bedeckt München 18°
vgwortpixel

Monte dei Paschi:Ende eines Dramas

Die Geschichte des Palio reicht bis ins 13. Jahrhundert, doch seine heutige, vermeintlich authentische Ausprägung ist ein Werk der Faschisten, die es 1927 umgestalteten, um damit das "ursprüngliche" Italien zu feiern.

(Foto: Fabio Muzzi/ AFP)

Der italienische Staat rettet das taumelnde Geldhaus mit dem Segen der europäischen Bankenaufsicht. Die neuen EU-Regeln offenbarten beim ersten Testlauf erhebliche Mängel.

Im Hitzekessel der Piazza del Campo in Siena werden die Emotionen hochkochen, wenn die Reiter der 17 Stadtviertel am Mittwoch zum Palio antreten. Sechs Jahre zitterten die Bürger der toskanischen Stadt im Überlebenskampf ihrer Bank mit, nun können sie sich ganz dem aufwühlenden Erlebnis des verwegenen Wettkampfs hingeben. Der Ritt durch die Existenzkrise des Monte dei Paschi, die tiefe Spuren in der einstigen Wohlstandshochburg hinterlassen hat, ist beendet.

Der italienische Staat überwies dem taumelnden Geldinstitut vor dem Wochenende 3,8 Milliarden Euro und übernahm mit 52 Prozent des Aktienkapitals das Kommando in der ältesten Bank der Welt. Damit endet ein Drama, das die italienische Wirtschaftskrise lange überschattet und auch die Regierung in Rom und die EU-Institutionen bewegt hat. Denn Monte dei Paschi war der erste Praxistest für Europas neue Regeln zur Bankenrettung.

"Das ist der Wendepunkt der Bankenkrise", sagt Finanzminister Pier Carlo Padoan

Auf Marco Morelli, 55, seit knapp einem Jahr Chef des Monte dei Paschi (MPS), wartet nun der Kraftakt der Sanierung. Er hat vor, die Bank im September an die Börse zurückzubringen. Beim Umbau des Geldhauses wird er jede fünfte Stelle streichen und 600 der 2000 Filialen schließen. Bis Dezember verlassen die ersten 1200 Mitarbeiter die Traditionsbank. 2019 rechnet Morelli mit dem ersten Gewinn. 2021, am Ende des Sanierungsprogramms, soll der Profit auf 1,2 Milliarden Euro steigen. Vor Analysten nannte er seinen Plan einen "Meilenstein". Hinter der Bank liege ein beispielloser Härtetest. "Wir haben auf einer Art Erste-Hilfe-Station gelebt, auf der alle fünf Minuten ein neuer Notfall eingeliefert wurde", sagte Morelli. Der Druck der Medien, des Finanzmarkts und der Konkurrenten sei ohnegleichen gewesen.

Das römische Finanzministerium will sein Gastspiel in Siena möglichst schnell beenden. "Die Bank wird den Staat auch dieses Mal für seine Investition entlohnen", sagt MPS-Präsident Alessandro Falciai. Vor zwei Jahren zahlte das Geldhaus bereits Hilfen in Höhe von vier Milliarden Euro zurück. Der Staat strich 329 Millionen Euro Zinsen ein.

Morellis Plan ist außerordentlich ehrgeizig. Im zweiten Quartal machte die Bank einen Verlust von 3,2 Milliarden Euro. Er ist Folge der Schocktherapie, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die EU-Kommission bei der Absegnung des Rettungsplans verordnet haben. Die Bilanzlücke ergibt sich aus Abschreibungen in Höhe von 4,2 Milliarden Euro auf notleidende Kredite. Monte dei Paschi muss 27 Milliarden Euro faule Forderungen abstoßen. Dafür ist die Bank, die beim Stresstest vor einem Jahr am schlechtesten abgeschnitten hat, dann auf einen Schlag sämtliche notleidenden Verbindlichkeiten los.

