Süddeutsche Zeitung

Modellautos:Unternehmen streiten sich ums Spielzeugauto

  • Streit ums Modellauto: Bundesweit sind knapp ein Dutzend Zivilklagen an verschiedenen Gerichten anhängig.
  • Die Konzerne fordern vor allem Lizenzgebühren.

Von Uwe Ritzer

Stundenlang saßen sie zusammen und einige, die dabei waren, sagen, es sei ein gutes, konstruktives Gespräch gewesen. An dessen Ende sich die Beteiligten einig gewesen seien, ihren Streit zu beenden und stattdessen gemeinsam und in aller Ruhe nach Lösungen zu suchen, mit der alle Seiten leben können. Doch kaum hatten die Vertreter der Spielwaren- und Modellbaubranche das Treffen mit Abgesandten von Volkswagen verlassen, fühlten sie sich auch schon hinters Licht geführt.

"VW will bei uns scheinbar einen Präzedenzfall schaffen"

Denn ohne ein Wort darüber zu verlieren, hatte der Automobilkonzern zeitgleich zur besagten Zusammenkunft Ende Juli im hessischen Dreieich eine Klage beim Landgericht in Düsseldorf eingereicht. Ein Affront. Die Klage richtet sich gegen die Firma Premium Classixxs, einen Hersteller von Modellautos.

VW will der Firma gerichtlich verbieten lassen, ihr Bus-Modell "Bulli" maßstabs- und originalgetreu im Miniaturformat nachzubauen. Wobei Premium Classixxs-Chef Klaus Kiunke glaubt, dass es bei der Klage "nicht nur um uns geht". Sein Eindruck sei, dass "VW bei uns scheinbar einen Präzedenzfall schaffen will".

Tatsächlich flammt gerade ein Konflikt neu auf, der längst durch höchstrichterliche Urteile beendet schien. Große Automobilhersteller, alle voran offenbar Volkswagen, gehen auf viel kleinere Spielwaren- und Modellbaufirmen los, die ihre Fahrzeuge im Kleinformat präzise nachbauen. Bundesweit sind in diesem Zusammenhang knapp ein Dutzend Zivilklagen an verschiedenen Gerichten anhängig.

Die Konzerne fordern vor allem Lizenzgebühren. "Grundlage sind beispielsweise gewerbliche Schutzrechte, aber auch die Herausgabe von Daten zur Nachahmung der Fahrzeuge", so ein VW-Sprecher. Vor allem aber wollen die Autobauer künftig die Regeln und die Bedingungen für den Nachbau ihrer Modelle diktieren. Dabei rütteln sie am Wesen von Spielen an sich. Nämlich, die große Welt im Kleinen nachzuempfinden, sich reales Geschehen im Miniaturformat, aber möglichst lebensecht, ins Kinderzimmer zu holen.

"Früher war das alles überhaupt kein Thema", erinnert sich Peter Brunner von der fränkischen Modellbaufirma Schuco. Jahrzehntelang seien die Autofirmen regelrecht dankbar gewesen, dass die Hersteller von Spielzeugautos ihre Modelle und Markenzeichen in Sammlervitrinen und Kinderzimmern unterbrachten und so eine frühe Markenbindung schufen. Bisweilen hätten die Automarken die kostenlose Werbung sogar finanziell unterstützt.

"Bis weit in die Achtzigerjahre hinein funktionierte diese Beziehung weitgehend reibungslos und ohne allzu große gegenseitige Einflussnahme", sagt auch Ulrich Brobeil, Geschäftsführer des Spielwarenindustrieverbands DVSI. Er spricht von einer "klassischen Win-Win-Situation". Die Modellbauer verkauften ihre Produkte, die Autobauer profitierten von der damit verbundenen Werbung.

Dann aber schlug das Wohlwollen der Großen in immer härtere Forderungen an die Kleinen um. Zunehmend würden die Autokonzerne über Lizenzgebühren am Miniaturgeschäft mitverdienen wollen, klagen die Modellbauer. "Prinzipiell ist das sogar verständlich", sagt Schuco-Mann Brunner. "Sie haben schließlich hohe Design- und Entwicklungskosten." Gegen die üblichen Lizenzgebühren für neuere Fahrzeugmodelle sei daher "grundsätzlich auch nichts einzuwenden".

