Süddeutsche Zeitung

Abfall in Städten:Wohin mit dem Müll?

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Die Abfallberge wachsen in Deutschland nicht nur zur Weihnachtszeit. Immer mehr Städte streben daher das Konzept einer "Zero Waste City" an - sie wollen abfallfrei werden. Wie das funktionieren kann.

Von Carina Seeburg

Spätestens, wenn an Heiligabend alle Geschenke ausgepackt sind, quellen die Mülltonnen vor der Haustür über: knallrotes Glitzerpapier, Versandpappen, knisternde Luftpolsterfolie - über die Feiertage wachsen die Müllberge auf Rekordhöhe. Etwa zehn Prozent mehr Abfall produzieren deutsche Haushalte rund um Weihnachten, das längst nicht nur ein Fest der Liebe und der Besinnlichkeit, sondern eben auch ein Fest des Konsums und der Geschenke ist.

Aber nicht nur zur Weihnachtszeit gehen die Deckel der Abfallcontainer in Deutschland kaum noch zu, jeden Tag bewältigt die kommunale Müllentsorgung gigantische Abfallmassen. Um die gesteckten Klimaziele dennoch zu erreichen, stemmen sich viele Kommunen dem Wegwerftrend entgegen und entwickeln neue Konzepte. Dabei wollen immer mehr Städte eine "Zero Waste City" werden - eine Stadt ohne Müll.

"Es sind ganz fundamentale Prozesse, die wir ändern müssen, um Ressourcen zu schonen", sagt Ulf Kämpfer (SPD), Oberbürgermeister von Kiel. Der 49-jährige Jurist, der mit seiner Familie in der ersten Ökosiedlung Schleswig-Holsteins lebt, verbreitet Aufbruchstimmung. Als erste Stadt in Deutschland hat sich Kiel dem Netzwerk "Zero Waste Europe" angeschlossen, in dem sich europaweit schon mehr als 400 Städte für eine müllfreie Zukunft verbunden haben. Auch andere Städte wie Berlin, Frankfurt und München planen den Müllausstieg. "Zero Waste", wörtlich übersetzt "Null Abfall", zielt auf den Erhalt von Ressourcen ab. Rohstoffe sollen dabei nicht mehr in einer Einbahnstraße auf dem Müll landen, sondern in einem Kreislauf immer wieder verwertet werden.

Das erste Etappenziel in Kiel: Bis 2035 will die Stadt an der Förde ihre Müllmenge halbieren. Doch der Weg zu einer abfallfreien Stadt ist noch lang, nicht nur in Kiel. Immerhin fallen allein in Deutschland mehr als 45 Millionen Tonnen Haushaltsmüll pro Jahr an. Wenn man diese Abfallmenge in Mülllaster laden und die Fahrzeuge hintereinander aufstellen würde, könnte man einen Lkw-Stau erzeugen, der die Erde ein Mal komplett umrundet. Ist eine Stadt ohne Müll also überhaupt realistisch?

"Man kann der Vision einer abfallfreien Stadt ziemlich nahe kommen", sagt Thomas Fischer, Bereichsleiter für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. Die Voraussetzungen für eine müllfreie Wirtschaft seien weit gediehen. Jetzt komme es darauf an, die vorhanden Technologien auch zu nutzen. Außerdem sei die Politik gefordert, Druck aufzubauen, damit der Systemwechsel gelingt: von der linearen Wegwerfwirtschaft, in der ein Produkt am Ende seiner Lebensdauer deponiert oder verbrannt wird, hin zu einer Kreislaufwirtschaft. Also zu einer Wirtschaftsform, in der alles wiederverwertet wird, in der Rohstoffe ein zweites, drittes, viertes Leben haben, und zwar, indem Produkte repariert, recycelt und im besten Fall überhaupt nicht weggeworfen werden.

