Onlinehandel:"Unsere Strategie ist nicht Wachstum um jeden Preis"

Lesezeit: 4 min

Onlinehandel: Bestellt wird viel: Ein Lager von Mytheresa.

Bestellt wird viel: Ein Lager von Mytheresa.

(Foto: Anna-Len, Mytheresa)

Vor einem Jahr ist die Münchner Firma Mytheresa an die Börse in New York gegangen. Die Geschäfte laufen in der Pandemie gut, sagt Firmenchef Michael Kliger. Nur der Aktienkurs ist im Keller. Warum?

Von Caspar Busse

Es war einer der bislang wichtigsten Momente in der noch jungen Geschichte der Unternehmens, doch live dabei war keiner. Als Mytheresa, der weltweit erfolgreiche Onlinehändler für Luxusmode und -produkte, im Januar 2021 an die Börse in New York ging, konnten Unternehmenschef Michael Kliger und das Mytheresa-Team nur vor dem Bildschirm in München sitzen. Wegen der Pandemie war niemand in die USA gereist, die traditionelle Eröffnung des Börsentages durch den Börsenneuling fand nur virtuell statt. Das alles ist jetzt genau zwölf Monate her, der Konzern feiert das Jubiläum, seit einem Jahr an der Börse zu sein.

Zum Feiern hätte es damals jedenfalls Anlass gegeben: Der Kurs stieg zur Premiere deutlich an. Es war der erste große Börsengang im vergangenen Jahr, was viel Aufmerksamkeit erregte - und es gibt nicht viele Internetfirmen aus Deutschland, die den Sprung nach New York schaffen. Mytheresa ist ein Onlinehändler für Luxusgüter und verkauft Mode und Accessoires von 250 Marken und Designern, darunter von allen Großen wie Gucci, Yves Saint Laurent, Prada, Burberry und Valentino. Es ist eine Art Zalando für Luxus. Zalando ist ein Mode-Onlinehändler aus Berlin, der viel größer ist als Mytheresa.

Das Geschäftsmodell ist unabhängig von Corona, sagt der Firmenchef

Die Geschäfte von Mytheresa laufen gut, die Margen mit Luxusmode sind hoch. Alleine im letzten Quartal ist der Umsatz um fast 30 Prozent gestiegen. Im laufenden Geschäftsjahr soll die Zahl der Kunden auf deutlich 800 000 steigen, es werden Gewinne erwirtschaftet. "Wir sind natürlich ein Profiteur der Pandemie", sagt Vorstandschef Michael Kliger der Süddeutschen Zeitung.

Das Geschäftsmodell sei aber unabhängig von Corona. "Gerade im Luxusbereich ist der Onlinehandel noch jung und wenig entwickelt, der Online-Anteil am Gesamtmarkt wird weiter stark steigen", sagt Kliger. Als er 2015 von Ebay zu Mytheresa wechselte, wurden in der Luxusbranche weltweit vier Prozent online bestellt. Vor Beginn der Pandemie waren es dann zwölf Prozent, jetzt sind es 22 Prozent, Tendenz weiter steigend. Der Online-Anteil soll bis 2025 auf 30 Prozent steigen.

Onlinehandel: Nur virtuell: Der Börsengang von Mytheresa vor einem Jahr - mit der Chefin der New Yorker Börse, Stacey Cunningham (links).

Nur virtuell: Der Börsengang von Mytheresa vor einem Jahr - mit der Chefin der New Yorker Börse, Stacey Cunningham (links).

(Foto: Courtney Crow/AP)

Ohnehin ist Luxus nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung Bain gerade wieder im Trend. "Die Luxusgüterindustrie erfährt gerade eine wahre Renaissance", erklärt Bain-Expertin Marie-Therese Marek. Die Konsumenten gönnen sich wieder etwas vom Geld, das sie in der Pandemie nicht ausgeben konnten. Und Statussymbole sind auch wieder in. Der Umsatz der Edelmarken mit Kleidung, Schuhen, Taschen, Parfüm und Schmuck lag 2021 wieder bei gut 280 Milliarden Euro und damit wieder über Vorkrisenniveau.

Der Luxusmarkt soll Prognosen zufolge mittelfristig weiter zulegen, um sechs bis acht Prozent im Jahr, Onlineverkäufe werden dabei immer wichtiger. Die großen Anbieter machen dabei etwa 40 Prozent des Onlineumsatzes auf ihren eigenen Webseiten. Der Rest entfällt auf spezialisierte Plattformen wie Mytheresa, Farfetch oder Net-a-porter.

