogen zu sein. Tatsächlich konnte Arabesque bislang noch nicht vom Geschäft mit grünen Finanzanlagen profitieren, wenn man die zuletzt veröffentlichten Zahlen von 2020 zugrunde legt. Die Commerzbank-Tochter Commerzbank Real (mit 4,9 Prozent beteiligt) und das Land Hessen (2,2 Prozent) haben ihre Anteile nun verkauft, wie sie am Donnerstag mitteilten. Helaba, DWS und Accenture lassen ihre Anteile hingegen verwässern, bleiben also investiert, ohne sich an der Kapitalerhöhung zu beteiligen.

Einem Insider zufolge seien Commerz Real und das Land Hessen mit dem Engagement unzufrieden gewesen, was keiner der beiden Investoren kommentieren wollte. Als Venture-Capital-Investition sei der Einstieg bei Arabesque S-Ray "absolut sinnvoll" gewesen, teilte ein Sprecher der Commerz Real mit. Weil nun aber ein bestimmtes Projekt zur Bewertung von Immobilien "keine Priorität" mehr habe, sehen man keinen Unterstützungsbedarf mehr und habe sich zum Verkauf entschieden. Den Minderheitsanteil habe man mit Gewinn an die Finanzinvestoren verkauft.

Umstrittene Geschäftspartner

Die Arabesque-Holding, die vor der Kapitalerhöhung 75 Prozent an S-Ray hielt, und ihr Gründer Omar Selim blieben in der Mitteilung vom Donnerstag dagegen unerwähnt. Die deutsch-britische Firma war zuletzt unter anderem durch das Engagement von Daniel Wruck ins Gerede gekommen, er ist ein Geschäftsmann aus Wiesbaden mit besten Kontakten nach Nahost. Als Partner von Arabesque war er daran beteiligt, 2019 die prominente Investorenrunde zusammenzubringen. Dabei kamen ihm seine Drähte in die Politik zugute, aber auch die Nähe zur Frankfurter Bankenprominenz - unter anderem zu Ex-DWS-Chef Asoka Wöhrmann, der das Investment in Arabesque mit Nachdruck vorangebracht hatte. Nach Greenwashing-Vorwürfen und mutmaßlichen Compliance-Verstößen musste Wöhrmann jüngst sein Amt aufgeben.

Haben die neuen Investoren die Namensänderung von Arabesque S-Ray verlangt und vorgegeben, auf Distanz zur früheren Mutter zu gehen? Fließt das ganze frische Geld in die Firma oder werden damit die Altaktionäre ausbezahlt? Diese und weitere Fragen ließen ein Arabesque-Sprecher und der Vorstandschef von ESG Book unbeantwortet. "Radikale Transparenz" ist im Alltag eben gar nicht so einfach.

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