Zugesetzt hat der wackelnden Bank auch das zermürbende Ringen mit den EU-Institutionen. Sie büßte in dieser Zeit Umsätze und Margen ein. Nach acht Monaten gaben die Frankfurter Bankenaufseher am vergangenen Donnerstag den Weg für die von Italien beantragte "vorsorgliche Kapitalerhöhung" frei. Die Kapitalbasis wird mit insgesamt 8,1 Milliarden Euro aufgestockt. Private Aktionäre und Gläubiger nachrangiger Anleihen trugen 4,3 Milliarden Euro zur Rettung bei. Der MPS-Chef akzeptierte die Deckelung seiner Bezüge. Morelli, der bisher 1,4 Millionen Euro verdiente, bekommt nun 460 000 Euro brutto. Monte dei Paschi hat so das gefährlichste seiner 545 Jahre überstanden.

Und Italien atmet auf. "Das ist der Wendepunkt der Bankenkrise", sagte Finanzminister Pier Carlo Padoan. Dabei sind das Einspringen der Steuerzahler und die Haftung der Anleger nach den neuen EU-Regeln das dicke Ende, das die römische Regierung im vergangenen Juli unter dem damaligen Premier Matteo Renzi um jeden Preis verhindern wollte. So weit gekommen ist es, weil Morelli und seine politischen Sponsoren mit ihrem Alternativplan gescheitert sind. Die Regierung hatte den international erfahrenen Manager im September auf den heißen Stuhl in der Rocca Salimbeni in Siena gehievt. Der Marathonläufer mit dem markanten Römer-Profil sollte unter der Regie der Investmentbank JP Morgan private Investoren für die von der EZB verlangte Kapitalerhöhung auftreiben. Der kühne Rettungsversuch floppte. Am 22. Dezember wurden die MPS-Aktien von der Mailänder Börse genommen. Nun greift in Siena der Staat ein.

Auf die falsche Bahn geraten war MPS, als ihr Chef Giuseppe Mussari 2007 kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise die norditalienische Regionalbank Antonveneta für astronomische 10,3 Milliarden Euro übernahm. Im Januar 2013 flogen Bilanzfälschungen und krumme Geschäfte auf. Die Rettung der Bank ist lange verschleppt worden. Bereits im Juli 2013 empfahl der Internationale Währungsfonds, den Einstieg des Staates vorzubereiten. Doch im überschuldeten Italien hat man lange auf die Selbsthilfe der Banken gesetzt.

Dann änderte sich mit der Bankenunion und den Vorschriften über die Rettung von taumelden Geldhäusern schlagartig die Welt. Am Monte dei Paschi wurde Europas erste vorsorgliche Kapitalerhöhung durchexerziert. Über das Ergebnis meckert man nun fast überall. In Deutschland regt man sich darüber auf, dass Steuerzahler belangt wurden. Die Italiener fühlen sich als Versuchskaninchen misshandelt. Sie erlebten, wie schwer sich die zuständigen europäischen Stellen mit der Interpretation und Umsetzung ihrer neuen Vorschriften taten. MPS-Präsident Falciai vermisste jenes schnelle, klare Handeln, das in finanziellen Vertrauenskrisen fundamental ist. "Es war ein perfekter Sturm, aber wir haben ihn überlebt", sagt der Unternehmer und MPS-Aktionär.

Das neue Leben der altehrwürdigen Bank begann vor einem Monat mit einer Weltpremiere in Mailand. Morelli stellte die erste Filiale vor, in der die Kunden über eine Virtual-Reality-Brille ihre Bankgeschäfte abwickeln. Was kein Geldinstitut bislang versucht hat, bietet jetzt Widiba, die Online-Tochter des Monte dei Paschi, ihren 175 000 Kunden an. Bis November will sie die ersten 3000 Kontoinhaber mit den 3-D-Brillen ausrüsten.

© SZ vom 14.08.2017
Zur SZ-Startseite