bedeckt München 13°
vgwortpixel

Tricksereien mit der Füllmenge:Das sind die Mogelpackungen des Jahres

Seit vergangenem Jahr ohne Käse: Die Spaghetti von Mirácoli werden in der "Mogelpackung des Jahres 2019" verkauft.

(Foto: Verbraucherzentrale)

Die Verbraucherzentrale Hamburg kämpft mit der Auszeichnung gegen versteckte Preiserhöhungen. Gekürt werden vor allem Markenprodukte. Auch den diesjährigen Sieger dürften viele schon gekauft haben.

Miracolo ist das italienische Wort für Wunder. Und gewundert haben dürften sich zuletzt auch die Fans des Nudelprodukts Mirácoli aus dem Hause Mars Food. Denn in der Packung der Halbfertig-Pasta, die es seit 1961 in Deutschland gibt, fehlt seit vergangenem Jahr der Käse, der bislang den Spaghetti beilag. Gleichzeitig reduzierte der Hersteller die Füllmengen bei der Tomatensauce und der Würzmischung. Der Preis der Packung blieb aber gleich. Unterm Strich bekam der Verbraucher also weniger für sein Geld.

Diese versteckte Teuerung war der Grund für die Verbraucherzentrale Hamburg, die neue Mirácoli-Packung zusammen mit vier weiteren Produkten zur Wahl der "Mogelpackung des Jahres 2019" zu stellen. Mehr als 43 000 Verbraucher stimmten ab - und die Nudeln machten das Rennen. Was nun kein so großes Wunder sei, meint Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Schließlich stelle der verschwundene Käse "eine klammheimliche und dreiste Preiserhöhung" dar.

Konsum und Handel Die äußeren Werte zählen
Verpackungen

Die äußeren Werte zählen

Das Chemnitzer Start-up Saralon bringt Verpackung zum Leuchten, zum Beispiel bei Kosmetik. Und folgt damit einem Trend.   Von Felicitas Wilke

Knapp dahinter landete der "Bio Direktsaft Karotte" von Hipp. Der Baby-Nahrungshersteller hatte die Saftflasche auf 330 Milliliter verkleinert. Zudem verlangte der Handel statt im günstigsten Fall 1,05 Euro für die große Flasche nun 1,49 Euro für die kleinere. Das sei eine Preiserhöhung von 115 Prozent, rechnet die Verbraucherzentrale vor. Das Produkt sei damit unter allen Mogelpackungen der vergangenen Jahre "das Lebensmittel mit der höchsten Preiserhöhung", sagt Valet.

Auch nach 15 Jahren erlebt der Verbraucherschützer also noch neue Rekorde am Supermarktregal. So lange schon sammeln er und sein Team in der Verbraucherzentrale Produkte, bei denen es "versteckte Preiserhöhungen" gab. Gemeint sind damit Waren, bei denen der Inhalt der Packung zwar schrumpft, der Preis aber gleich bleibt. Daneben gibt es noch andere Varianten . Unterm Strich gilt aber immer: Das Produkt ist am Ende teurer - und das deutlich. Meist liege die Preiserhöhung bei zehn Prozent bis zu einem Drittel, sagt Valet. Mitunter auch bei mehr. Siehe Hipp.

Für den Verbraucher ist die Teuerung auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Denn nichts fürchten Handel und Hersteller mehr, als offen die Preis zu erhöhen, und damit die Kunden vom Kauf abzuhalten. "Die Pflichtangaben zum Inhalt sind oft nur im Kleingedruckten auf der Rückseite der Verpackung zu finden", sagt Armin Valet. "Hinweise zu verringerten Inhaltsmengen sucht man vergebens."

Die Zahl solcher Mogelpackungen, die den Verbraucherschützern in den vergangenen Jahren von Konsumenten gemeldet wurden, übersteigt mittlerweile die 1000er-Marke. Eine Liste, auf der die Verbraucherzentrale die Produkte dokumentiert, umfasst nahezu die gesamte Warenpalette eines durchschnittlichen Supermarkts: vom Waschmittel über Shampoo und Babywindeln bis zu Säften, Katzenfutter oder Schokoriegel. Jedes Jahr landeten dabei zuletzt mehr Mogelpackungen auf der Liste: 2015 waren es laut Valet noch 38, im vergangenen Jahr bereits 66. Und auch die Zahl der Verbraucherbeschwerden nimmt zu: 2500 waren es im Jahr 2019 - so viele wie noch nie zuvor. "Oft empören sich die Leute über die Ressourcenverschwendung, die mit den versteckten Preiserhöhungen einhergeht", sagt Valet. Denn obwohl weniger drin ist, bleibt die Verpackung häufig gleich groß - und umschließt mehr Luft. "Dadurch entsteht unnötiger Verpackungsmüll", sagt Valet.

Snack, Schokoriegel und Wasser wurden bereits als Mogelpackung ausgezeichnet.

