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Montagsinterview:"Das  Geld verdienen  plötzlich andere"

Volkmar Denner

Bosch-Chef Volkmar Denner baut den Autozulieferer aus Stuttgart gerade zum Digitalkonzern um und stellt dabei auch gerne mal eigene Geschäftsmodelle in Frage.

(Foto: Axel Griesch/Finanzen-Verlag Gmb)

Bosch-Chef Volkmar Denner über das neue Konsumverhalten der Deutschen und Wege, das Land kreativer zu machen.

Volkmar Denner ist entspannt. Der Bosch-Chef hat das Sakko abgelegt, als er in der Stuttgarter Firmenzentrale empfängt, und er wird die eingeplante Zeit deutlich überziehen: In Ruhe erklärt er, wie er den größten Autozulieferer der Welt zum Digitalkonzern umbaut, welche Schlüsse er aus dem Dieselskandal zieht, der auch Bosch trifft - und wie er es trotz der Verantwortung für 375 000 Mitarbeiter schafft, dass Familie und Hobbykeller nicht zu kurz kommen.

SZ: Herr Denner, kochen Sie Ihren Kaffee inzwischen mithilfe Ihres Smartphones?

Volkmar Denner: Noch nicht, aber vielleicht bald. Das vernetzte Haus geht seinen Bewohnern immer mehr zur Hand.

Wo geht es Ihnen zur Hand?

Bei der Sicherheit, die ist in meinem Haus schon vernetzt. Ich kann aus der Ferne auf die Videokameras zugreifen und werde bald meine Heizung per Handy steuern.

19 Grad Celsius nachts und 23 Grad untertags reichen nicht als Einstellungen?

Wenn ich morgens im Bad zum Lüften das Fenster aufmache, dann drehe ich als Schwabe natürlich den Thermostat herunter und danach wieder hoch. Jedes Mal ärgert mich der Aufwand. Mit unserer Smart-Home-Technik kann ich mir das künftig sparen. Die regelt den Thermostat automatisch. Und da kommt noch mehr. Das intelligente Haus erkennt, wo wir uns wann üblicherweise aufhalten. Damit lassen sich Lichtprofile entwickeln, die eine Anwesenheit zu Hause realistisch vortäuschen, ein wichtiges Sicherheitsplus.

Das sogenannte "Smart Home" ist doch seit zwei Jahrzehnten nur eine Vision.

Inzwischen hat sich viel geändert: Die erforderliche Technik ist erheblich billiger geworden, sodass wir viele Geräte und Sensoren vernetzen können. Jeder hat heute Wlan und ein Smartphone.

Aber der Nutzen ist doch verzichtbar. Zudem laden die Sensoren sämtliche Daten in eine digitale Wolke. Wenn etwas schiefläuft, können Hacker sehen, was ich wie wo wann im Haus mache. Wollen wir das?

Bei Bosch kann der Kunde entscheiden, welche Daten sein Haus verlassen. Der Kunde kann die Temperatur nach draußen melden lassen, während die Videobilder daheim auf dem Rechner bleiben. Aber es stimmt: Je mehr vernetzt ist, desto größer wird die Gefahr von Angriffen und von Missbrauch. Wir kümmern uns daher sehr um das Thema Sicherheit, etwa durch eine eigene Cloud, also eigene Rechenzentren, wobei das erste in Deutschland steht. Der Standort ist auch eine Antwort auf die Sicherheitsbedenken der Menschen.

Die Vernetzung der Welt wird nur stattfinden, wenn für die Kunden der Nutzen größer ist als das potenzielle Risiko.

Die Würfel sind noch nicht gefallen?

Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingen wird.

Inzwischen werden auch Regierungen zu Angreifern: In den USA sollte Apple Ermittlern den Zugriff auf ein iPhone eines mutmaßlichen Attentäters ermöglichen. Was halten Sie davon?

Die USA sind ein Rechtsstaat. Ich sehe mehr Gefahr bei illegalen Angreifern.

