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Montagsinterview:"Datenschutz wird auch als Alibi missbraucht"

Peter Vullinghs, Phillips

Die Deutschland-Zentrale von Philips in Hamburg wurde neu gestaltet, statt Einzelbüros gibt es Großraum: "Um die besten Mitarbeiter zu locken, brauchen wir die Arbeitsplätze des 21. Jahrhunderts."

(Foto: oh)

Philips-Deutschland-Chef Peter Vullinghs über die digitale Revolution in der Medizin und die Datenangst der Deutschen.

Wer in diesen Tagen die deutsche Philips-Zentrale in Hamburg besucht, kommt an einer Führung durch die neuen Büros nicht vorbei. Gut gelaunt und gerne erklärt Peter Vullinghs, der Philips-Chef für Deutschland, Österreich und die Schweiz, warum es keine Einzelzimmer mehr gibt und die Räume so bunt aussehen. Philips will so die Kultur der formlosen Zusammenarbeit aus dem Silicon Valley nach Deutschland bringen.

SZ: Herr Vullinghs, wenn Sie mit ihrem Hund an der Alster spazieren gehen oder mit ihrem Fahrrad fahren, sammeln Sie dann Bewegungsdaten?

Peter Vullinghs: Ja, sicher.

Und kontrollieren Sie abends?

Ja! Das hat ganz persönliche Gründe. Vor zehn Jahren habe ich noch weit über 100 Kilogramm gewogen . . .

Das ist deutlich mehr als jetzt.

Allerdings. Bei einer Routineuntersuchung stellte mein Arzt fest, dass mein unterer Blutdruck bei 112 lag, was natürlich viel zu hoch ist. Weil ich mein Leben mag, habe ich gesagt, so geht es nicht weiter. Danach habe ich in dreieinhalb Monaten 20 Kilo abgenommen.

Was haben Sie gemacht, gar nichts mehr gegessen?

Ich habe ein bisschen wie ein Kaninchen gelebt, viel Salat und Gemüse gegessen. Danach war mein Blutdruck wieder in Ordnung. Um mein Gewicht zu halten, brauche ich aber eine regelmäßige Kontrolle.

Auch in Ihrem Büro laufen Sie inzwischen viel, genauso wie ihre Mitarbeiter.

Richtig. Keiner hat mehr ein eigenes Büro oder einen festen Tisch, sondern sitzt in seiner Neighbourhood, wie wir das nennen, also im Großraumbüro seines Teams. Dort hat man einen abschließbaren Schrank für seinen Laptop, holt den raus und sucht sich dann jeden Tag seinen Platz.

Ist es kein Problem als Chef, sein großes Büro aufzugeben?

Nein, total nicht. So groß ist mein Ego nicht. Hätten wir uns vor einem Jahr getroffen, hätten wir in der Tat in meinem Büro im obersten Stock gesessen, mit schönem Blick auf die Hamburger Außenalster.

Das war doch sicher sehr angenehm.

Natürlich. Aber ich habe mich dort isoliert gefühlt. Ich bin ein kommunikativer Typ, ich möchte wissen, was in meinem Laden los ist und laufe deshalb viel umher. Wenn ich früher aus dem 14. Stock runter kam, haben sich alle gefragt: Warum ist der Geschäftsführer hier? Was haben wir falsch gemacht? Das ist jetzt kein Problem mehr.

Die Mitarbeiter waren nicht skeptisch, als sie ihren Schreibtisch aufgeben mussten?

Doch, das waren sie. Ich bin in einer Mitarbeiterversammlung gefragt worden, ob wir so ein amerikanisches Konzept in Deutschland brauchen. Da habe ich gesagt, dass es das Konzept auch schon seit Jahren bei Philips in Russland gibt - und dort funktioniert es großartig, genau wie an mehr als 30 anderen Standorten von Philips.

Solche Raumkonzepte findet man bei den Digitalfirmen im Silicon Valley. Warum jetzt auch bei Ihnen?

Die Digitalisierung ist für uns enorm wichtig. Einer unserer größten Kunden ist Amazon, aber auch unsere eigenen Produkte werden immer digitaler. Um vorne mit dabei zu sein bei dieser Entwicklung, müssen wir die besten jungen Leute in diesem Bereich locken und dazu brauchen wir die Arbeitsplätze des 21. Jahrhunderts.

Will Philips jetzt also wie Google werden?

Wir sind kein junges Unternehmen. In diesem Jahr feiert Philips seinen 125. Und deshalb sieht es hier nicht so aus wie im Kindergarten. Viele Deutsche denken sogar, dass wir ein deutsches Unternehmen sind, was mir als Holländer ein bisschen wehtut.

Wie wird sich Ihr Geschäft denn durch die Digitalisierung verändern?