"Wir wachsen sehr stark in Asien und den USA", sagt Kliger. "Der Börsengang in New York hat sicher unsere Bekanntheit in den USA erhöht. Mytheresa wird weitere internationale Büros eröffnen, um die Kundennähe zu verstärken." In New York ist die Firma mit Hauptsitz in Aschheim bei München seit dem vergangenen Sommer aktiv. Durchschnittlich bestellen die Kunden bei Mytheresa für rund 600 Euro. Kliger sieht Plattformen, bei denen es viele Marken gibt, klar im Vorteil. Denn die Kunden suchten Inspiration und wollten Auswahl, dann kämen sie auch immer wieder.

Onlinehandel: Seit 2015 im Unternehmen und auch beteiligt: Mytheresa-Vorstandschef Michael Kliger.

Seit 2015 im Unternehmen und auch beteiligt: Mytheresa-Vorstandschef Michael Kliger.

(Foto: Friedrich Bungert)

Top-Kunden kaufen bis zu 30 Mal im Jahr. Die Vielnutzer haben eine große Bedeutung: Drei Prozent der Mytheresa-Kunden machen alleine 30 Prozent des gesamten Umsatzes aus, so Kliger. Um die Kunden zu binden, arbeitet Mytheresa jetzt auch mit der französischen Plattform Vestiaire Collective zusammen. Dort können gebrauchte Luxusgüter unkompliziert verkauft werden, die Kunden erhalten dann Gutscheine für Mytheresa.

"Unsere Strategie ist nicht Wachstum um jeden Preis", sagt Kliger. Die Luxusmarken, mit denen Mytheresa zusammenarbeitet, hätten eben ein seriöses Geschäftsmodell und kein Interesse an einem Partner, der irgendwann in finanzielle Schwierigkeiten geraten könnte. "Das wäre gerade für Luxusmarken extrem unangenehm", so Kliger. Denn viele von denen fürchten nichts mehr, als dass Ware weit unter Preis verramscht wird und damit das Image leidet.

Wann weitere Aktien auf den Markt kommen, ist eine Frage der Zeit

Den Onlinehändler Mytheresa gibt es erst gut 15 Jahre, doch die Geschichte ist wechselhaft. Alles fing 1987 an, mit einem kleinen Laden für Designermode in der Münchner Innenstadt namens "Theresa". 2006 begannen die damaligen Eigentümer in den Räumen direkt über dem Geschäft ein Onlineshop mit der Adresse Mytheresa.com. Einst wurden die Päckchen unten im Münchner Geschäft gepackt und in die Post gegeben. Doch bald wurde alles viel größer und internationaler.

Nach dem Abschied der Gründer stieg erst ein Finanzinvestor ein. 2014 wurde Mytheresa dann von Neiman Marcus gekauft. Das mehr als hundert Jahre alte US-Unternehmen, zu dem unter anderem das bekannte Luxuskaufhaus Bergdorf Goodman in Manhattan gehört, ging aber zwischenzeitlich in die Insolvenz. Danach gehörte Mytheresa Finanzinvestoren, die auch Anteilseigner von Neiman Marcus waren, sowie den Kreditgebern von Neiman Marcus. Alle haben ihre Anteile gebündelt und halten seit dem Börsengang noch 80 Prozent an dem Unternehmen.

"Der Streubesitz von Mytheresa ist derzeit noch sehr gering, das macht uns nicht sehr attraktiv für größere Investoren oder Fonds", sagt Kliger. Das sei aber nur eine Frage der Zeit: "Jeder im Markt weiß, dass unsere Investoren irgendwann verkaufen wollen. Die haben kein langfristiges strategisches Interesse an Mytheresa."

Diese Unsicherheit ist wohl auch einer der Gründe für die zuletzt schlechte Kursentwicklung der Mytheresa-Aktie. Der Emissionskurs vor einem Jahr lag bei 26 Dollar, danach stieg das Papier deutlich an und sinkt nun seit November wieder. Derzeit liegt die Mytheresa-Aktie unter 20 Dollar. "Wir stehen deutlich besser da als je, der Aktienkurs reflektiert das aber nicht", kritisiert Kliger, der selbst etwa ein Prozent an dem Unternehmen hält. Er und das gesamte Management seien nicht zufrieden mit dem Aktienkurs. "Wir sehen uns klar unterbewertet", sagt Kliger.

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