Vernetztes Leben als Tür zur staatlichen Überwachung ist für Sie kein Problem?

In Rechtsstaaten nicht. Es ist auch ein Unterschied, ob ich das Smartphone einer Person aufgrund eines richterlichen Beschlusses entschlüssle, oder eine generelle Hintertür einbaue . . .

. . . die standardisiert einen Zugang ermöglichen würde. Sie programmieren keine Hintertüren in Bosch-Produkte?

Das machen wir nicht. Wir haben einen Wertekanon, dem wir folgen.

Dinge wie das vernetzte Haus haben auch Firmen wie Google längst im Programm. Sind die Deutschen wieder hintendran?

Überhaupt nicht. Das Rennen in der vernetzten Welt ist völlig offen. Da gibt es die einen, die von der Welt der anfassbaren Produkte kommen und sie jetzt vernetzen, so wie wir. Und es gibt die anderen, die aus der IT-Welt kommen und auf die physische Welt einwirken wollen.

Wo steht Bosch?

Wir bauen seit Jahren unsere Software-Kompetenz aus. Da sind wir mittlerweile sehr gut aufgestellt. Gleichzeitig ist es für die IT-Unternehmen schwer, die jahrzehntelange Erfahrung, exzellente Hardware in Serie zu bauen, aufzuholen. Und es geht ja nicht nur um Smartphones oder Heizungen, es geht um alles. Es geht auch um Mobilität, um die Vernetzung der Fabriken. Da profitiert Bosch sehr von seiner breiten Aufstellung in vielen Bereichen.

Und Bosch mischt wirklich auf Augenhöhe mit beim digitalen Leben?

Natürlich. Aber wir haben wechselnde Rollen. Wir sind mal Wettbewerber, mal Kunde der IT-Unternehmen. Nehmen Sie zum Beispiel Google: Beim intelligenten Raumthermostat sind wir Konkurrenten, beim Fahrzeug liefern wir zu: Der Powertrain des Google-Cars kommt von Bosch.

Dabei gelten die Deutschen als behäbig. Wir müssen tatsächlich noch schneller werden, flexibler. Und wir müssen uns neue Geschäftsmodelle überlegen.

Was meinen Sie damit? Heute geht es doch nur noch darum, noch eine neue App zu entwickeln und noch eine, das ist trivial. Das Rad wird nicht neu erfunden.

Es gibt vieles, was einfach nur das Pizzabestellen und Taxirufen komfortabler macht, das stimmt. Aber unterschätzen Sie nicht den Einfluss solcher Lösungen auf die Gesellschaft; die Menschen ändern ihr Konsumverhalten. Das Geld verdienen plötzlich andere. Der Bosch-Ansatz ist aber auch ein anderer. Wir programmieren nicht nur Apps bei Bosch, sondern bauen Lösungen um unsere Produkte herum, die begehrenswert sein sollen. Das gelingt uns immer häufiger. Um es für den Hausbereich zu sagen: Wir sind der "Apple" der Heizungsbranche. Wir haben die Heizung zu einem Designobjekt gemacht.

Aber Bosch verdient sein Geld doch vor allem als Autozulieferer.

Wir wollen in allen Feldern Trends setzen und damit Märkte schaffen. Dabei spielen neue, oft disruptive Geschäftsmodelle eine immer wichtigere Rolle, hier müssen wir noch besser werden. Um zu erkennen, wo sich das Kundenverhalten ändert, wo neue Technologien unser bestehendes Geschäft gefährden können, spielen wir Angriffe auf unsere Geschäftsmodelle inzwischen konzernintern durch. Ganz systematisch.

Sie lassen von den eigenen Leuten Ihre eigenen Produkte attackieren mit dem Ziel, sie überflüssig zu machen?