Wir werden erleben, dass Medizin- und Konsumprodukte miteinander verschmelzen - in der Gesundheit, in der Pflege, bei der Vorsorge.

Derzeit punkten vor allem Garmin oder Fitbit, Apple und andere Wettbewerber aus dem Silicon Valley mit den sogenannten Wearables, also Uhren oder Fitness-Armbändern.

Natürlich sind das wichtige Konkurrenten. Aber die haben das Problem, dass sie anders als wir keine medizinische Kompetenz haben. Unsere Wearables dagegen werden Medizinprodukte sein. Das heißt, sie messen beispielsweise den Puls ganz präzise. Außerdem dürfen Sie nicht vergessen, dass wir auch noch eine andere Zielgruppe ansprechen. Garmin und Fitbit bedienen Leute, die ohnehin schon fit sind und noch fitter werden wollen. Wir wollen für die Menschen da sein, die Übergewicht haben, unter hohen Cholesterinwerten oder an Bluthochdruck leiden und deshalb gefährdet sind, an einem Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken - für die Fitten ist unsere Lösung selbstverständlich auch interessant.

Warum aber sollten diese Menschen bereit sein, ein solches Gerät zu kaufen?

Weil wir einen ganz anderen Service bieten werden. Uns schwebt ein Paket vor, das aus Hardware, Software und professionellem Coaching besteht. Unsere Studien zeigen, dass die Menschen, die gerne mal eine extra Currywurst essen, zwar auch Wearables kaufen. Allerdings liegen diese nach zwei Monaten im Schrank. Deshalb brauchen sie ein persönliches Coaching, das von Ärzten vorgenommen wird. Wir haben dafür eine Partnerschaft mit Allianz Worldwide Partners abgeschlossen.

Noch mal, wer kauft das am Ende?

Derzeit sprechen wir mit Unternehmen, die ihren Arbeitnehmern einen solchen Service anbieten wollen. Die Mitarbeiter profitieren, weil sie sich besser fühlen, und für den Arbeitgeber ist es natürlich gut, wenn die Fehlzeiten geringer sind. Wo wir das Konzept anwenden, haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Ab Herbst sind die Geräte auch für Konsumenten verfügbar.

Und welche Produkte haben Sie im Kopf?

Das sind natürlich die medizinisch geprüften Uhren, die eine wirklich zuverlässige Pulsmessung bieten. Ich trage bereits eine. Die Uhr wie auch eine Waage, Blutdruckmesser und Thermometer speichern die gesammelten Daten auf einer von uns entwickelten digitalen Plattform. Diese analysiert und stellt ein individuelles Trainingsprogramm zur Verfügung.

Ist das alles?

Nein, natürlich nicht. Wir werden auch in Deutschland mit einem intelligenten Notrufsystem starten, das erkennt, wenn jemand stürzt, und ein Notrufsignal sendet. Das funktioniert schon in Amerika. Wir haben aus mehr als einer Million Notruffälle ermittelt, wie man einen Sturz erkennt. Sie erkennen den Sturz meistens schon daran, wie jemand vor dem Sturz geht. Wenn wir sehen, dass ein älterer Mensch schon eine Zeit lang etwas anders läuft als gewöhnlich, informieren wir die Familie oder den Hausarzt und verhindern so den Sturz. Das hat ein ungeheures Potenzial.

Glauben Sie wirklich, dass Big Data die Gesundheit der Menschheit verbessert?

Davon bin ich überzeugt. Big Data kann dazu einen großen Beitrag leisten. Nicht nur im Bereich der Prävention, sondern zum Beispiel auch in der Krebsforschung, wo alles auf personalisierte Behandlungen hinausläuft. Hier gibt es vielversprechende Ansätze. Philips hat Millionen von Kernspin- und Magnetresonanztomografen überall auf der Welt. Wenn wir die da anfallenden Daten zusammenführen und interpretieren, dann sind wir schon viel weiter.

Ob Sie ein Geschäft machen werden oder nicht, hängt doch in Deutschland davon ab, ob die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten ihrer Angebote übernehmen. Bislang gibt es noch kein einziges Produkt, das übernommen wird.

Ich bin sehr optimistisch, dass die Kassen das übernehmen werden. Schon jetzt haben wir enorme Probleme, Pflegekräfte zu finden, zugleich steigt die Zahl der Pflegebedürftigen. Die Gesellschaft muss über technologischen Ersatz nachdenken.

Ist das denn attraktiv für die Kassen?

Die Krankenkassen werden den Vorteil der digitalen Prävention erkennen. Wenn wir etwa die Gruppe der Menschen mit Herz-Kreislauf-Gefährdung und chronischen Krankheiten besser versorgen, wird sich das am Ende rechnen. Angesichts der demografischen Entwicklung, der zunehmenden Zahl der chronisch Kranken und der Kostenentwicklung im Gesundheitssystem haben wir doch gar keine andere Wahl, als auf mehr Prävention zu setzen.

