bedeckt München 21°

Munich Economic Debates:Von der Klimakrise zur Finanzkrise

Die Erderwärmung erfordert ein Umdenken, fordert die französische Notenbankerin Sylvie Goulard.

Die Tüddelchen sind noch da. Die französische Zentralbank bemühe sich, ihren eigenen Pensionsfonds "grün" zu machen, erzählt Sylvie Goulard, die stellvertretende Chefin der Banque de France. Um das Wort Grün malen ihre Hände die Anführungszeichen in die Luft - aber das macht sie nur einmal, während sie über Notenbanken und die Klimakrise redet. Goulard hat ansonsten keine Berührungsängste mit der Debatte über den Klimawandel, im Gegenteil: Sie arbeitet daran, dass auch die Zentralbanken eine Rolle im Kampf gegen die Klimakrise spielen. "Der Klimawandel verursacht viele Risiken, die wir bisher nicht einbezogen haben", sagt die Französin bei ihrem Vortrag im Rahmen der "Munich Economic Debates" von SZ und Ifo-Institut in München.

Goulard kommt von einem Notenbankertreffen in Baltimore und reist am Donnerstag weiter nach Paris. Sie spricht frei und fließend Deutsch. Politik und Unternehmen diskutieren, ob Notenbanker sich überhaupt mit der Klimakrise beschäftigen können, sollen, dürfen oder wiederum müssen. Zentralbanken haben eigentlich nur eine Aufgabe: Die Preise und das Finanzsystem sollen stabil bleiben. Ob eine Regierung weiterhin auf Kohle setzt oder Windräder baut, darüber dürfen sich Notenbanker zwar privat Gedanken machen, aber ihre Rolle als unabhängige Hüter der Währung verlangt, dass sie sich aus diesen politischen Debatten heraushalten. Daher rührt bei manchen Beobachtern eine Grundskepsis, dass die Notenbanken sich von Klimapolitik fernhalten sollen. Auch Goulard betont natürlich diese generelle Haltung, dass die Notenbanken nicht Politik machen wollen. Aber der Klimawandel sei so ein tief greifendes Problem, dass es die Kernaufgaben der Notenbanken betreffe, argumentiert sie. Zwar bekräftigt sie die Unabhängigkeit der Notenbanken, was beim deutschen Publikum gut ankommt. Aber "die Unabhängigkeit bedeutet nicht, sich von der Gesellschaft zu isolieren", sagt Goulard. An erster Stelle seien jedoch die Politiker gefragt, die anders als die Notenbanken demokratisch legitimiert seien.

Industriekletterer pruefen Aussenhaut eines Windkraftanlagenrotors

Alternative Energie: Industriekletterer prüfen die Außenhaut eines Windkraftanlagenrotors.

(Foto: Paul Langrock/laif)

Goulard zeigt in Grafiken, wie enorm sich die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre erhöht hat und wie hoch die Temperatur im Durchschnitt steigen wird, wenn die Welt zu wenig oder gar nicht reagiert. Darauf baut die Argumentation auf, warum Notenbanken sich um das Klima sorgen müssen: Die Klimakrise verursache Risiken, beispielsweise Brände und Hitze. "Die Versicherungen und der Agrarsektor spüren das", sagt Goulard. Das könne hohe Kosten verursachen. Riskant sei auch die Umstellung der Wirtschaft auf Klimaneutralität, so Goulard: "Ich weiß nicht, ob ich das in München sagen darf, aber: Was passiert mit dem Automobilsektor, wenn Menschen nicht mehr Auto fahren wollen?" Die anstehenden riesigen Umstellungen würden nicht nur Gewinner hervorbringen. "Das wird nicht nur win-win", sagt Goulard. Viel werde dabei auch der Markt regeln. "Sie haben als Kunden einen riesigen Einfluss", so Goulard. Sie kenne Vorstandsvorsitzende, die Angst hätten vor den Entscheidungen der Konsumenten.

Kurzum: Aus der Klimakrise kann eine Finanzkrise werden, wenn es in der Wirtschaft knallt. "Wir müssen diese Risiken ohne Leidenschaft betrachten. Das sind Fragen der Finanzstabilität", sagt Goulard - und diese zu gewährleisten, gehöre zu den Grundaufgaben der Zentralbanken. "Die Finanzstabilität ist das kleine Fenster, durch das wir uns das anschauen."

Und auch für die Inflation könne der Klimawandel relevant sein, wenn sich beispielsweise die Preise für Lebensmittel, Energie und Mobilität ändern. "Wenn wir uns nicht darum kümmern, könnte man uns vorwerfen, nicht die Wirtschaft in Betracht zu ziehen, wie sie ist", sagt sie. "Wir wollen nicht in die Falle tappen, gar nichts zu machen."

Sylvie Goulard in München.

(Foto: Romy Vinogradova/Ifo)

Goulard ist seit Januar 2018 in der Banque de France. Zuvor war sie kurz Verteidigungsministerin in Paris und lang Abgeordnete im EU-Parlament, wo sie sich um Wirtschaftspolitik kümmerte. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wollte sie 2019 als mächtige EU-Kommissarin in Ursula von der Leyens Kabinett bringen, was aber im EU-Parlament scheiterte. Die Abgeordneten warfen ihr hoch dotierte Beratertätigkeiten vor, zudem ist sie in eine Affäre verstrickt; im Dezember hat Frankreichs Justiz daher ein Ermittlungsverfahren gegen sie eröffnet. Es geht um die Frage, ob Goulard in ihrer Zeit als EU-Parlamentarierin Mitarbeiter, die für sie in ihrer Tätigkeit als Abgeordnete gearbeitet haben, für Parteijobs eingesetzt hat. Verteidigung, Europapolitik, jetzt in der Zentralbank: ein aus deutscher Sicht nicht ganz gewöhnlicher Lebenslauf, in Frankreich wiederum nicht gänzlich unüblich für eine Absolventin der Elitehochschule Ena.

Eine Zentralbank kann potenziell unendlich viel Geld ausgeben - wird da nicht manchmal an die Zentralbanken der Wunsch herangetragen, sie sollten die Klimakrise einfach mit Milliarden Euro bekämpfen? "Diese Versuchung ist da", sagt Goulard. Eine Notenbank habe scheinbar "breite Taschen, sagt man das auf Deutsch?" - aber wie bei anderen gesellschaftlichen Problemen gehöre das nicht zum Mandat der Notenbanken, sondern müsse politisch gelöst werden. "Wir versuchen, unsere Verantwortung zu übernehmen", sagt Goulard. "Das kann ein bedeutender Beitrag sein, aber es wird mehr erforderlich sein."

© SZ vom 06.03.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite