Mögliche Prokon-Insolvenz Gigantisch gefährlicher Markt

Mit dem Erpressungsversuch nimmt Prokon Tausende Anleger als Geiseln: Ausgerechnet bei ethisch korrekten Geldanlagen spielt sich mit der möglichen Prokon-Insolvenz ein Milliardendesaster ab. Wenn die Politik nichts tut, ist der nächste Crash auf dem grauen Kapitalmarkt nur noch eine Frage der Zeit.

Ein Kommentar von Markus Balser, Berlin

Ungebetene Post im Briefkasten, Trailer vor der Tagesschau, Werbebanner selbst in entlegensten Buslinien: Viel Wind war in den vergangenen Jahren nicht nur auf dem Strommarkt Kern des Geschäfts beim Öko-Imperium Prokon. An den großen Versprechungen der Firma aus Itzehoe kam kaum jemand vorbei. "Äußerst erfolgreich" sei das eigene Modell, warb die Windkraftfirma - und das könnten auch die Deutschen sein. "Es ist Zeit, etwas zu verändern", säuselten sonore Stimmen. Nur ein paar Euro müsse man überweisen, fertig. "Das lohnt sich - für Sie und eine lebenswerte Zukunft!"

Grüne Investitionen, gute Gewinne, reines Gewissen: Zehntausende Anleger glaubten den goldenen Gewinnversprechen der Firma aus Norddeutschland und ihrem Gründer Carsten Rodbertus. Mit bis zu acht Prozent Rendite warben die Geldeintreiber um Anleger - "mit Sicherheit und zum Anfassen".

Das Problem: Zu greifen ist für Anleger bei Prokon derzeit nur die Angst. Der selbstbewussten Firma droht noch in diesem Monat die Pleite. Auf dem Spiel stehen sagenhafte 1,4 Milliarden Euro von etwa 75.000 Anlegern - so viel wie noch nie in Deutschland in einem vergleichbaren Fall.

Gefährliche Melange

Zum Schicksalstag der Betroffenen wird dieser Montag. Denn nur wenn sich bis zu diesem Stichtag genug Anleger finden, die erst einmal auf Rückzahlung ihrer Gelder und auf Zinsen verzichten, will Prokon seinerseits auf den Insolvenzantrag verzichten - ein einmaliger Erpressungsversuch des Prokon-Managements, das Tausende Anleger zu den Geiseln ihres eigenen Unternehmens macht.

Ausgerechnet auf dem immer beliebteren Markt für ethisch korrekte und grüne Geldanlagen spielt sich damit in diesen Tagen ein Milliardendesaster ab, das bohrende Fragen aufwirft und gewaltigen Flurschaden hinterlassen wird: Anleger wollen wissen, wie es im Energiewendeland Deutschland angesichts üppiger Ökostromförderung überhaupt zu einer derartigen Schieflage kommen kann.

Experten fragen sich, ob dieses Geschäftsmodell überhaupt jemals funktioniert hat oder nur eine Art Schneeballsystem war, in dem neue Investoren mit ihrem Geld Zinsen für die alten zahlten. Und Politiker fragen sich, ob angesichts des Vertrauensverlusts die Energiewende Schaden nimmt. Die Schieflage der Windfirma ist in jedem Fall die Folge einer gefährlichen Melange aus fragwürdigen Geschäften und geschickter Verführung, aus naiven Anlegern und erstaunlich dürftiger Kontrollen gewaltiger Finanzströme auf dem Grauen Kapitalmarkt in Deutschland.