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Momox:Die zweite Chance

Mit gebrauchten Büchern handeln - was langweilig klingt, ist für Momox zu einem einträglichen Geschäft geworden.

Eines macht Heiner Kroke gleich klar. "Wir sind kein grünes Unternehmen. Wir machen das hier nicht, um die Welt zu retten", sagt der 46-Jährige ungewohnt offen und hebt sich damit auch sehr von vielen anderen, vor allem amerikanischen Gründern ab, die ihre Geschäftsidee gerne mal mit einer Mission zur Weltverbesserung begründen. Dabei betreibt die Berliner Firma, die Kroke führt und an der er auch beteiligt ist, ein Recycling der besonderen Art, das von ausgelesenen Büchern.

Auf der Internetseite von Momox können Menschen ihre gebrauchten Bücher verkaufen, ihnen sozusagen eine zweite Chance geben. Sie können einfach den Barcode einscannen, dann sehen sie den Preis, den sie erzielen können, und schicken die Bücher, aber auch viele andere Medienprodukte, an Momox, das Porto trägt das Unternehmen. "Panikherz", der autobiografische Bestseller von Benjamin von Stuckrad-Barre, bringt derzeit 9,74 Euro ein, "Unterwerfung" des Franzosen Michel Houellebecq 7,03 Euro. Die meisten Bücher bewegen sich jedoch im Cent-Bereich. Bis zu 100 000 Artikel erhält Momox - am Tag. Die Menschen räumen offenbar gerne ihre Regale und machen ihre Bücher zu Geld. Auch CDs, DVDs oder Spiele nehmen die Berliner an.

Geheimnis des Erfolgs ist ein ausgeklügelter Algorithmus, sagt Kroke. Damit wird der Wert der gelesenen Werke berechnet - und zwar laufend, teilweise mehrmals am Tag. Je nach Angebot und Nachfrage, können sich so die Preise für den Ankauf sehr schnell ändern - nach oben und nach unten. Ist ein Buch gefragt, wie die momentanen Bestseller, bietet Momox mehr Geld. Ladenhüter, für die es nur wenige Interessenten gibt, bringen dagegen nur wenig ein. Momox verkauft die gebrauchten Produkte weiter. Von der Marge, die teilweise erstaunlich sein kann, die aber Geschäftsgeheimnis ist, lebt die Firma.

Endlose Regale in einem ehemaligen Versandlager von Quelle: Hier lagert der Schatz des Unternehmens.

Ohnehin verkauft Momox nur etwa 30 Prozent der Produkte im eigenen Onlineshop, den sie mit dem lustigen Namen Medimops betreibt. Der Großteil läuft dagegen über Amazon und Ebay. Momox sei inzwischen der zweitgrößte Händler bei Amazon weltweit, berichtet Kroke stolz. An- und Verkauf laufen auf verschiedenen Onlineseiten, damit die Preise für die Kunden nicht so leicht vergleichbar sind. Das Buch "Panikherz" ist bei Medimops zum Beispiel gerade für 16,29 Euro zu haben.

"Die Idee kommt aus Deutschland und nicht aus den USA", betont Kroke. Hierzulande funktioniert das Geschäft mit dem Buch auch besonders gut. Kroke vermutet, das hat auch mit der deutschen Geschichte zu tun. "Bücher wegwerfen, das erinnert in Deutschland manche immer noch an Bücherverbrennen", sagt er. Der Umsatz lag 2015 bei 118 Millionen Euro, 2014 waren es erst 80 Millionen Euro. Kroke erwartet auch für 2016 ein "deutliches Wachstum", wenn auch nicht wieder um 50 Prozent. 2014 und 2015 erwirtschaftete das Unternehmen auch Gewinne, zuletzt 4,4 Millionen Euro - auch das ein Unterschied zu ziemlich vielen anderen Online-Start-ups. Beschäftigt werden inzwischen etwa tausend Mitarbeiter, die sich um die Logistik kümmern.

