Arbeitsmarkt:Warum viele Mütter nicht arbeiten - obwohl sie wollen

Mother playing with little daughter in sandbox on a playground model released Symbolfoto PUBLICATION

Sandkasten statt Büro: Vor allem Akademikerinnen können sich kaum vorstellen, wegen der Kinder ganz auf einen Job zu verzichten.

(Foto: Frederik Franz/Imago Images)

Eine neue Studie zeigt einen bemerkenswerten Wandel im Selbstverständnis der Mütter in Deutschland: Nur noch eine Minderheit will nicht berufstätig sein. Doch viele Frauen können ihre Wünsche nicht umsetzen.

Von Bernd Kramer, Hamburg

Mütter in Deutschland würden gerne mehr arbeiten, als es ihnen in vielen Fällen tatsächlich möglich ist. Das zeigt eine Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt. Das Institut wertete Daten des Sozio-oekonomischen Panels aus, einer regelmäßigen repräsentativen Befragung Tausender Haushalte in Deutschland. Gut ein Viertel der darin befragten Mütter ging demnach zuletzt keinem Beruf nach - offenbar oft unfreiwillig. Denn nur etwa zwölf Prozent der Mütter hatten angegeben, dass sie tatsächlich keine Erwerbstätigkeit für sich wünschen. Wenn sie einen Job haben, arbeiten Mütter zudem häufig gegen ihren Willen in Teilzeit: Gut 21 Prozent sind weniger als 20 Stunden die Woche in ihrem Beruf beschäftigt, ein so kleines Stundenpensum wünschen sich dagegen lediglich zwölf Prozent der Mütter.

Besonders drastisch fallen Wunsch und Wirklichkeit auf den ersten Blick bei Müttern mit Kindern unter drei Jahren aus. Von ihnen gehen fast 69 Prozent keiner Erwerbsarbeit nach, aber nur bei 27 Prozent entspricht das auch dem Wunsch der Mutter. IW-Forscher Wido Geis-Thöne weist allerdings darauf hin, dass die Kluft hier mit Vorsicht zu interpretieren sei: Viele der nicht-erwerbstätigen Mütter in dieser Gruppe seien zum Beispiel lediglich in Elternzeit und nicht etwa arbeitslos. "Tendenziell deuten die Ergebnisse aber schon darauf hin, dass es vor allem für Mütter kleiner Kinder schwierig ist, ihre Arbeitswünsche auch umzusetzen", sagt er.

Dass die Arbeitsmöglichkeiten so oft hinter den Wünschen zurückbleiben, liegt dabei nicht unbedingt nur an fehlenden Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder; die Frauen gaben in der Umfrage ihre Erwerbswünsche schließlich vor dem Hintergrund des Kita- und Ganztagsschulangebots an, das sie vorfinden. Und trotzdem fällt es ihnen offenbar schwer, sie umzusetzen. "Mütter mit Kindern sind häufig eingeschränkter in ihrer Stellensuche, weil sie keine langen Pendelwege in Kauf nehmen können, und finden deswegen schwerer eine passende Stelle", sagt Geis-Thöne. "Oder sie wollen ihre Stunden zwar grundsätzlich ausweiten, aber können nur zu einer Zeit mehr arbeiten, die für den Arbeitgeber nicht passt." Aber auch Vorbehalte mancher Firmen gegen Frauen mit Kindern können eine Rolle spielen. Aus anderen Studien ist bekannt, dass Arbeitgeber Frauen nach einer Elternzeit seltener zu einem Vorstellungsgespräch einladen als Männer.

Das traditionelle Rollenbild der Mutter hat ausgedient

Insgesamt zeigt die IW-Untersuchung einen bemerkenswerten Wandel im Selbstverständnis der Mütter in Deutschland: Das traditionelle Rollenbild von der Mutter, die daheim bei ihren Kindern bleibt, findet immer weniger Zuspruch. Frauen mit Kindern wollen heute öfter und länger arbeiten als Ende der 90er-Jahre. So war der Anteil der Mütter, die keine Erwerbstätigkeit wünschten, 1998 noch doppelt so hoch wie 2018. "Die Einstellungen haben sich in den vergangenen 20 Jahren sehr viel schneller geändert, als viele in Politik und Wirtschaft sich das vorstellen konnten", sagt Geis-Thöne.

So eindeutig zwar der Trend über die Zeit ausfällt, so groß sind doch immer noch die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen. Mütter im Osten Deutschlands empfinden eine Berufstätigkeit als selbstverständlicher als Mütter im Westen - eine Nachwirkung der Politik der DDR, die das Leitbild der berufstätigen Mutter hochhielt. Die Einstellungen unterscheiden sich außerdem je nach Qualifikation der Frauen deutlich. Mütter ohne einen Berufsabschluss wollen sehr viel seltener arbeiten gehen als Akademikerinnen. Mit 25 Prozent ist der Anteil derjenigen, die keine Erwerbstätigkeit möchten, in dieser Gruppe fast dreimal so groß wie unter den Müttern mit Hochschulabschluss. Unter den Akademikerinnen mit Kindern können sich gerade einmal acht Prozent vorstellen, ganz auf einen Job zu verzichten. Sie sind auch seltener der Meinung, es schade dem Kind, wenn die Mutter arbeiten geht.

Ein Grund für den Unterschied könnte darin liegen, dass eine Berufstätigkeit bei hochqualifizierten Frauen nicht nur mit mehr Geld, sondern auch mit Selbstverwirklichung verbunden ist. "Eine Ärztin zieht Freude aus ihrer Tätigkeit, in ihrem Umfeld definiert man sich viel mehr über den Beruf. Eine Reinigungskraft ist dagegen unter Umständen sogar ganz froh, wenn sie nicht arbeiten muss", meint Geis-Thöne. "Für sie kann es eine Frage des Status sein, ob sie es sich leisten kann, zu Hause bei dem Kind zu bleiben."

© SZ
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