(Foto: Hersteller, Collage: SZ)
Die dreistesten Tricks

Welche Hersteller haben sich in den vergangenen 15 Jahren die frechsten Preistricks und Mogelpackungen ausgedacht? Verbraucherschützer Armin Valet nennt Beispiele:

Knabbergebäck: Der Snack-Hersteller Lorenz senkte 2018 gleich bei vier seiner Produkte die Füllmengen und ließ die Preise gleich. Seine Chipsletten wurden " Mogelpackung 2018". Sie verteuerten sich um 70 Prozent. Gleichzeitig wurde die Verpackung aufgerüstet: Die Käufer bekamen so "mehr Müll für ihr Geld", so die Verbraucherzentrale.

Mini-Riegel: Der Schokoriegel-Produzent Mars verwirrte die Verbraucher in den vergangenen Jahren mit einem regelrechten Preiskarussell: Erst sank die Zahl der Mini-Riegel in der Packung mehrmals bei gleichem Preis. Dann stieg sie und der Preis ebenfalls. Nun sinkt sie wieder - der Preis bleibt aber gleich. Teuerung seit 2009: 40 Prozent.

Mineralwasser: Die Danone-Tochter Evian schuf die "Mogelpackung 2016". Der Inhalt der Flasche schrumpfte von 1,5 auf 1,25 Liter. Gleichzeitig stieg der Preis. Unterm Strich kam eine Teuerung von 50 Prozent heraus. Dabei verwendete der Hersteller eine neue, hochwertigere PET-Einwegflasche - benötigte letztlich also mehr Kunststoff, um weniger Wasser abzufüllen.

Die Trickserei mit den Füllmengen betrifft dabei fast nur Markenprodukte. Denn dort greifen die Kunden eher einmal ins Regal, ohne auf Preis oder Menge zu achten. Damit falle es leichter, ein Produkt unbemerkt zu verteuern, monieren die Verbraucherschützer. Die Hersteller weisen solche Vorwürfe zurück. Mirácoli-Hersteller Mars Food etwa verweist bei der verringerten Menge auf gestiegene Kosten für Rohstoffe und Energie. Der Käse sei aus der Packung verschwunden, weil die Verbraucher ihn "häufig nicht nutzten". Bei Hipp heißt es: Von einer Mogelpackung könne beim Bio-Karottensaft keine Rede sein: "Die Veränderungen am Saft und die Preisgestaltung waren für unsere Kunden zu jeder Zeit zu erkennen." Wegen gestiegener Rohstoffkosten habe man erstmals seit zehn Jahren den Preis erhöht. Die kleinere Flasche gehe dabei auf Verbraucherwünsche zurück. Im übrigen spreche der Hersteller dem Handel nur eine unverbindliche Preisempfehlung aus. Den Preis im Supermarktregal lege aber der Handel fest.

So sei es immer, meint Valet: "Hersteller und Handel schieben sich den schwarzen Peter zu." Daher sei es auch so schwierig, rechtlich gegen versteckte Preiserhöhungen vorzugehen. Nun fordern die Verbraucherschützer eine "Transparenzplattform". Darauf sollen die Hersteller vorab anzeigen, wenn sie die Füllmenge eines Produkts ändern. "Damit wären die Verbraucher mehr auf Augenhöhe", meint Valet.

Beim Markenverband, der rund 400 deutsche Markenfirmen vertritt, hält man wenig von der Idee. Auskunft über einheitliche Mengen jedes Produkts gebe bereits der Grundpreis am Supermarktregal, meint Geschäftsführer Alexander Dröge. Dieser zeigt etwa den Preis je 100 Gramm oder je Liter. Das gebe Verbrauchern "zu jedem Zeitpunkt den Überblick, um Standardpackungen, Aktionspackungen, Kombiangebote zu vergleichen. Da wird nichts gemogelt oder versteckt", sagt Dröge.

Mit dem Grundpreis könne man jedoch nicht vergleichen, wie teuer ein Produkt vor der Änderung der Füllmenge war, hält Armin Valet dagegen. Schließlich stehe das bisherige Produkt nicht mehr im Regal: "Und welcher Verbraucher weiß schon, wie viel Gramm vorher in der Chipstüte waren?" Den Käufern bleibe daher bislang nicht viel mehr übrig, als aufmerksam darauf zu achten, ob sich das Design einer Verpackung oder die Rezeptur eine Produkts ändere. Das seien Hinweise auf veränderte Füllmengen, sagt Valet. Ohne rechtliche Regelung, etwa zu einer Transparenzplattform, blieben die Verbraucher jedoch der Mogelei ausgeliefert, meint er: "Nach 15 Jahren wäre es daher an der Zeit, dass endlich etwas passiert."

© SZ vom 22.01.2020/mxh
Nachhaltigkeit "Uns fehlt nichts"
19 aus 2019

Als Familie nachhaltig leben

"Uns fehlt nichts"

Stefanie Kießling tat ein müllfreies Leben lange als utopisch ab. Heute lebt sie mit Mann und Kindern so nachhaltig, dass kaum etwas im Abfall landet. Besuch bei einer Familie, die den Selbstversuch wagt.   Von Kathrin Werner

Zur SZ-Startseite