"Abfälle sollte man als Wertstoffe betrachten"

"Wirtschaftswachstum und Kreislaufwirtschaft schließen sich dabei nicht aus", sagt Fischer. Deutschland sei ein rohstoffarmes Land und darauf angewiesen, Rohstoffe zu importieren. "Insofern ist Kreislaufwirtschaft nicht nur nachhaltig, sondern auch eine Strategie der Rohstoffabsicherung", denn die Ressourcen der Erde seien eben begrenzt. "Wirtschaftswachstum wird in Zukunft nur dann gesichert stattfinden können, wenn wir Kreisläufe schließen", sagt Fischer. Auch auf lokaler Ebene sei dabei noch viel Luft nach oben, Begriffe wie "Zero Waste City" müssen Städte und ihre Bewohner erst einmal mit Leben füllen. Bis dahin seien sie nichts mehr als "leere Floskeln".

Um Rohstoffe zu sparen, müsse also nicht erst bei der Müllentsorgung angesetzt werden, sondern früher. Produkte sollten demnach so entworfen werden, dass ihre Komponenten problemlos getrennt und wiederverwertet werden können. "Abfälle sollte man als Wertstoffe betrachten", sagt Fischer. Und: "Ohne Erfassung keine Kreislaufwirtschaft", "Zero Waste Cities" werde es nur geben, wenn in den Städten eine bessere Infrastruktur zur Wertstofferfassung und Rücknahme aufgebaut werde.

Zum Beispiel im Bausektor. Er ist für etwa 40 Prozent der CO₂-Emissionen weltweit verantwortlich. Acht Prozent davon verursacht allein die Zementindustrie. Das ist dreimal so viel wie der gesamte Flugverkehr. Die Verantwortung sieht Fischer daher weniger bei den Verbrauchern, sondern bei der Politik und insbesondere auch im Lokalen. "Städte haben so viel in der Hand."

Einer, dem viele zutrauen, das wissenschaftliche Know-how in die politische Praxis zu übersetzen, ist Uwe Schneidewind. Im November 2020 ist der promovierte Wirtschaftswissenschaftler und Nachhaltigkeitsforscher als Oberbürgermeister ins Wuppertaler Rathaus eingezogen, gemeinsam nominiert von CDU und Grünen. Zuvor leitete er zehn Jahre lang das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie.

Schneidewind, 55 Jahre alt, kurz getrimmte Haare und Hornbrille, ist wortgewandt und hat viele Wuppertaler mit seinem Wahlprogramm überzeugt. Zu lesen waren dort Vorsätze wie dieser: "Ich möchte gemeinsam mit führenden Fachleuten und der Stadt eine systematische Klimaschutzstrategie entwickeln, die gleichzeitig auch Wirtschafts-, Investitions- und Lebensqualitäts-Strategie ist." Schneidewinds Wahlversprechen: Bis 2035 ist Wuppertal klimaneutral.

Ausgerechnet Wuppertal. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts lag hier eines der größten Wirtschaftszentren Europas und eine der ersten deutschen Industrieregionen. Die Textilfabriken am Ufer der Wupper befeuerten die Entwicklung zur neuzeitlichen Massenproduktion - inklusive des Massenabfalls. Nun soll die Region, die als Wiege der Industrialisierung in Deutschland gilt, zum Vorbild für eine radikale Kehrtwende hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft werden.

Noch klingt es wie Utopie: dass eine Stadt so wirtschaftet, dass keine Abfälle entstehen und Ressourcen wieder und wieder verwendet werden. Doch in Wuppertal will man nicht länger warten und einer müllfreien Zukunft Schritt für Schritt näherkommen. Ein "Circular Valley" ist nach einem Entwurf des Bürgervereins "Wuppertalbewegung" am Entstehen. Mitten in der Stadt, rund um den Koloss eines Gaskessels aus den 50er Jahren, der 66 Meter hoch in den Himmel ragt.

Früher diente der Zylinder als Energiespeicher, heute beherbergt er einen Kuppelsaal mit Kinoleinwand. Ein Ort, an dem Altes bewahrt und Neues geschaffen wird - das Sinnbild des zirkulären Gedankens. Ausgewählte Start-ups und Forscher aus aller Welt sollen sich hier ansiedeln und neue Geschäftsideen und Technologien für die Kreislaufwirtschaft entwickeln. Alles ist dabei eng verzahnt mit dem Wuppertal Institut, das auch das "Zero Waste Konzept" für die Stadt Kiel mit entworfen hat.

