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Konsum:"Ich bin kein Öko-Aktivist"

Pressebild von momox-Chef Heiner Kroke

"Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt in einem Laden war", sagt Momox-Chef Heiner Kroke.

(Foto: momox/momox)

Momox-Chef Heiner Kroke über gebrauchte Geschenke, sterbende Innenstädte und die Sache mit der Nachhaltigkeit.

Interview von Caspar Busse und Vivien Timmler

Dass es bei den Krokes in Kleinmachnow während des Gesprächs nicht ein Mal an der Tür klingelt, grenzt an ein Wunder. Der Chef des Re-Commerce-Händlers Momox Heiner Kroke lässt sich alles nach Hause liefern - und das nicht erst, seit Corona das Einkaufen umständlicher gemacht hat. Den An- und Verkaufsplattformen Momox, Medimops und Ubup hingegen hat die Pandemie zu einem Boom verholfen.

SZ: Herr Kroke, normalerweise würde man einen Händler jetzt fragen, wie das Weihnachtsgeschäft gelaufen ist. Aber bei Ihnen geht es nun erst richtig los, oder?

Heiner Kroke: Das ist in der Tat so. Zu Weihnachten könnten wir unsere Ankaufsplattform eigentlich schließen, das würde niemandem auffallen. Aber direkt nach den Feiertagen geht es los. Viele Menschen bekommen halt doch Sachen geschenkt, die sie am liebsten gleich wieder loswerden wollen.

Was sind das typischerweise für Dinge?

Da sind viele Bestseller dabei, aber auch Kleidung, die in der falschen Größe verschenkt wurde und nicht passt. Aber wir kaufen in dieser Zeit 150 000 Artikel pro Tag an, da ist alles dabei.

Viele Leute haben zuletzt ausgemistet und die Sachen bei Ihnen verkauft. Kann man sagen, dass Sie ein Corona-Profiteur sind?

So würde ich es nicht formulieren, das klingt so negativ. Aber es stimmt, Momox hat durch die Corona-Pandemie ein stärkeres Geschäft gemacht, als wenn es die Krise nicht gegeben hätte. Letztes Jahr haben wir 250 Millionen Umsatz gemacht, dieses Jahr werden wir bei schätzungsweise 310 Millionen landen.

Allerdings sind jetzt alle Haushalte ausgemistet. Wird die Ankaufquote im neuen Jahr einbrechen?

Da mache ich mir keine Sorgen. Im Vergleich zu dem, was jedes Jahr neu in den Markt kommt, ist unser Ankaufvolumen immer noch verschwindend gering. Der deutsche Buchmarkt generiert jedes Jahr neun Milliarden Euro, wir haben 190 Millionen Euro davon. Da ist noch viel Potenzial, bis alle ihre ausgelesenen Bücher an Momox geschickt haben.

Im Modebereich sind 2020 viele Wettbewerber hinzugekommen: Zalando, About You, H&M. Haben Sie nicht Sorge, dass die Ihnen das Geschäft wegnehmen?

Die Situation ist für uns nicht neu. Wir hatten die gleiche Situation vor ein paar Jahren im Buchbereich. Da kam Amazon und hat auf einmal angefangen, Bücher anzukaufen und exakt unser Geschäftsmodell kopiert. Das haben sie dann eine Zeit lang gemacht, wahrscheinlich nicht besonders erfolgreich, und wieder eingestellt. Ich will es ja gar nicht abstreiten, dass es toll ist, wenn man keinen Wettbewerb hat. Aber auf der anderen Seite hilft es einem unbekannten Geschäftsmodell, bekannter zu werden, wenn es die Großen vorantreiben.

Also sehen Sie Amazon nicht als Bedrohung?

Amazon ist für uns sowohl eine Bedrohung als auch eine große Chance. Am Anfang haben wir nur über Amazon unsere Produkte verkauft. Das ist inzwischen anders, mittlerweile verkaufen wir den größten Teil über unsere eigenen Onlineshops. Aber als Verkaufskanal bleibt Amazon wichtig für uns. Zwar müssen wir hohe Provisionen zahlen, dafür erreichen wir aber auch Kunden, die wir sonst nicht erreichen würden.

Ihr zweiter großer Konkurrent ist Ebay, Sie selbst haben fünf Jahre dort gearbeitet. Warum sollte ein Kunde seine Sachen bei Ihnen verkaufen, wenn er bei Ebay viel mehr Geld dafür bekommen kann?

Der Ebay-Verkäufer ist Preismaximierer. Er will sichergehen, dass er für sein gebrauchtes Produkt den höchstmöglichen Geldbetrag bekommt. Dafür muss er aber auch die Artikelbeschreibung erstellen, Fotos schießen, sich um die Kommunikation kümmern, jeden Artikel einpacken und zur Post bringen ... das ist ganz schön viel Arbeit.

Manchen macht das Spaß.

Klar, meiner Schwägerin zum Beispiel. Es gibt aber auch viele Kunden - und zu denen gehöre ich - denen das zu viel Aufwand ist. Die nehmen es in Kauf, weniger Geld zu bekommen, aber dafür ist der Artikel schnell verkauft. Der Kunde muss ihn nur einscannen und verschicken, alles andere nehmen wir ihm ab.

Wie viel Geld überwiesen wird, bestimmt ein Algorithmus. Wie funktioniert der?

Das kann ich natürlich nicht verraten, das ist eines unserer wichtigsten Unternehmensgeheimnisse.

Aber können Sie uns erklären, warum ein Buch, das ich heute anschaue, übermorgen zwei Euro teurer ist?

