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Nachhaltige Mode:Banker wider Willen

Veganized

Ulrich Müller.

(Foto: Privat)

Ulrich Müller arbeitete in der Finanzbranche und stieg aus. Heute verkauft er über sein Unternehmen Veganized nachhaltige Mode.

Von Marcel Grzanna

Für den Absprung in ein anderes Leben benötigte Ulrich Müller zwei Anläufe. Nach dem ersten Versuch wurde er rückfällig wie ein Workaholic. Statt das zu tun, was ihm am Herzen lag, fand er sich in seinem alten Job wieder. In einem anderen Land zwar, aber in der gleichen Mühle. "Ich hatte erst versucht, mich als Kellner zu bewerben. Aber die wollten mich nicht, weil mir die Qualifikationen fehlten", sagt der 44-Jährige.

Hinter dem Verkaufstresen steht er heute trotzdem. Statt Bier zu zapfen, verkauft Müller nachhaltige Mode für Frauen, Männer und Kinder. Aus seinem Verkaufsgeschäft in der Altstadt von Málaga in Südspanien koordiniert er den europaweiten Onlinevertrieb der Produkte - alle vegan, alle ökologisch gefertigt, alle fair gehandelt. Veganized haben seine Frau Melanie und er ihren Handel getauft. Es ist ihr Beitrag für eine bessere Welt, wie sie sagen. Eine Welt, in der wirtschaftliches Handeln auf eine Wertschöpfungskette ausgerichtet ist, die keine Verlierer hinterlässt.

Das Geschäft mit Ethical Fashion, ethischer Mode, ist das Resultat einer persönlichen Entwicklung von zwei Aussteigern mit glänzenden Perspektiven in ihren alten Jobs. Ulrich Müller arbeitete als Banker im Ruhrgebiet. Schon als er Mitte 20 war, lotste ihn die Firmenleitung in die Zentrale nach Frankfurt. Er war Teil eines Pools junger Talente, die gefördert wurden, um in der Zukunft Führungsrollen zu übernehmen. Nach wenigen Jahren wurde Müller klar, dass dies trotz goldenen Aussichten nicht sein Leben war. "Ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich abends um neun nach Hause gegangen bin, während andere noch länger gearbeitet haben", erinnert er sich an die Zeiten als Bankangestellter.

"Lass uns nach Spanien", schlug seine Frau vor. Auch Melanie Müller war bereit, ihren gut bezahlten Posten in einem US-amerikanischen Großkonzern aufzugeben. Ihr Vater stammt aus Cordoba. Südspanien als Ziel lag deshalb nah, die Idee mit Veganized allerdings noch weit in der Ferne. Ulrich Müller bewarb sich aus der Not heraus in Marbella für einen Posten bei einer spanischen Immobiliengesellschaft. Man nahm ihn mit Kusshand. Er machte seine Arbeit so gut, dass die Firmenmutter, eine spanische Großbank, ihm nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 die Leitung einer Filiale anvertraute. Da war er gerade vier Jahre im Land und hatte sich vornehmlich über Telenovelas im spanischen Fernsehen ausreichend Sprachkenntnisse angeeignet. Frau Melanie genoss dank ihrer halbspanischen Abstammung ohnehin eine Art Heimvorteil.

Und so saß Müller fast zehn Jahre nach der Entscheidung gegen sein altes Leben in Frankfurt wieder in der Bank und arbeitete an einer Karriere in der Finanzwirtschaft. Eine Art Deja-vu, das ihn endgültig wachrüttelte. "Da haben wir dann die Notbremse gezogen", sagt er.

2015 ging Veganized online. Ein Jahr lang wohl geplant und strategisch entwickelt, aber nicht ohne Risiko. Zwei Kinder hatten die Müllers in der Zwischenzeit.

Der Euromonitor International 2017 stellte fest, dass nur sechs Prozent der Verbraucher für eine nachhaltige Produktion von Mode bereit waren, mehr Geld auszugeben. Deutlich wichtiger waren ihnen die Eigenschaften "komfortabel" und "hohe Qualität". Obwohl kein unmittelbarer Widerspruch in der Kombination aller drei Anforderungen besteht, ist das Öko-Image nachhaltiger Mode durchaus eine Herausforderung für die Branche, wie Müller sagt. Viele Konsumenten würden bei dem Gedanken an vegane Kleidung reflexartig das Bild eines Norwegerpullis und Sandalen vor Augen haben. "Uns war klar: Wenn wir dieses Konzept in die Mitte der Gesellschaft tragen wollen, dann müssen wir ein attraktives Angebot schaffen", sagt er.

Als Onlinevertrieb ist Veganized auch darauf angewiesen, was die Produzenten auf den Markt bringen. Tatsächlich hat sich einiges getan. Die Zahl der Anbieter von Ethical Fashion geht weltweit längst in die Tausende. Der aktuelle Ethical Fashion Global Market Report prognostiziert der Branche bis 2023 ein Wachstum von derzeit rund sechs auf über acht Milliarden US-Dollar. Das steigende Volumen ist auch das Resultat öffentlicher Debatten über die Arbeitsbedingungen in der Textilwirtschaft, ausgelöst durch den Einsturz einer Fabrik in Bangladesch mit Hunderten Toten im Jahr 2013, oder über den hohen Einsatz von Pestiziden und Wasserverbrauch bei der Baumwoll-Produktion. Das schlechte Gewissen nagt an den Kunden.

Fast zwei Drittel der Befragten der Euromonitor-Umfrage 2019 bestätigten: "Ich versuche, durch mein tägliches Handeln eine positive Wirkung auf die Umwelt zu erzielen." Der Lifestyle of Health and Sustainability (LOHAS) ist bei Menschen mit überdurchschnittlichem Verdienst besonders im Kommen. "Diese Zielgruppe legt wert auf echte Nachhaltigkeit. Sie will kein Green Washing", sagt Müller. Immer wieder versuchen große Modelabels ihrer Produktion durch ein geschicktes Marketing die Verträglichkeit mit ökologisch und sozial hohen Standards aufzudrücken. Solchen Produkten gibt Veganized keine Plattform.

Stattdessen vertreibt das Familienunternehmen ausschließlich Ware von zertifizierten Produzenten, die anerkannte Label von Fair Wear, Peta-Approved Vegan oder GOTS (Global Organic Textile Standard) tragen. Darunter auch deutsche Marken wie Armedangels oder Bleed. Verarbeitet wird Bio-Bauwolle, deren Produktion deutlich weniger Wasser verbraucht als herkömmliche Baumwolle, oder recycelbare Kunstfasern. Große Teile der Ware werden in Europa hergestellt, oft in Portugal oder der Türkei. Das macht die Produkte teurer, weil die Lohnkosten höher sind als in Asien, wo viele Modeartikel produziert werden.

© SZ vom 08.10.2020
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