Das deutsche Gesundheitssystem ist aber wie eine Burg, die von Kassen, Ärzten und Krankenhäusern gehalten wird. Glauben Sie, dass Sie diese Burg mit Ihren Produkten erstürmen können? Sie war bislang sehr standhaft gegen die Digitalisierung.

Das wird nicht einfach werden. Es gibt viele Interessengruppen, die Sie überzeugen müssen. Ich erwarte nicht, dass wir schon im nächsten Jahr ein riesiges Geschäft mit den Kassen machen. Aber das ist unsere Zukunft. Wir haben damit die Möglichkeit, das Gesundheitssystem billiger und vor allem besser zu machen.

Wo sehen Sie Verbündete?

Viele Wissenschaftler und auch einige Krankenkassen teilen unsere Ideen. Auch die Politiker sind nicht abgeneigt. Ich könnte mir vorstellen, dass wir demnächst in einem Pilotprojekt das Gesundheitssystem eines Bundeslandes digitalisieren - Uniklinik, Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und Apotheken. Wir werden mit der Kardiologie anfangen und eine umfangreiche Vernetzung vornehmen.

Wo werden Sie denn die Dateien speichern? Auf einer Datenfarm in den USA?

Auf keinen Fall. Das wird lokal geschehen. Datenschutz ist schon jetzt ein großes Thema in Deutschland, wenn wir da eine globale Lösung anstreben, können wir unsere Pläne gleich begraben. Ich glaube, dass Philips als europäisches Unternehmen den großen Vorteil hat, die Befindlichkeiten in Europa zu verstehen.

Verstehen Sie als Holländer die deutschen Sorgen beim Datenschutz?

Es ist ein großes Thema und wir müssen sehr vorsichtig sein. Datenschutz wird aber manchmal als Alibi missbraucht, um nichts zu verändern.

Wie erklären Sie sich das?

Die Digitalisierung wird natürlich für ein bislang nicht gekanntes Ausmaß an Transparenz sorgen. Das ist vielen Anbietern im Gesundheitssystem nicht recht.

Gerade im Gesundheitsbereich besteht aber auch die Gefahr eines Missbrauchs der Daten. Sie sind hochsensibel.

Das stimmt. Aber seien wir mal ehrlich. Wie sieht das denn heute aus? Wer verwaltet denn die Daten in den Krankenhäusern? Wer schützt sie? Ist die Sicherheit heute wirklich so hoch? Wir wissen nicht, was mit unseren Daten passiert. Wir können nichts gestalten und das sollte sich ändern.

Moment! Unsere Gesundheitsdaten sind derzeit recht sicher, weil sie überall verteilt sind. Das Problem entsteht doch erst, wenn wir sie zusammenführen.

Deshalb werden wir auch die höchsten Sicherheitsstandards vorgeben und auf eine lokale Speicherung setzen.

Wenn es in Deutschland endlich eine elektronische Gesundheitsakte gibt, müssen weniger Röntgenbilder oder Kernspinaufnahmen gemacht werden. Der Bedarf an solchen Geräten wird also sinken. Ist das nicht kontraproduktiv für Philips?

Da kennen Sie unsere Philosophie aber schlecht. Wir glauben, dass es ein Geschäftsmodell ist, das Gesundheitssystem und die Menschen gesünder zu machen.

Ist Deutschland wirklich für diese Entwicklung bereit? Hinken wir bei der Digitalisierung nicht hoffnungslos hinterher?

Was die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung angeht, hat der Zug den Bahnhof bereits verlassen. Wir müssen in Deutschland aufpassen, dass wir nicht im letzten Wagen sitzen bleiben. Im ersten Waggon sitzen wir jedenfalls nicht.

Wird das Land es schaffen?

Davon bin ich fest überzeugt. Ich habe den Markt als eine gut geölte Maschine kennengelernt. Auch wenn sie langsam gestartet ist, wird sie bald Schwung aufnehmen. Innovation und Disziplin liegen in den deutschen Genen, und das macht uns hier so stark. Sogar als Holländer bin ich davon begeistert.

Peter Vullinghs, 45, ist ein Philips-Mann durch und durch. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Praktikant in Groningen und Eindhoven. Er begann in der Innenrevision und dann zog es ihn in die Ferne. Zehn Jahre lang war er in Asien tätig, in Indien, Singapur und Hongkong. 2009 folgten acht Jahre in Russland, die letzten drei als Geschäftsführer. Seit März 2015 arbeitet er in Hamburg und genießt Spaziergänge mit seinem Jack-Russell-Terrier "Pippi", den er nach Pippi Langstrumpf benannt hat.