Wohl aber dagegen, dass die Autohersteller "uns alle immer massiver unter Druck setzen", wie Peter Brunner sagt. DVSI-Mann Brobeil beziffert die lizenzbedingten Mehrkosten auf "bis zu 15 Prozent, die weder dem Handel, noch dem Endverbraucher vermittelbar sind und daher nicht einfach auf den Endpreis aufgeschlagen werden können".

Mit der Düsseldorfer Bulli-Klage gegen Premium Classixxs zielt Volkswagen nun auch auf Fahrzeugmodelle, die älter sind als 25 Jahre. Nach diesem Zeitraum endet eigentlich das gesetzliche Schutzrecht für ein Geschmacksmuster. Danach darf das entsprechende Design prinzipiell nachgebaut werden, ohne dass dafür Lizenzgebühren anfallen. Davon profitieren die Modellbauer, und das will VW ändern.

Für kleine Hersteller ist so ein Streit existenzgefährdend

"Durch die Nachahmung unserer Produkte - und damit verbunden auch unserer Entwicklungsleistungen - partizipieren Modellfahrzeughersteller kommerziell an jahrzehntelang durch Volkswagen erworbenem Designgut", argumentiert ein Firmensprecher. Premium Classixxs-Chef Klaus Kiunke schwant Böses: "Wenn VW damit durchkommt, stehen in der Folge alle Autohersteller bei den Modellbaufirmen auf der Matte."

Während es bei Volkswagen als einem der größten Autohersteller nur um ein - gemessen am Gesamtumsatz - winziges Zusatzgeschäft geht, fürchten Modellbauer um ihre Existenz. Meist sind es kleine Manufakturen, bestenfalls Mittelständler, heißt es beim Branchenverband DVSI. Er schätzt, dass von den jährlich drei Milliarden Euro Spielwaren-Umsatz in Deutschland 250 Millionen auf das Geschäft mit Modellfahrzeugen entfallen. Wobei der Übergang zwischen Spielzeug und Sammlerartikel fließend ist und die Preisspanne zwischen Massenprodukten für wenige Euro und aufwändigen Sammlerstücken für mehrere hundert Euro enorm.

Schon wähnt sich die Branche gar in einem "Freiheitskampf". Dabei hatten der Bundesgerichtshof und der Europäische Gerichtshof die Spielregeln bereits vor Jahren klar definiert. Damals ging es um einen Rechtsstreit zwischen Opel und dem Nürnberger Modellautohersteller Autec. Letzterer hatte das Opel-Markensymbol, den Blitz, auf die entsprechenden Miniaturnachbauten aufgebracht.

Der Autokonzern wehrte sich dagegen - und verlor vor BGH und EuGH. Weder würden Markenrechte verletzt, noch der Opel-Ruf geschädigt, hieß es. Das Wesen von Spielzeug (und damit das gute Recht seiner Hersteller) sei es nun mal, dass es "Gegenstände und Ereignisse der Weltgeschichte nach erschafft", meinte etwa der damalige Luxemburger Generalanwalt.

Nun fürchtet die Branche, dass vor allem VW die Uhr in die Zeit vor den Urteilen zurückdrehen will. Beide Seiten, VW und der DVSI, versichern zwar nach wie vor ihre Gesprächsbereitschaft, werfen der jeweils anderen Seite jedoch vor, sich einer gemeinsamen Lösung zu verweigern.

Den betroffenen Spielzeug- und Modellbauern bereitet derweil Sorge, den ständig neuen Auseinandersetzungen mit den reichen und finanzstarken Automobilkonzernen auf Dauer nicht gewachsen zu sein. So ist Premium Classixxs-Unternehmer Kiunke beim Gedanken an womöglich jahrelange Prozesse in Sachen VW-Bulli mulmig, auch wenn er sich im Recht sieht. "Wenn ein großer Konzern wie Volkswagen auf einen losgeht, überlegt man sich als viel kleinerer Unternehmer schon, was man macht."

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Quelle:
SZ vom 24.12.2016/hgn
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