Ja, das tun wir. Besser, wir finden selbst die Schwachstellen unserer Geschäfte, als dass es andere tun. Neulich habe ich unsere Mitarbeiter aufgefordert, sogenannte "Disruption Discovery Teams" zu bilden. Sie sollen sich Gedanken machen, wie sie unsere eigenen Geschäftsideen angreifen würden. Es kamen 1800 Bewerbungen in nur sechs Tagen zurück. Wir wählen die interessantesten aus und stellen die Teams dann für acht Wochen frei. Sie können in inspirierender Arbeitsumgebung ihre Ansätze ausarbeiten, die vielleicht zu neuen Geschäftsmodellen für Bosch werden oder Risiken für bestehende Modelle aufzeigen.

Heißt so viel Zuspruch aus eigenen Reihen, dass die Deutschen gar nicht so technikfeindlich sind, wie stets geklagt wird?

Die Ideen sprudeln, wenn man die Mitarbeiter ermutigt und ihnen Freiräume gibt! Aber wir brauchen hierzulande mehr: vor allem Lehrstühle für innovative Geschäftsmodelle sowie für maschinelles Lernen. Die Breitbandnetzinfrastruktur ist auf dem Niveau eines Entwicklungslandes, dabei müssten die Datenleitungen ständig ausgebaut werden, weil immer mehr Maschinen, Häuser, Menschen, Autos vernetzt sein werden. Nicht zuletzt müssen wir die Menschen befähigen, sich in dieser neuen Welt souverän zu bewegen.

Was heißt das?

Viele Menschen können Technik anwenden, aber sie können sie nicht erschaffen, das gilt auch für viele der sogenannten Digital Natives. Wir brauchen also eine digitale Grundbildung für alle. Und es braucht mehr Raum für Kreativität. Planmäßige Überlastung erstickt jede Kreativität, bei Schülern, Studenten und auch bei unseren Mitarbeitern. Deswegen haben unsere Forschungsmitarbeiter jeden Dienstagvormittag die Freiheit zum Tüfteln. Das Thema wählen sie selbst.

Und wie sollte es für Schüler sein?

Da wird in hoher Frequenz abfragbares Wissen geprüft. Das ist überkommen: Wir können doch heute über Internetsuchmaschinen alles und jedes in Sekunden auf den Bildschirm holen. Was wir brauchen, ist Kreativität und die Fähigkeit zum systemischen und kritischen Denken.

Wo bekommen Sie selbst Ihre Impulse?

Ich bin permanent unterwegs in der Welt, bei Kunden und in der Wissenschaft. Gerade war ich in Afrika, habe in Kenia ein Innovation Lab von IBM besucht. Man sollte nicht nur ins Silicon Valley fahren. Sind Sie da regelmäßig?

Ja, in der Regel einmal im Jahr. Und in wenigen Wochen fliege ich nach Israel und schaue mir die dortige Start-up-Szene an. Kein Land ist bezogen auf seine Einwohnerzahl so innovativ.

In einem ganz wichtigen Punkt scheint das mit der Innovationsfähigkeit nicht geklappt zu haben in Deutschland: bei der Dieseltechnik. Offensichtlich hat VW die Abgaswerte manipuliert, weil der technologische Wettbewerb mit anderen Antrieben anders nicht zu gewinnen war.

Ich kann mich zu VW nicht äußern. Aber man kann von diesem Fall nicht auf die Innovationsfähigkeit eines Landes schließen. Ein wesentlicher Punkt für die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens ist die Kommunikation. Der Kommunikationsfluss in einem Unternehmen mit mehreren Hunderttausend Mitarbeitern ist immer eine Herausforderung. Dafür gibt es kein Patentrezept.

Wie machen Sie das?

Ich versuche, an ungefilterte Informationen heranzukommen, in meiner Rolle als Forschungschef beispielsweise durch gezielte Probebohrungen: Ich habe gestern etwa zwei Stunden Fahrassistenzsysteme ausprobiert. Da saß ich mit den entwickelnden Ingenieuren im Auto, ohne die Vertreter der dazwischengeschalteten Hierarchiestufen. Ich frage und teste, die Ingenieure erzählen und berichten, und sie spüren, dass sie als Experten wertgeschätzt werden. Wenn der Bereichsleiter die Souveränität besitzt, seine Leute allein mit mir zu lassen, dann weiß ich: Hier läuft es gut.