Zurück nach Kiel, an die Ostsee, zu den Kreuzfahrtschiffen, Fähren und großen Frachtern, die hier rund ums Jahr in den Hafen einlaufen. Kreuzfahrtschiffe und Nachhaltigkeit - wie passt das zusammen? Ähnlich wie Wuppertal verbindet man Kiel nicht unbedingt mit Klimaschutz. Bei Tag und Nacht dröhnen die Schiffshörner dumpf durch die Ostseeluft. Nicht nur am Ufer der Förde, die Hörner dröhnen durch die ganze Stadt.

Man hört sie sogar am Theodor-Heuss-Ring, der sechsspurigen Bundesstraße, die mitten durch die Stadt verläuft. Dort steht ein unscheinbarer grauer Würfel mit der Aufschrift "Luftmessstation". Er liefert Stickoxidwerte, die Kiel immer wieder weit entfernt von frischer Seeluft erscheinen lassen. Trotzdem ist der Stadt im Sommer der Deutsche Nachhaltigkeitspreis 2021 verliehen worden. Denn: Die Kieler stemmen sich gemeinsam gegen die Verschmutzung - auch sie wollen eine Kehrtwende hin zu einer nachhaltigen Stadt der Zukunft schaffen.

Gebrodelt hat es in Kiel schon lange. Erst waren es nur wenige Menschen, die der Wegwerfmentalität etwas entgegensetzen wollten. Dann wurden es mehr, schließlich war es mit dem Verein "Zero Waste Kiel" eine ganze Bewegung. "Wir hatten hier den ersten Unverpackt-Laden in Deutschland", sagt Rathauschef Kämpfer. Inzwischen gibt es mehrere Läden, in denen die Kunden Lebensmittel in mitgebrachte Behälter abfüllen können. Keine Verpackung, kein Verpackungsmüll, Lebensmittel pur.

"Diese Mentalität breitet sich immer weiter aus und zeigt, dass sich soziale Normen schnell ändern können", sagt Kämpfer. Auf dem Kieler Wochenmarkt würden viele Menschen ihr Gemüse inzwischen in mitgebrachte Taschen füllen und den "Coffee-to-go" in ihre Thermoskannen. "Wir unterstützen diese Initiativen und wollen sie weiterentwickeln." So habe man auf der Kieler Woche, einem Großevent, zu dem jedes Jahr über drei Millionen Menschen in die Fördestadt reisen, ein Pfandsystem etabliert und die Müllmenge auf diese Weise drastisch reduziert. Und: Die Stadt klärt mit Infokampagnen auf, um Fehlwürfe bei der Mülltrennung zu vermeiden.

"Das ist alles enorm wichtig, am Ende darf man es aber nicht bei dem Weglassen von Plastiktüten und To-go-Bechern belassen", sagt Kämpfer, denn die großen Themen seien andere. "Das ist die allgemeine Wegwerfkultur, Fast Fashion und die Tatsache, dass sich viele Produkte überhaupt nicht recyclen lassen." Die kleinen Schritte jedes Einzelnen würden deshalb allein nicht reichen, man müsse die Probleme an der Wurzel packen.

"Der große Schalthebel liegt beim Bund und bei der EU"

Eines der Großprojekte in Kiel: Der Hafen soll bis 2030 klimaneutral sein. Riesige Landstromanlagen sollen ankernde Schiffe mit Öko-Strom versorgen und die Stadt verhandelt mit Reedereien, ihre Schiffe entsprechend umzurüsten. Außerdem strebt Kiel ein Bündnis mit anderen Häfen an, um Umweltdumping zu verhindern. Bei den ganz großen Stellschrauben sei der Einflussbereich von Stadtverwaltungen aber klar begrenzt.

"Der große Schalthebel liegt weiterhin beim Bund und bei der EU", sagt Kämpfer. Sowohl die Bundesregierung als auch die Europäische Union seien gefordert, Standards für recyclefähige Produkte, aber auch für klare gesetzliche Vorgaben zum Klimaschutz durchzusetzen. "Wir werden nie bei null Prozent Müll sein", sagt Kämpfer, "aber wir können viel erreichen."

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