Süddeutsche Zeitung

Mögliche Alstom-Übernahme:General Electric schickt Siemens aufs Abstellgleis

Fast 12,5 Milliarden will General Electric zahlen. Damit hat Siemens im Poker um das Energiegeschäft des französischen Rivalen Alstom erst mal das Nachsehen - zumindest bis Ende Mai.

Telefonate mit Analysten sind eigentlich recht kühle Termine, die professionellen Beobachter stellen technische Fragen oder kümmern sich um irgendeine Nachkommastelle in der Bilanz. Die Unternehmenslenker antworten meist genauso verklausuliert. Am Mittwochmorgen war das ein wenig anders. Um 8.30 Uhr Ortszeit an Amerikas Ostküste bat General Electric (GE) zur Telefonkonferenz mit einem gut gelaunten Vorstandschef Jeffrey Immelt.

Am Tag zuvor hatte GE ein verbindliches Übernahmeangebot für die Energiesparte des französischen Konzerns Alstom abgegeben. Etwa zehn Milliarden Euro will GE für das Geschäft zahlen, dazu knapp 2,5 Milliarden Aufschlag, macht also insgesamt 12,35 Milliarden Euro - die teuerste Offerte in der 122-jährigen Firmengeschichte. Gleich die erste Frage begann mit einem Lob, ein Analyst der britischen Großbank Barclays gratulierte artig zum Erfolg - als sei die Übernahme schon durch. Doch soweit ist es noch nicht.

Der Verwaltungsrat der Franzosen beschloss am Dienstagabend lediglich, eine unabhängige Expertise zum GE-Angebot in Auftrag zu geben. Bis Ende Mai sei GE damit an sein Angebot gebunden, während dieser Zeit dürfe Alstom wiederum nicht mit anderen Interessenten verhandeln. Andere Angebote dürfen aber trotzdem abgegeben werden. Der deutsche Rivale Siemens bekommt also die Gelegenheit, ebenfalls eine konkrete Offerte vorzulegen. Siemens solle "fairen Zugang" zu allen Zahlen bekommen, teilte Alstom mit.

Siemens beschwerte sich über die fehlende Kommunikation

Genau das hatte Siemens nach einer Sitzung des Aufsichtsrats am Dienstag verlangt. Als Bedingung für ein konkretes Angebot fordert Siemens vier Wochen lang Einsicht in den sogenannten Datenraum des französischen Unternehmens. Zudem möchten die Münchner Interviews mit den Top-Managern von Alstom führen. Diese Gelegenheit hatte GE bereits in den vergangenen Wochen. Etwa Mitte Februar, sagte Immelt im Gespräch mit den Analysten, habe das Management der Franzosen Kontakt zu ihm aufgenommen. Drei Wochen lang habe danach ein Team von Spezialisten die Zahlen von Alstom geprüft. Und nun liegt ein verbindliches Angebot vor.

Siemens reagierte am Dienstagabend mit einem Brief an Alstom. In dem Schreiben, das die Süddeutsche Zeitung einsehen konnte, beschwert sich der Konzern über die fehlende Kommunikation vonseiten der Franzosen. "Unglücklicherweise haben wir keine Antwort auf unseren Brief vom 26. April bekommen." Am Wochenende hatte Siemens-Chef Joe Kaeser in einem ersten Schreiben Interesse an einer Übernahme des Energiegeschäfts von Alstom angemeldet. Im Gegenzug schlug er vor, die ICE-Sparte und das Lokomotivengeschäft an die Franzosen zu geben.

Auch Siemens will zweistelligen Milliardenbetrag zahlen

In dem aktuellen Brief konkretisiert Siemens sein mögliches Angebot. Das Alstom-Energiegeschäft taxieren die Münchner auf 10,5 bis elf Milliarden Euro, also etwas weniger, als GE inzwischen bietet. Allerdings offeriert Siemens jetzt auch das gesamte Bahngeschäft - also den Hochgeschwindigkeitszug ICE, die Lokomotiven, die Nahverkehrszüge, die U-Bahnen und Trams. Laut Schreiben hat diese Sparte Aufträge im Wert von etwa 16 Milliarden Euro in den Büchern.

In dem Brief bekennt sich der Münchner Konzern auch ausdrücklich dazu, das Nukleargeschäft von Alstom im Fall einer Übernahme weiterzuentwickeln. Alstom ist einer der wichtigsten Zulieferer für Atomkraftwerke - Siemens hat sich aus dem Geschäft eigentlich zurückgezogen.

"Entweder lässt man sich von Boeing kaufen, oder man baut am Airbus."

Und wie geht es nun weiter? Nach den hektischen Entwicklungen der vergangenen Tage dürfte wohl ein wenig Ruhe einkehren - wahrscheinlich bis Ende Mai. Dann laufen die Fristen aus, und bis dahin muss sich der Siemens-Vorstand entscheiden, ob aus einem unverbindlichen Angebot ein verbindliches wird.

Störfeuer könnte es allerdings von der französischen Regierung geben, die sich in Industriefragen traditionell stark einmischt. Vor allem Wirtschaftsminister Arnaud Mountebourg stemmt sich seit Tagen gegen den Zusammenschluss mit GE: "Es gibt zwei Lösungen. Um Bilder zu benutzen, die den Franzosen etwas sagen: Entweder lässt man sich von Boeing kaufen, oder man baut am Airbus. Siemens will zwei Weltführer in den Bereichen Energie und Verkehr aufbauen", tönte er und griff immer wieder Alstom-Chef Patrick Kron an. Dieser, beschwerte sich der Minister, habe ihn in den vergangenen Monaten offen belogen: "Muss der Wirtschaftsminister in seinem Büro einen Lügendetektor installieren?", fragte er.

Der angegriffene Alstom-Chef meldete sich am Mittwoch zu Wort- natürlich per Telefonschalte. Französischen Journalisten teilte er mit: "Wir haben ein einziges Angebot vorliegen, es ist ein attraktives Angebot", frohlockte er. "Sie erlauben mir, dass ich nicht das Gegenteil sage - schließlich habe ich es ausgehandelt."

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SZ vom 02.05.2014/mahu
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