Süddeutsche Zeitung

Smartphone-Bank:N26 schließt wegen Brexit alle britischen Konten

Die Berliner Direktbank will die Brexit-Gespräche nicht abwarten und verlässt schon jetzt das Vereinigte Königreich. Aber ist der Brexit wirklich der einzige Grund?

Die Brexit-Verhandlungen haben noch gar nicht begonnen, aber in Berlin tut man so, als stünde man bereits vor vollendeten Tatsachen. Die in der Hauptstadt ansässige Direktbank N26 sieht offenbar keinen Grund darin, die Gespräche über die künftige Beziehung zwischen London und Brüssel abzuwarten. Das Urteil der Banker steht schon jetzt fest: "Da Großbritannien nun die Europäische Union verlassen hat, werden wir zu gegebener Zeit nicht mehr in der Lage sein, mit unserer europäischen Banklizenz in Großbritannien zu operieren." Infolgedessen werde man das Vereinigte Königreich verlassen und in den kommenden Monaten alle Konten schließen.

Ob das mit der Banklizenz wirklich so kommt, kann niemand wissen. Gerade erst in dieser Woche stritten Brüssel und London öffentlich über die Frage, welchen Zugang die britischen Finanzinstitute künftig in der EU haben werden - und damit auch umgekehrt. Bis Ende des Jahres läuft noch eine Übergangsphase, in der Großbritannien im Binnenmarkt bleibt. Für Banken und Finanzdienstleister ändert sich solange nichts. Was von 2021 an gilt, muss nun verhandelt werden. Es ist aber durchaus anzunehmen, dass ein Institut mit der Banklizenz eines EU-Staates, das weiter in Großbritannien tätig sein will, auch eine Lizenz der Bank of England braucht.

Natürlich habe man die politische Lage sehr genau verfolgt, heißt es in Berlin, schließlich kam N26 im Jahr 2017 auf den Markt, als das Brexit-Votum schon etliche Monate zurücklag. Aber zuletzt überwogen offenbar die Zweifel daran, dass sich eine britische Banklizenz lohnen würde. "Eine separate Lizenz für Großbritannien wäre mit einem erheblichen betrieblichen Aufwand und regulatorischer Komplexität verbunden", sagt ein Sprecher.

Komplexität ist etwas, dass die Smartphone-Bank von Anfang an abgelehnt hat: bei ihrem Produkt, das im Wesentlichen aus einer Banking-App mit angeschlossenem Konto und teils kostenpflichtigen Zusatzoptionen besteht, aber vor allem auch bei den internen Strukturen - was ihr mitunter Ärger mit der Finanzaufsicht einbrachte, weil beispielsweise die Geldwäsche-Vorsorge unzureichend war. Bislang konnte N26 mit seiner deutschen Vollbanklizenz die ganze EU inklusive Großbritannien als Markt bedienen. In den USA, wo die Neobank nach eigenen Angaben mehr als 250 000 Kunden zählt, nutzt sie die Lizenz eines Partners, um in allen Bundesstaaten aktiv sein zu dürfen.

Der ganze regulatorische Aufwand - eine neue Lizenz und allein dafür zuständige Mitarbeiter, Änderungen an der britischen Version der App - rechnet sich offenbar nicht angesichts der Marktchancen, die sich N26 in Großbritannien erhoffen kann. Es ist eine nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse: Die in London gebundenen Ressourcen kann die Bank in den übrigen europäischen Ländern und nunmehr vor allem in den USA gut gebrauchen.

Britische Kunden müssen sich eine andere Bankverbindung suchen

Fünf Millionen Kunden zähle man inzwischen weltweit, verkündete N26 vor wenigen Wochen, wobei solche Zahlen wenig verlässlich sind. Wie viele wirklich aktive Kunden darunter sind oder wie viele N26 als Hauptkonto nutzen, kommuniziert die Bank nicht. Fest steht aber, dass sie im Jahr 2019 schätzungsweise so viel Ertrag erwirtschaften konnte, dass N26 bereits auf ein Viertel der Größe der etablierten Direktbank Comdirect kommt.

In Großbritannien haben wenige hunderttausend N26-Kunden nun bis zum 15. April Zeit, sich eine andere Bankverbindung zu suchen. Der harte Wettbewerb im Vereinigten Königreich habe zwar nicht zu der Entscheidung geführt, betont die Bank. Aber ganz wegdiskutieren lässt sich das nicht. Während N26 in vielen EU-Staaten Marktführer ist, gibt es in Großbritannien einen harten Konkurrenzkampf. Englische Anbieter wie etwa Monzo und Starling liefern sich dort seit einigen Jahren einen äußerst starken Wettbewerb.

Ob N26 Nachahmer findet, dürfte sich zeigen, wenn die Brexit-Verhandlungen ein wenig fortgeschritten sind. Die niederländische Smartphone-Bank Bunq teilte jedenfalls mit, dass sie bislang keinen regulatorischen Grund sehe, Großbritannien zu verlassen.

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SZ vom 13.02.2020/vit
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