Nachhaltige Investments Gute Anlage oder Werbegag?

Ob ökologische, soziale oder ethische Projekte - der Markt für nachhaltige Investments wächst enorm. Doch für Verbraucher ist es schwer zu erkennen, welche Produkte tatsächlich nachhaltig sind.

Von Lea Weinmann

Der Begriff der Nachhaltigkeit liegt derzeit voll im Trend und muss für vieles herhalten: Für den plastikfreien Einkauf, den CO₂-neutralen Weg zur Arbeit und seit einigen Jahren auch für die Geldanlage. 171 Milliarden Euro umfasste der deutsche Markt der nachhaltigen Investments im Jahr 2017, das gab das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) bekannt. Seit Jahren melden die Marktteilnehmer jährlich zweistellige Wachstumsraten, auch für 2018 rechnet das FNG wieder mit einem Wachstum von 30 Prozent.

Nachhaltige Investments sind immer noch ein Nischenprodukt; der Anteil am Gesamtmarkt liegt im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Dennoch machen sich Anleger immer öfter Gedanken darüber, was genau mit ihrem Geld passiert. Auch die EU-Kommission plant, die Finanzwirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Allerdings gilt es bei dieser Art von Investment genau hinzuschauen.

Was sind nachhaltige Investments?

Nachhaltige Investments sind Geldanlagen, die zusätzlich zu den klassischen Kenngrößen - wie beispielsweise die Rendite und das Risiko - auch nachhaltige Aspekte berücksichtigen. Zur Beurteilung der Nachhaltigkeit zieht man heute im Allgemeinen die Komponenten Umwelt (Environment), Soziales (Social) und die Art der Unternehmensführung (Governance) heran, aus denen sich der Dreiklang der sogenannten ESG-Kriterien ergibt. Eine einheitliche Definition von Nachhaltigkeit gibt es allerdings nicht - und darin liegt laut Experten die große Tücke. "Die Anbieter solcher Geldanlagen definieren für sich selbst, was Nachhaltigkeit bedeutet", sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Der Anleger muss entweder darauf vertrauen, dass seine Vorstellung mit dieser Definition deckungsgleich ist, oder selbst nachrecherchieren."

Heute gibt es etwa 450 nachhaltige Fonds in Deutschland, die Hälfte davon sind Aktienfonds. Das Spektrum ist mittlerweile aber ähnlich breit wie das konventioneller Anlagen: Neben Investmentfonds können Anleger auch in nachhaltige ETF (Exchange Traded Funds) investieren, die Aktienindizes wie zum Beispiel den MSCI World Socially Responsible Index nachbilden.

Welche nachhaltigen Anlagestrategien gibt es?

Um zu beurteilen, wie nachhaltig eine Anlage ist, gehen die Anbieter unterschiedlich vor. Häufig gibt es Negativlisten, die Investitionen in bestimmte Bereiche grundsätzlich ausschließen. Dazu gehören Unternehmen, die Arbeits- und Menschenrechte verletzen, ebenso wie Firmen, denen Korruption unterstellt wird, die Rüstungsindustrie, Glücksspielgeschäfte und Kernenergie.

Vor allem bei börsennotierten Wertpapieren wie Aktien kommt das "Best-in-Class"-Prinzip zum Einsatz. Zur Entwicklung eines nachhaltigen Fonds wird dafür ein Filter über Unternehmen jeder Branche gelegt, die entsprechend ihrer Nachhaltigkeit Punkte erhalten. Die Aktien, die am besten abschneiden, kommen in den Fonds. Das führt dazu, dass auch die besten Unternehmen einer nicht nachhaltigen Branche im Fonds auftauchen können. In der Beurteilung spielen bis zu 300 Kriterien eine Rolle. Oft wird die Analyse auf externe Ratingagenturen übertragen.

Darüber hinaus gibt es Fonds, die nur in spezielle Themenbereiche wie etwa erneuerbare Energien investieren oder sich gar auf die Unterstützung einzelner Projekte konzentrieren. Zu dieser Kategorie gehört auch das sogenannte Impact Investing, das zum Ziel hat, neben einer finanziellen Rendite auch einen tatsächlich messbaren positiven Einfluss auf nachhaltige und soziale Faktoren auszuüben.

Wie können Anleger die Nachhaltigkeit überprüfen?

