Süddeutsche Zeitung

Luftfahrt:MTU erwartet Einbußen wegen zusätzlicher Inspektionen

Die Materialprobleme beim Geschäftspartner Pratt & Whitney treffen auch den Münchner Triebwerkshersteller MTU massiv.

Die Materialprobleme beim Geschäftspartner Pratt & Whitney treffen auch den Münchner Triebwerkshersteller MTU massiv. Gewinn und Umsatz könnten deswegen im laufenden Geschäftsjahr um eine Milliarde Euro geringer ausfallen, teilte MTU am Montag mit. Auch in den Folgejahren 2024 bis 2026 sei mit Auswirkungen auf die Liquidität zu rechnen. Wegen der Materialmängel hat Pratt & Whitney Hunderte Triebwerke zusätzlich in die Werkstätten zurückbeordert, was allein im dritten Quartal Kosten von drei Milliarden Dollar verursachen dürfte.

Der Chef der Pratt & Whitney-Muttergesellschaft RTX, Gregory Hayes sagte, die Probleme mit einem Pulvermetall seien "frustrierend" und dürften "signifikante Auswirkungen" auf die Kunden haben. Hunderte Flugzeuge müssen wegen der zusätzlichen Wartung am Boden bleiben. An der Börse verloren die MTU-Aktien gut acht Prozent, die RTX-Papiere sackten mehr als fünf Prozent ab, die Aktien des Flugzeugbauers Airbus, der die Getriebefan-Triebwerke bei seiner A320neo einsetzt, gaben 1,3 Prozent nach. Ein Händler sagte, das Ausmaß sei überraschend negativ. MTU ließ offen, wie genau sich das Wartungsprogramm auf die Prognose auswirkt. Allerdings werde die Vorhersage für das laufende Geschäftsjahr unter Vorbehalt gestellt. "Die MTU wird Maßnahmen einleiten mit dem Ziel, die genannten Auswirkungen bestmöglich zu begrenzen."

Noch im Juli hatte MTU-Chef Lars Wagner von "moderaten Auswirkungen" des Rückrufs auf die mittelfristigen Ergebniserwartungen gesprochen. MTU hat einen Anteil von 18 Prozent an dem Getriebefan-Triebwerk. GTF-Triebwerke vom Typ PW1100G-JM sind das häufigste Triebwerk für das Airbus-Erfolgsmodell A320neo und unter anderem bei den Billigfluggesellschaften JetBlue, Spirit Airlines und Wizz Air im Einsatz. Der zum RTX-Konzern gehörende Partner Pratt & Whitney hatte zuvor erklärt, dass in den kommenden Jahren 600 bis 700 weitere Werkstatt-Aufenthalte nötig seien; im Schnitt könnten deswegen 350 Flugzeuge nicht starten.

Üblicherweise erhalten Fluggesellschaften Ersatztriebwerke, wenn ihre eigenen Triebwerke in die Werkstatt müssen - doch die vorhandenen reichen für den Rückruf der nun betroffenen Getriebefan-Triebwerke nicht aus. Die Fluggesellschaft Whizz Air erklärte, sie gehe davon aus, dass ihre Kapazitäten in der zweiten Jahreshälfte 2024 um zehn Prozent reduziert seien. Der US-Konzern RTX bezifferte die finanziellen Belastungen für die kommenden Jahre auf bis zu 3,5 Milliarden Dollar. Bei den Triebwerken kommt ein Pulvermetall zum Einsatz, bei dem es zu Einschlüssen kommen kann. Die betroffenen Hochdruck-Turbinenscheiben sollen nun ausgetauscht werden.

Es handle sich um Produktionsmängel bei dem Pulvermetall, betonte Hayes, für die RTX zuständig sei. Mittlerweile sei der Produktionsprozess angepasst worden, um derartige Verunreinigungen auszuschließen. Hayes sagte, er sei zuversichtlich, dass das Problem jetzt gelöst sei. RTX erklärte, der größte Teil der Triebwerke würden im laufenden und im kommenden Jahr überarbeitet. Es sei damit zu rechnen, dass die Triebwerke im Schnitt 250 bis 300 Tage in den Werkstätten bleiben müssten, bevor sie an die Fluggesellschaften zurückgegeben werden könnten. Ursprünglich hatte das Unternehmen mit 60 Tagen Werkstatt-Aufenthalt gerechnet. Eine Herausforderung dürfte es sein, ausreichend Ersatzteile für die defekten Triebwerke zu beschaffen.

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