Das klingt transparent. Beim Marktführer in Wolfsburg war es wohl anders.

Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich an Spekulationen zu VW nicht beteilige.

Auch Bosch steht im Verdacht, mitgeholfen zu haben bei der Manipulation.

Wie Sie wissen, führt Bosch derzeit eine umfassende interne Untersuchung zum fraglichen Sachverhalt durch. Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir uns zu Zwischenergebnissen nicht äußern.

Aber an den Diesel glauben Sie noch?

Selbstverständlich. Bezüglich Partikelemissionen können Dieselfahrzeuge bei deutlich belasteter Luft sogar Luftreinigungsmaschinen sein, beispielsweise in Tunneln. Die vom Dieselmotor angesaugte Luft enthält dort mehr Partikel als das durch den Partikelfilter gereinigte Abgas.

Und beim viel diskutierten Stickoxid?

Da wird in der Öffentlichkeit zu Recht kritisiert, dass Dieselfahrzeuge im Realbetrieb teilweise deutlich von den Zykluswerten abweichen. Deswegen unterstützen wir seit Langem Emissionsmessungen im realen Fahrbetrieb. Alle verfügbaren technischen Lösungen sollten eingesetzt werden, um Verbrennungsmotoren so umweltfreundlich wie möglich zu machen. Denn wir benötigen den Verbrennungsmotor noch so lange, bis wir den Durchbruch bei der Elektromobilität geschafft haben, wohl noch mindestens zehn Jahre.

Herr Denner, Sie sind nicht bloß Vorsitzender der Geschäftsführung, Sie sind zudem Chefentwickler, müssen also nicht nur Finanzzahlen verstehen, sondern auch Roboterautos. Geht das überhaupt?

Technik ist Teil meines Lebenselixiers. Mir hilft auch meine Ausbildung. Ich bin ja als theoretischer Physiker ausgebildet. Da kann man Dinge gut strukturieren. Die vernetzte Welt etwa muss man einmal intellektuell durchdringen, dann ist ein vernetztes Auto nicht viel anders als ein vernetztes Haus oder vernetzte Fabriken, die unter dem Stichwort Industrie 4.0 laufen.

Ein Vorteil im Vergleich zu anderen Konzernen, die von Finanzern oder Juristen geführt werden?

Ich würde sagen: Es ist nicht von Nachteil für Bosch.

Man hört, dass Sie ohne Nachtschichten im Büro auskommen. Wie bekommen Sie die verschiedenen Aufgaben bei Bosch und das Privatleben unter einen Hut?

Mit Planung und Disziplin. Das Dreieck aus Bosch, Familie und Hobbys auszubalancieren, war immer Teil meiner Agenda.

Aber was ist das Geheimnis?

Ich plane die privaten Aspekte genauso wie die bei Bosch, egal, ob es um die Familie geht, das Motorradfahren oder das Basteln in meiner Hobbywerkstatt: Diese Termine, ob abends oder am Wochenende, haben dieselbe Wichtigkeit wie eine Telefonkonferenz mit Forschern im Silicon Valley.

Und greifen Sie daheim im Hobbykeller noch zum Lötkolben?

Natürlich. Ich mag Basteln und Testen, Anfassbares. Auch in Zeiten der digitalen Vernetzung.

Volkmar Denner, 59, ist Physiker und hat sein ganzes Berufsleben lang bei Bosch gearbeitet. Erst als Experte für elektronische Schaltungen, seit zehn Jahren ist er einer der zehn Geschäftsführer, seit 2012 leitet er das Gremium. Der gebürtige Schwabe ist verheiratet und hat drei Kinder.