Nachhaltig essen:"Man wird nicht alle Verbraucher mit der Holzhammermethode begeistern"

Nachhaltig essen: Anna Häring forscht in Brandenburg zu Agrar- und Ernährungswirtschaft.

Anna Häring forscht in Brandenburg zu Agrar- und Ernährungswirtschaft.

(Foto: privat)

Das Coronavirus wird nicht über Lebensmittel übertragen, trotzdem wollen viele Menschen ihre Ernährung ändern. Nachhaltigkeitsexpertin Anna Häring erklärt, wie das geht.

Von Helena Ott, München

Der Mensch greift im Supermarktregal zu Produkten, die er kennt und die ihm schmecken. Der Lebensmitteleinkauf sei "extrem habitualisiert", sagt Agrarökonomin Anna Häring von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Deshalb seien Konsumgewohnheiten oft wie einbetoniert. Die Pandemie entschleunigt den Alltag und lässt Platz, sich über die eigene Ernährung Gedanken zu machen.

SZ: Die Corona-Krise fördert den Absatz von Bio-Lebensmitteln, was steckt hinter dieser Entwicklung?

Anna Häring: In der Unsicherheit beginnen Menschen sich nach sicheren Konsumvarianten umzusehen und haben mehr Vertrauen in regionale Produkte und Bio-Ware als in den konventionellen Lebensmittelhandel. Das war auch bei Ehec und BSE schon so.

Was sind die wichtigsten Stellschrauben, wenn man nachhaltiger essen möchte?

An erster Stelle steht, den Fleischkonsum zu reduzieren und Fleisch aus artgerechter Haltung zu kaufen. Das spart CO2 und fördert Tierwohl. Wenn man Bio-Obst und -Gemüse kauft, trägt man dazu bei, dass die Natur nicht mit Pestiziden verunreinigt wird und die Böden mehr Humus aufbauen können. Außerdem kann man sich bemühen, verpackungsarm einzukaufen. Im Bio-Fachhandel müssen die Bio-Produkte nicht extra verpackt werden, um sie von konventionellen Produkten unterscheidbar zu machen.

Wie nachhaltig ernährt man sich mit einer Bio-Kiste, die nach Hause geliefert wird?

Da muss man auf die Unterschiede gucken. Wie viele saisonale und regionale Produkte haben die Lieferer auf dem Programm, wie hoch ist die Lieferhäufigkeit und wie lang die Anfahrt? Aber man kann das bei vielen Bio-Kisten auch bewusst steuern, indem man eine regionale Kiste bestellt, anstatt über den Onlineshop Beeren oder Tomaten im Winter zu ordern.

Aber ist es nicht falsch, dass man "Bio-Kisten" anbietet, aber trotzdem Südfrüchte im Programm hat?

Na ja, man wird nicht alle Verbraucher mit der Holzhammermethode begeistern, ganz auf Nachhaltigkeit umzustellen. Da können solche gemischten Kisten ein guter Einstieg sein.

Kann die deutsche Wohlstandsgesellschaft überhaupt noch ohne Mango und Avocado?

Ich glaube, es ist wichtig, dass man wegkommt vom Gedanken des Verzichts. Das löst immer starke Abwehrreaktionen aus. Es geht darum, zu überdenken, wie der Handel unsere Konsumwünsche in den letzten Jahren geprägt hat, und dass wir die Vielfalt regionaler Lebensmittel wieder stärker entdecken.

Bio zu kaufen muss man sich aber leisten können. Bleibt Nachhaltigkeit Besserverdienern vorbehalten?

Klar, Bio-Fleisch beispielsweise kostet schnell das Doppelte. Aber wenn ich mein gesamtes Ernährungsverhalten umstelle, Fleisch reduziere und weniger verarbeitete Produkte einkaufe, kann es gelingen, auch mit kleinem Budget nachhaltig zu leben.

Essen ist sehr von Gewohnheiten geprägt, vielen Menschen fällt es sehr schwer, da etwas zu ändern.

Ja, für einen Wandel hin zu einem anderen Ernährungssystem in Deutschland braucht es auch staatliche Eingriffe. Zum Beispiel die Abschaffung der Mehrwertsteuervergünstigung auf tierische Produkte und die Förderung nachhaltiger Lebensmittelerzeugung.

© SZ
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