Alle 30 Minuten berechnet der Algorithmus für alle elf Millionen Artikel im Lager einen neuen Preis. Der kann natürlich auch der alte sein, deshalb ändert sich nicht immer was.

Was berücksichtigt der Algorithmus?

Auf der Verkaufsseite vor allem die Wettbewerbssituation. Wenn ein Konkurrent eine Jeans für fünf Euro weniger anbietet, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir auch unseren Preis senken. Und er schaut sich den Lagerbestand an. Für Verkäufer von Neuware ist das nicht so relevant, die können ja einfach nachordern. Wir können das nicht. Wir können nur verkaufen, was wir im Lager haben, und danach ist Schluss. Dann müssen wir warten, bis uns wieder jemand den Artikel verkauft.

Wie schnell geht ein Artikel bei Ihnen im Schnitt weg?

Wir verkaufen 50 Prozent der Artikel innerhalb der nächsten vier Wochen. Danach geht die Kurve steil nach unten.

Was Sie nach vier Wochen nicht verkauft haben, gilt schon als Ladenhüter?

Schon, ja. Aber circa 15 Prozent der Artikel, die wir im Lager haben, haben wir vor über einem Jahr angekauft.

Wenn das jedes Jahr so geht, haben Sie ein Problem.

Klar, dann reichen auch unsere 80 000 Quadratmeter Lagerfläche nicht aus. Aber auch das ist Aufgabe des Algorithmus. Wenn sich etwas so gar nicht verkauft, senkt er so lange den Preis, bis er merkt: Das müssen wir wegwerfen. Das sind etwa drei Prozent aller Artikel, die wir mal angekauft haben.

Lohnt sich der Aufwand des An- und Verkaufens bei Kleidung überhaupt? Man kann ja nicht wie bei Büchern einfach einen Barcode scannen.

Stimmt, es gibt keine Produktdatenbank. Wir müssen jeden einzelnen Artikel fotografieren, Größe und Zustand feststellen, der manuelle Aufwand ist enorm. Aber ein Kleidungsstück kostet im Schnitt 25 Euro, viel mehr als ein Buch mit deutlich unter zehn Euro. Am Ende bleiben bei uns nur Cent-Beträge hängen. Wir müssen also sehr viel Umsatz machen, damit es sich lohnt.

Sie benennen nun das Kleidungsgeschäft um, von Ubup in Momox Fashion. Wie kommt's?

Für den Verkauf von Kleidung haben wir einst eine eigene Plattform geschaffen mit eigenem Namen. Das war auch sinnvoll, weil die Kunden andere sind als beim Ankauf, die Überschneidung liegt bei nur 15 Prozent. Wir haben uns den Namen Ubup ausgedacht, was für used but precious steht: gebraucht, aber wertvoll. Irgendwann haben wir dann rausgefunden, dass die meisten das gar nicht verstehen. Deshalb haben wir zusammen mit Experten nach einem neuen Namen gesucht.

Um auf Momox Fashion zu kommen, braucht man aber keine Experten.

(lacht) Stimmt, habe ich mir im Nachhinein auch gedacht. Wir haben den Namen in Umfragen gegen mehrere Vorschläge ins Rennen geschickt. Bei Kunden und potenziellen Kunden kam Momox Fashion am besten an.

Lagen bei Ihnen unterm Christbaum eigentlich nur gebrauchte Sachen?

In der Tat verschenke ich gerne gebrauchte Dinge. Das Hemd, das ich gerade anhabe, ist nicht gebraucht. Aber meine Hose, die ist gebraucht und bei uns gekauft.

Weil es günstig ist oder weil es nachhaltig ist?

(zögert) Weil es nachhaltig ist, und weil ich das Konzept gut finde. Ich bin kein Sparfuchs.

Gehen Sie noch manchmal in ein Geschäft?

Nie. Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt in einem Laden war. Seit Corona gehe ich gar nicht mehr in Geschäfte. Vorher habe ich immerhin noch Lebensmittel offline gekauft, aber die lassen wir uns jetzt größtenteils auch liefern.

Dass die Innenstädte veröden und der Einzelhandel verschwindet, ist Ihnen egal?

Das hat jeder Verbraucher in der Hand. Diejenigen, die gerne in einer Einkaufsstraße bummeln möchten, sollten das auch unterstützen. Mir persönlich ist das zu mühsam, ich gehe nicht zum Spaß einkaufen. Wenn ich Schuhe kaufe, ist das im Sommer eine bestimmte Art von Timberland und im Winter eine andere Art von Timberland. Ich habe immer die gleichen, die ich neu kaufe, wenn die alten nicht mehr gut sind. Meine Familie tickt da übrigens so wie ich.

Dann klingelt es bei Ihnen zu Hause ja ständig.

Normalerweise kommt jeder Paketdienst einmal am Tag bei uns vorbei, jeweils mit x Paketen. Wir haben einen großen Paketkasten, falls wir mal nicht zu Hause sind.

Sie legen Wert auf Nachhaltigkeit, und dann kommt andauernd der Paketdienst? Das passt doch nicht.

Die Frage ist doch, was nachhaltiger ist: online oder offline einkaufen? Es gibt eine Studie des Umweltbundesamtes, die sagt, dass in den meisten Fällen Onlineshopping nachhaltiger ist.

Es sei denn, man fährt Fahrrad statt SUV. Hat sich Ihr Lebensstil in den letzten Jahren geändert?

Ich bin kein Öko-Aktivist, ich mache gerne Dinge, die mir Spaß machen. Ich hatte früher einen 7er-BMW Diesel. Jetzt fahre ich einen Elektro-Smart, mein Strom kommt aus meiner eigenen Solaranlage. Aber ich werde nicht alleine die Welt retten.

© SZ/shs
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