2004 hatte der Berliner Christian Wegner das Unternehmen gegründet. Er war arbeitslos und suchte einen Job. Auf einem Flohmarkt kam er auf die Idee, nach Startschwierigkeiten etablierte sich Momox. 2013 übernahm dann der smarte Kroke die Führung des Unternehmens und verfeinerte die Strategie. Er hatte bei den Internetfirmen Ebay und Auktionshaus Ricardo in der Schweiz gearbeitet und davor bei der Unternehmensberatung Boston Consulting. Unter seiner Regie expandiert Momox - demnächst auch in weitere Länder, etwa nach Süd-und Südosteuropa. An Momox ist seit 2010 der Finanzinvestor Acton Capital beteiligt, der zum Münchner Medienunternehmen Burda gehört.

Neun Millionen

So viele gebrauchte Produkte hat Momox auf Lager, darunter ein Großteil Bücher, aber auch andere gebrauchte Medien wie CDs, DVDs oder Spiele. Es ist die alte Idee des modernen Antiquariats, ins Internet übertragen. Verkauft werden die Produkte über einen eigenen Online-Shop sowie über Amazon und Ebay. Die Nachfrage ist der Firma zufolge hoch. Gebrauchte Bücher sind auch im digitalen Zeitalter offenbar gefragt.

Wo früher Quelle sein Logistikzentrum hatte, sitzt jetzt das Start-up

Momox hat natürlich Nachahmer gefunden. Inzwischen gibt es andere Unternehmen, die dieses Geschäft (Fachbegriff: Re-Commerce) ebenfalls entdeckt haben. Doch der Vorteil von Momox ist die Größe des Angebots, das Unternehmen bezeichnet sich schon als Weltmarktführer. In der Nähe des Flughafens Leipzig-Halle hat Kroke die Hallen des früheren Versandhändlers Quelle gemietet. Die Traditionsfirma aus Fürth war 2009 pleitegegangen, vor allem das Internet hatte ihr zugesetzt. Jetzt regiert hier Momox. Auf einer Lagerfläche von 65 000 Quadratmetern - "das sind etwa elf Fußballfelder", sagt Kroke stolz, werden rund neun Millionen Artikel gelagert, vor allem Bücher, aber auch CDs, DVDs, Spiele und vieles andere. In der Regel wird die bestellte Ware noch am selben Tag verschickt. Momox hatte zwischenzeitlich auch mal fünf Geschäfte in Berlin, diese aber bald wieder geschlossen. "Damit konnten wir kein Geld verdienen", sagt Kroke. "Wir können online besser."

Nun hat Kroke einen neuen, seinen Angaben zufolge noch viel größeren Markt im Visier, den für gebrauchte Kleidung. In Neuenhagen bei Berlin befindet sich das Lager. Die Sache ist aber etwas schwieriger. Der Wert des getragenen Produkts kann nicht per Barcode ermittelt werden, sondern nur anhand der Produktbezeichnung, zum Beispiel "Boss-Hemd". Jedes Stück muss einzeln begutachtet und dann fotografiert werden. Verkauft wird auf der eigenen Seite ubup.com, aber auch schwerpunktmäßig bei Amazon und Ebay. Gründer Wegner, der nach wie vor Mehrheitsgesellschafter von Momox ist, kümmert sich heute vor allem um das Kleidungsgeschäft. Noch macht dieser Bereich erst etwa sieben Millionen Euro Umsatz. Er soll aber weiter steigen.

Kroke ist überzeugt, dass durch das Angebot die Nachfrage erst stimuliert wird. Viele Kunden würden ihre Schränke leeren, weil es diese Möglichkeit gebe. Das Marktpotenzial, sei es bei Medienprodukten oder bei Kleidung, sei noch nicht ausgeschöpft. Kroke jedenfalls will weiter wachsen und hat große Pläne. "Ein Gang an die Börse ist nicht ausgeschlossen, aber ganz sicher nicht im nächsten Jahr", sagt er.