Fünfjahrespläne gibt es nicht nur in sozialistischen Staaten, auch viele ganz kapitalistische Unternehmen arbeiten mit strategischen Planungen über diesen Zeitraum. Die Führung des Rückversicherers Munich Re ist sehr zufrieden mit dem gerade abgelaufenen Plan „Ambition 2025“. Der Konzern übertraf die selbstgesetzten Gewinnziele deutlich.
Die kommenden Jahre soll der Plan „Ambition 2030“ das Unternehmen prägen. Er wurde am Donnerstag von Konzernchef Joachim Wenning und Finanzchef Christoph Jurecka präsentiert. Es waren Wennings letzten Gespräche mit Investoren und Journalisten für die Munich Re. Er geht mit 60 Jahren in den Ruhestand, Jurecka, 50, übernimmt im Januar.
Klar ist: Für Aktionäre sollen es goldene fünf Jahre werden. Den Gewinn pro Aktie will das Unternehmen jährlich um acht Prozent erhöhen. Die Rendite will es auf über 18 Prozent des Eigenkapitals steigern, in den vergangenen Jahren waren es 14 bis 16 Prozent. „Das ist natürlich anspruchsvoll, aber trotzdem realistisch“, sagte Wenning.
Für 2025 erwartet das Unternehmen sechs Milliarden Euro Gewinn nach Steuern, 2026 sollen es sogar 6,3 Milliarden Euro sein. „Sechs Milliarden ist nicht das Ende der Fahnenstange“, betonte Wenning. „Wir werden unser Nettoergebnis auf neue Rekordwerte hochschrauben.“
Die Anteilseigner sollen noch mehr davon haben als bisher. In den vergangenen fünf Jahren zahlte die Munich Re im Durchschnitt 75 Prozent der Gewinne an die Aktionäre aus – als Dividende und über Aktienrückkäufe, die den Aktienkurs stützen. Künftig will die Gruppe 80 Prozent des Gewinns dafür verwenden.
Ob der Konzern die hohen Ziele erreicht, ist keineswegs garantiert. Hohe Schäden aus Naturkatastrophen können das Ergebnis im wahrsten Sinne des Wortes verhageln. Es ist nicht gesagt, dass die Munich Re die zurzeit möglichen hohen Preise für den Rückversicherungsschutz auch künftig erreicht.
Wie „golden“ die kommenden fünf Jahre für die 43 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden, ist nicht klar. Bis zum Jahr 2030 will Jurecka die Kosten um 600 Millionen Euro pro Jahr senken, schon 2026 sollen es 200 Millionen Euro sein. Wie hoch die Kosten insgesamt zurzeit sind, sagt das Unternehmen nicht. Aber fest steht, dass eine solche Summe nicht mit Kleinigkeiten einzusparen ist.
Die Chefs müssen Rekordgewinne versprechen, wenn sie überhaupt das Interesse der Aktionäre gewinnen wollen
Wenning äußerte sich widersprüchlich. Auf die Frage, ob die Einsparungen auch durch Arbeitsplatzabbau erreicht werden sollen, sagte er: „Nein, soweit ich das beurteilen kann, wird das nicht so sein.“ Gleichzeitig kündigte er an, dass es Diskussionen mit Mitarbeitervertretungen gebe, „die laufen noch“. Wenning weiter: „Wenn wir so weit sind, dass die ganzen Sozialverhandlungen abgeschlossen sind, dann können wir auf diese Frage auch besser antworten.“ Wenn ein Unternehmen Sozialverhandlungen führt, will es in der Regel auch Arbeitsplätze abbauen. Die Fluktuation durch Mitarbeitende, die in den Ruhestand gehen oder aus anderen Gründen ausscheiden, wird nicht reichen.
Wenning und Jurecka ging es bei ihrer Präsentation vor allem darum, Investoren zu erreichen und davon zu überzeugen, in Munich-Re-Aktien zu investieren. In den vergangenen Jahren sind sie nicht schlecht damit gefahren: Ende 2015 kostete das Papier 183 Euro, heute sind es 559 Euro, der Kurs hat sich mehr als verdreifacht.
Aber es ist nicht ausgemacht, dass das so bleibt. In der Vergangenheit hat die Aktie auch tiefe und lang andauernde Einbrüche erlebt, so wie im Gefolge des Börsencrashs von 2000 bis 2003. Und trotz des hohen Kurses ist die Munich Re, einer der weltgrößten Rückversicherer, an der Börse nur 73 Milliarden Euro wert. Das Unternehmen erzeugt wenig Fantasie bei Anlegern, es hat keine neue Technologie, kein neues Geschäftsmodell und keinen revolutionären Ansatz für das Umkrempeln des Versicherungsmarktes zu bieten.
Zum Vergleich: Der Softwarekonzern SAP, international eher mittelgroß, kommt auf 253 Milliarden Euro Börsenkapitalisierung, das internationale Schwergewicht Microsoft erreicht sogar 3,05 Billionen Euro. Die Munich Re passt 41-mal in Microsoft hinein, gemessen am Börsenwert. Kein Wunder, dass Wenning und Jurecka Rekordgewinne versprechen müssen, wenn sie überhaupt das Interesse der Aktionäre gewinnen wollen. Abgerechnet wird spätestens in fünf Jahren.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, für 2025 erwarte das Unternehmen 5,4 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern. Munich RE teilte später mit, es werden sechs Milliarden Euro erwartet, wir haben die Zahl angepasst.
