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Nachhaltiger Konsum:Grüner Kleiderschrank

Nachhaltige Produktion

Die Klimakrise ist eines der größten Probleme unserer Zeit. Lösungsvorschläge gibt es für viele verschiedene Lebensbereiche. In dieser Serie stellen wir sie vor.

Wer vor dem Kauf von Mode genau hinsieht, kann etwas für die Umwelt tun. Danach ist es nützlich, die Textilien gut zu pflegen. Dann hat man auch länger etwas davon. Was Verbraucher beachten sollten, damit ein nachhaltiger Konsum gelingt.

Von Stefan Weber

Wie es zugeht in Teilen der globalen Bekleidungsindustrie, erfuhr die Welt am Morgen des 24. April 2013: An diesem Tag stürzte in einem Vorort von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, der achtstöckige Fabrikkomplex Rana Plaza ein. 1136 Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter verloren dabei ihr Leben, mehr als 2000 wurden verletzt. Der Name Rana Plaza steht seitdem für das größte Unglück in der Textilindustrie weltweit. Bereits am Tag vor der Katastrophe waren Risse in dem Gebäude entdeckt worden, doch viele Beschäftigte waren trotzdem gezwungen worden, ihre Arbeit fortzusetzen. Sie hatten vor allem Kleidung für den Export produziert.

Der verheerende Unfall in Bangladesch löste eine weltweite Debatte über die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie aus. Und er stimmte manche Menschen nachdenklich, wie sie mit Mode umgehen. Denn die Bekleidungsindustrie steht nicht nur wegen mangelnder sozialer Standards in der Kritik. Umweltschutzorganisationen verweisen immer wieder auch auf ökologische Sündenfälle, etwa durch den Einsatz schädlicher Chemikalien oder den immensen Wasserverbrauch.

Wie aber geht nachhaltiger Modekonsum? "Der erste Schritt ist ein kritischer Blick auf den eigenen Kleiderbestand", sagt Kirsten Bodde, Textil-Expertin bei Greenpeace und Autorin des Ratgebers: "Einfach anziehend. In 10 Schritten zum öko-fairen Kleiderschrank". Als schlimmste Umweltsünde gilt der Kauf von Dingen, die nie benutzt werden. Einer Greenpeace-Studie zufolge wird in Deutschland jedes fünfte Kleidungsstück so gut wie nie getragen. Das summiert sich auf etwa eine Milliarde ungenutzte T-Shirts, Hosen oder Mäntel.

Aufarbeiten und reparieren statt in den Müll stecken und neu kaufen: Ein Gang zum Schuster kann abgetragenen Schuhen ein neues Leben bescheren, verschlissene Jeans kann man ausbessern. Selbermachen sei wieder total angesagt, meint Kirsten Bodde. Sie macht sich einen Spaß daraus, kaputte Jeans mit goldenen Fäden zu reparieren, "damit jeder sieht, dass sie aufgearbeitet worden sind." Wenn es doch etwas Neues für den Kleiderschrank sein soll, empfehlen Nachhaltigkeitsexperten zunächst die Alternativen Secondhand-Händler und Tauschbörsen zu prüfen. Denn Kleidung zu teilen und möglichst lange im Kreislauf zu lassen, gilt als das Nachhaltigste. Slow Fashion statt Fast Fashion - so lässt sich das Wegwerf-Karussell zum Stehen bringen.

Wer beim Kauf genau hinschaut, kann eine Menge für die Umwelt tun. Aber die Orientierung ist nicht immer leicht. "Müssten die in der Kleidung enthaltenen Giftstoffe angezeigt werden, wäre das Etikett um einiges größer. So werden für konventionelle Baumwolle Pestizide und krebserregende Chemikalien, Farbstoffe, Weichmacher, Bleichmittel und Schwermetalle eingesetzt, sowie Luft und Wasser verunreinigt", stellt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) fest.

Bei jedem Waschgang verliert ein Kleidungsstück an Qualität und nutzt sich ab

Es gibt zwar eine Fülle von Siegeln auf Textilien. "Diesen Siegel-Dschungel zu überblicken, ist aber nicht leicht", räumt Nachhaltigkeitsexpertin Bodde ein. Im Frühjahr 2018 hat Greenpeace acht Ökotextillabel überprüft. Drei davon zeichnete die Organisation mit der Höchstwertung aus: IVN Best, das Siegel des Internationalen Verbandes der Naturtextilwirtschaft, den Global Organic Textile Standard (GOTS) sowie die Oeko-Tex-Tochter Made in Green. Nicht in der Wertung, weil erst seit gut einem Jahr im Markt, war der Grüne Knopf, das staatliche Siegel für nachhaltige Textilien.

Unter Nachhaltigkeitsexperten genießt der Grüne Knopf einen guten Ruf, weil er die Einhaltung anspruchsvoller Sozial- und Umweltstandards verlangt. Im ersten Halbjahr 2020 gingen nach Angaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bereits etwa 50 Millionen Textilien mit dieser Kennzeichnung über die Ladentheke. Ein Drittel der Deutschen, so heißt es, kenne den Grünen Knopf.

Für alle Kleidungsstücke gilt: Ein sorgfältiger Umgang verlängert die Lebensdauer. Gute Pflege beginnt bereits bei der richtigen Aufbewahrung im Kleiderschrank. Auch das nicht zu häufige Waschen von Textilien sowie die gründliche Reinigung und Pflege von Schuhen spiele eine wichtige Rolle. Generell gilt: Bei jedem Waschgang verliert ein Kleidungsstück an Qualität und nutzt sich ab. Deshalb rät der Nabu, mehr zu lüften als zu waschen - das spare auch Wasser und Waschmittel.

© SZ vom 18.11.2020
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