Münchner Konzern Fahrzeugzulieferer Knorr-Bremse geht an die Börse

Der Börsengang von Knorr-Bremse lässt einige Mitarbeiter auf bessere Arbeitsbedingungen hoffen.

(Foto: dpa)
  • Der Münchner Fahrzeugzulieferer Knorr-Bremse will Anteile in noch unbekannter Höhe an die Börse bringen.
  • Arbeitnehmervertreter hoffen, dass sich durch den Börsengang die Firmenkultur des Konzerns ändert.
  • In den vergangenen Jahren hatte Knorr-Bremse die Arbeitszeiten erhöht. Unter den Arbeitnehmern wächst die Bereitschaft zum Protest.
Von Dieter Sürig

Der Münchner Fahrzeugzulieferer Knorr-Bremse geht an die Börse. Der Bremsenhersteller will Anteile in noch unbekannter Höhe an die Börse bringen, wie das Unternehmen am Montag bekannt gab. Es handele sich um einen "bedeutenden Minderheitsanteil". In Finanzkreisen ist von etwa 25 Prozent die Rede, dort wird Knorr-Bremse mit etwa zwölf Milliarden Euro bewertet. Es wäre damit der zweitgrößte Börsengang in Deutschland in diesem Jahr, nach dem Börsengang von Siemens Healthineers im Frühjahr.

Eigner Heinz Hermann Thiele hatte zu Jahresbeginn Investoren eingeladen, in die Firma einzusteigen. In den ersten beiden Wochen im August habe das Unternehmen dann Analystentreffen mit dem Management veranstaltet, meldete Reuters unter Verweis auf Insider. Die unsichere Wirtschaftslage und mehrere abgesagte Börsengänge - darunter der Wissenschaftsverlag Springer Nature - hatten zwischenzeitlich Zweifel an einem Börsengang der Münchner aufkommen lassen. Doch nun soll der Börsengang im vierten Quartal kommen.

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Die Mitarbeiter sehen in dem Börsengang eine Chance dafür, dass sich die Firmenkultur ändern könnte. Der 77-jährige Thiele wacht wie ein Übervater über sein Lebenswerk. Der Jurist hatte sich seit 1969 vom Sachbearbeiter in der Patentabteilung in die Geschäftsführung des 1905 gegründeten Unternehmens hochgearbeitet und Knorr-Bremse 1984 übernommen, nachdem sich die vorherigen Eigner zerstritten hatten. In den Folgejahren baute er das Münchner Unternehmen zu einem Weltmarktführer für Bremsen für Nutzfahrzeuge und Schienenverkehr auf. Der Patriarch führte bis 2007 selbst das Tagesgeschäft, wechselte dann in den Aufsichtsrat, den er bis 2016 führte. Thiele setzte immer auf hohe Investitionen, aber auch auf Sparsamkeit - woraus regelmäßig Rationalisierungen und umstrittene Verlagerungen resultierten. Er trat bereits 2004 aus dem Arbeitgeberverband aus, war deshalb nicht mehr tarifgebunden und führte die 42-Stunden-Woche ein.

Der Börsengang könnte dieses Credo Thieles aufweichen, hoffen nun die Mitarbeiter - weil künftig auch andere Eigner mit entscheiden. Thiele könnte sein 42-Stunden-Dogma auch freiwillig fallen lassen, um zum Börsengang Ruhe ins Unternehmen zu bringen. Gerade durch die vielen Übernahmen der vergangenen Jahre hat sich im Konzern eine Mehrklassengesellschaft gebildet - weil es sich oft um Betriebe mit Tarifbindung handelt. Das bedeutet, dass Mitarbeiter desselben Konzerns 35, 38 oder 42 Stunden arbeiten müssen - mitunter für den gleichen Lohn. "Das hat die Mitbestimmungskultur verändert", ist aus den Kreisen der Arbeitnehmer zu hören. Sprich: Die Bereitschaft zum Protest wächst.

Ärger gab es für den Konzern etwa am Standort Berlin, wo Knorr-Bremse Powertech Ende vergangenen Jahres den tarifgebundenen Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie Berlin-Brandenburg verlassen und die Arbeitszeit der 2014 übernommenen Firma von 38 auf 42 Stunden erhöht hat - ohne Lohnausgleich. Der frühere eher zahme Konzernbetriebsrat verabschiedete eine Resolution dagegen, am Stammsitz in München gingen Knorrianer im März sogar auf die Straße, um ihren Unmut zu zeigen. So ist die Stimmung zwiegespalten, was den Gang an die Börse angeht: "Es gibt die Hoffnung, dass eine neue Untenehmenskultur einzieht", sagt ein Insider. Andere gehen sogar noch weiter: Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung wollen die Arbeitnehmer an dem Erlös des Börsengangs beteiligt werden.

Inhaber Thiele soll sich mit seinem Sohn überworfen haben

Dass Knorr-Bremse irgendwann an die Börse gehen könnte, diese Spekulationen gab es in den vergangenen Jahrzehnten öfter. Allerdings hatte Thiele darauf hingewiesen, dass das Wachstum gar nicht denkbar gewesen wäre, wenn das Unternehmen früher an die Börse gegangen wäre, weil die Familie jahrelang auf Dividenden verzichtet habe. Der Familie gehören aktuell noch 100 Prozent der Firmenanteile. Der jetzige Börsengang mag auch damit zusammenhängen, dass sich Thiele 2015 anscheinend mit seinem Sohn Henrik überworfen hat. Der war schon als Vorstand für den Bereich Schienenfahrzeuge gesetzt, schied dann aber überraschend aus der Firma aus. Tochter Julia Thiele-Schürhoff leitet den sozialen Verein Knorr Bremse Global Care und sitzt seit März 2016 im Aufsichtsrat.

Erst Ende August hatte das Unternehmen den bisherigen Aufsichtsratschef Hand-Georg Härter, 73, abgelöst. Nachfolger ist der ehemalige Daimler-Vorstand und Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Klaus Mangold, 75. Außerdem ist der früheren Deutsche-Bahn- und Siemens-Manager Jürgen Wilder künftig für den Unternehmensbereich Systeme für Schienenfahrzeuge zuständig, den Vorstandschef Klaus Deller bisher in Personalunion geleitet hat.

Zuletzt hatte das Münchner Unternehmen gute Halbjahreszahlen präsentiert - mit einem Umsatz von 3,3 Milliarden Euro, 11,6 Prozent mehr als in den ersten sechs Monaten 2017, sowie einem 12,4 Prozent höheren Betriebsgewinn von 582,2 Millionen Euro. Dies entspricht einer Marge von 17,5 Prozent (plus 0,1 Prozentpunkt). Mittelfristig strebt das Unternehmen nach eigenen Angaben ein dauerhaftes Umsatzwachstum von etwa 4,5 bis 5,5 Prozent an.

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