Wie nachhaltig eine Anlage wirklich ist, können Laien nur schwer erkennen. Da der Markt schnell wächst, wird der Produkte-dschungel immer undurchsichtiger. Experten sind sich einig, dass auch oft "Grünfärberei" betrieben wird, also Finanzprodukte nachhaltiger dargestellt werden, als sie sind. Anleger sollten also genau hinsehen, bevor sie investieren.

Ob ein Produkt den eigenen Ansprüchen genügt, hängt dann auch wieder von der persönlichen Vorstellung von Nachhaltigkeit ab. Deutlich wird die Komplexität am Beispiel Waffenindustrie: Reicht es dem Anleger, dass nicht in Waffenhersteller investiert wird? Sollen Tochterfirmen, die mit der Waffenindustrie verbunden sind, auch ausgeschlossen werden? Dürfen die jeweiligen Zulieferfirmen Waffenhersteller beliefern?

Hinzu kommt: "Die wichtigen Informationen sind zwar da, aber oft irgendwo in Geschäftsberichten versteckt", sagt Jörg Weber, Chefredakteur des Internetportals Ecoreporter.de, das sich seit Jahren mit grünem Investment beschäftigt. Das mache die Recherche sehr aufwendig. Hilfreich sind außerdem private Gütesiegel, die die Nachhaltigkeit eines Produkts garantieren sollen. Dazu gehören das FNG-Siegel vom Forum Nachhaltige Geldanlagen und das Siegel der Ecoreporter. Diese Siegel werden nach Maßstäben vergeben, die die privaten Organisationen selbst festlegen: Manche sind strenger, andere definieren nur Mindeststandards.

Was kosten nachhaltige Produkte?

Die Kosten sind vom Aufwand für den Anbieter und dessen Marge abhängig. Der Markt umfasst eine breite Spanne von teuren bis günstigen Produkten. Preiswert sind oft nachhaltige ETF. Kostenintensiver ist der Bereich des Impact Investing, da dabei jedes finanziell unterstützte Projekt analysiert und einzeln betreut wird.

Wie sieht es mit Rendite und Risiko aus?

Wie bei ihren herkömmlichen Pendants gilt bei nachhaltigen Investments der Grundsatz: Je höher das Risiko, desto mehr Rendite. Zahlreiche Studien kamen in den vergangenen Jahren zu dem Schluss, dass nachhaltig Geld anzulegen nicht per se weniger Rendite bedeutet. Die Nachhaltigkeitsanalyse kann auch eine Art Frühwarnsystem sein - zum Beispiel dafür, dass ein Unternehmen schlecht geführt wird. Deshalb ist die Wertentwicklung nachhaltiger Fonds oft sogar stabiler.

Gibt es Institute, die nur nachhaltige Produkte anbieten?

14 deutsche Banken, darunter acht mit kirchlichem Hintergrund, richten ihr gesamtes Bankgeschäft nachhaltig aus. Das heißt, sie bieten die gleichen Finanzdienstleistungen wie konventionelle Banken an - also alles vom Girokonto über das Tagesgeld bis hin zum Sparbrief. Der Unterschied: Nachhaltige Banken verfolgen den Ansatz, mit ihrem Kreditgeschäft nur ökologisch und sozial vertretbare Projekte zu unterstützen - die Kriterien dafür legt wieder jede Bank selbst fest. Eine übersichtliche Auflistung aller Institute und ihrer Kriterien hat die Verbraucherzentrale Bremen (www.geld-bewegt.de) zusammengestellt.

Macht nachhaltiges Investment die Welt wirklich besser?

Darüber scheiden sich die Geister. Die einen sagen: Desinvestitionen in bestimmte Branchen verhindern zumindest, dass die Welt schlechter wird. Eine Studie der Verbraucherzentrale Bremen ergab 2014, dass eine Investition von 1000 Euro in den "saubersten" Fonds der Untersuchung anstatt in den "dreckigsten" Fonds pro Jahr 740 Kilogramm CO₂ einsparen kann.

Andere fragen skeptisch: Hätten wir tatsächlich Frieden auf der Welt, wenn niemand mehr in Rüstung investieren würde? Der Journalist Jörg Weber ist "überzeugt, dass nachhaltiges Investment wirkt". Er sagt aber auch, dass das in Aktien investierte Kapital nicht in Umweltprojekte fließe, sondern nur über die Börse an den Aktienverkäufer - wofür der es verwendet, bleibt also letztlich offen. Verbraucherschützer Nauhauser sieht es noch drastischer: Für ihn ist die Nachhaltigkeit in erster Linie eine "Verkaufsmasche".