Mobilität:Kurzsichtig

Mobilität: Max Hägler nutzt selbst etliche Mobilitätsdienste - weil sie nützlich sind. Illustration: Bernd Schifferdecker

Max Hägler nutzt selbst etliche Mobilitätsdienste - weil sie nützlich sind. Illustration: Bernd Schifferdecker

BMW und Daimler wollen die meisten ihrer Mobilitätsdienste aufgeben. Aus finanzieller Sicht ist das vielleicht nachvollziehbar - strategisch aber ist es ein schwerer Fehler

Von Max Hägler

Wie schnell eine kluge Idee aus der Mode kommt. Vor eineinhalb Jahren erst haben sich die Konkurrenten BMW und Daimler zusammengetan, um ihren Kunden künftig eine gute Fortbewegung auch ohne eigenes Auto zu ermöglichen. "Wir wollen diese Transformation gestalten", sagte der damalige Daimler-Chef Dieter Zetsche. Harald Krüger - damals der erste Mann bei BMW - nickte. Es ging ihnen darum, all das zusammenzubinden, was man Mobilitätsdienste nennt: Die software-gestützte Taxi-Vermittlung, die Carsharing genannte Kurzzeitmiete von Autos, das digitale Verwalten von Ladesäulen und Parkplätzen. Gemeinsam sind die Angebote stärker, das war der naheliegende Anlass für die Gründung von "Your Now".

Und jetzt? Zerlegen die neuen Vorstandschefs Ola Källenius (Daimler) und Oliver Zipse (BMW), was ihre Vorgänger nicht nur wagemutig, sondern auch visionär zu einem gemeinsamen Rohdiamanten gedrechselt hatten. Das Parkplatzmanagement soll verkauft werden. Für die Taxi-Vermittlung will der US-Fahrdienstleister Uber eine Milliarde Euro zahlen; man steht dem Angebot sehr aufgeschlossen gegenüber. Zudem ist ein Teil der Mobilitätssoftware bereits veräußert. Auch beim Carsharing ist ein Verkauf denkbar. Die Lust aufs Gestalten der Transformation ist jedenfalls weg. Das ist nachvollziehbar beim Blick auf die Finanzzahlen: Das meiste ist derzeit ein Draufzahlgeschäft. Die Taxi-Vermittlung ist hart umkämpft, Kunden müssen mit Rabatten gelockt werden. Die verkehrsträgerübergreifende Fahrtvermittlung bräuchte massives Marketing. Das Carsharing ist aus vielerlei Gründen noch ein mühsames Geschäft. BMW wie Daimler mussten deshalb den Wert der Now-Gruppe seit dem Start deutlich nach unten korrigieren. Das könne man sich nicht dauerhaft leisten, heißt es, gerade bei Daimler. Zumal nicht in diesen Zeiten des teuren Technologiewandels in der Branche. Man müsse sich deshalb auf den Kern konzentrieren, das Autobauen. Klingt schlüssig, ist aber sehr kurzfristig gedacht.

Zumal BMW und Daimler zur eigenen Misere beigetragen haben: Der Zusammenschluss der Carsharing-Dienste dauerte viel zu lang. Eingeführte Markennamen (MyTaxi, Moovel) wurden aufgegeben. Die 98 Millionen bestehenden und alle potentiellen Kunden werden mit unverständlichem Marketingsprech verwirrt - oder wissen Sie, wieso Sie "Ride Hailing" nutzen sollten? Mittlerweile konkurrieren auch noch verschiedene Now-Projekte unsinnig mit ähnlichen Angebote (Freenow und Sharenow).

Aber wegen der Fehler oder gar wegen Corona das alles aufgeben, so wie es die Vorstände in München und Stuttgart diskutieren mit Blick aufs schnelle Geld? Dann würden die Konzerne einen wichtigen Teil ihrer Zukunft verspielen. Denn natürlich gilt weiterhin, was vor eineinhalb Jahren galt: Die Mobilität wird sich ändern, weil sie sich ändern muss. Sie ändert sich ja jetzt schon. Dabei sind kohlenstoffarme Antriebe nur ein Aspekt. Parlamente und Stadtverwaltungen diskutieren allenthalben Begrenzungen des privaten Autoverkehrs. In Berlin läuft ein Volksbegehren an, das alle Straßen innerhalb des S-Bahn-Rings autofrei machen will. In Paris ist gerade Anne Hidalgo als Bürgermeisterin bestätigt worden, die bereits Straßen zugunsten des Fahrradverkehrs hat sperren lassen. Und selbst BMW-Chef Zipse hält autofreie Stadtkerne für keine schlechte Vorstellung - zum Wohle der Stadtbewohner. Reine Autokonzerne werden darunter leiden. Profitieren werden von diesem Wandel all jene, die gute Ergänzungen bieten werden zu Trottoir, Rad, Bus und Bahn. Vielleicht ist das nicht schon morgen gefragt. Aber übermorgen. Kaum ein Analyst bestreitet, dass Mobilitätsdienste im Jahr 2030 ein Billionen-Euro-Markt sein werden. Das ist dann kein Rohdiamant mehr, das ist eine Diamantenmine. Daran zu arbeiten, dort zu investieren ist weiterhin klug, auch wenn es derzeit noch Geld kostet und insofern Mut erfordert.

© SZ
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