Mobilität:Da ist Bewegung drin

Essen, Nordrhein-Westfalen, Deutschland - Verschiedene Verkehrsmittel in der Innenstadt, Busse, Bahnen, Fahrräder und Au

Fahrrad, Bus, Auto oder RE: Am Bahnhof in Essen treffen die verschiedenen Transportmittel aufeinander.

(Foto: Rupert Oberhäuser/imago)

Bahnchef-Lutz diskutiert mit Auto- und Fahrradfans über die Zukunft der Mobilität.

Von Jan Schmidbauer, München

Die Anamnese hatte ein gewisser Dr. Markus Söder schon am Morgen vorgenommen, auf recht lakonische Art: "Bahn dauert endlos", sagte der bayerische Ministerpräsident, als es auf dem SZ-Nachhaltigkeitsgipfel darum ging, warum es nicht schneller vorangehe mit der Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene. Endlos, damit spielte der CSU-Politiker vor allem auf die langen Bau- und Planungszeiten für neue Trassen an, nicht so sehr auf die Fahrzeiten der Züge. Wobei sich beides natürlich bedingt: Für schnellere Verbindungen braucht es modernere Trassen. Und die fehlen vielerorts nach wie vor. Auch nach vier CSU-Verkehrsministern in Folge übrigens.

Aus Sicht vieler Reisender ist die Bahn immer noch zu langsam unterwegs, selbst auf den sogenannten Rennstrecken. Von Hamburg nach München braucht der ICE mehr als sechs Stunden. Von München nach Berlin sind es nur noch vier bis fünf, in Frankreich schafft der TGV die ähnlich lange Strecke von Paris nach Marseille allerdings in drei.

Coronavirus - Bahnchef Richard Lutz

Bahnchef Richard Lutz kann auch entwaffend ehrlich antworten.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Die Bahn attraktiver zu machen, das ist die Aufgabe von Richard Lutz. Der 57-Jährige kommt aus einer Eisenbahner-Familie, er hat Betriebswirtschaft studiert. Fast schon logisch also, dass er Karriere bei der Bahn gemacht hat. Seit 2017 führt er den Staatskonzern. Aber was sagt er zu Söder und seiner Diagnose? Lutz macht es kurz, als er in der Diskussionsrunde zum Thema Mobilität darauf angesprochen wird. Er sagt: "Ja, das stimmt." Planungs- und Genehmigungsprozesse würden teilweise ewig dauern. Mit dieser entwaffnend ehrlichen Antwort spielt der Bahnchef den Ball elegant zurück. Schließlich kann der Staatskonzern seine Projekte ja nicht alleine durchsetzen. Dafür braucht er schon die Politik - und auch die Bürger, die sich vielerorts gegen neue Bauvorhaben wehren.

Eines ist aus Sicht des Bahnchefs allerdings klar: Wenn es um die Verringerung von Emissionen geht, dann führt an seinem Unternehmen kaum ein Weg vorbei. "Eine Klimawende wird ohne Verkehrswende nicht stattfinden", sagt Lutz. Die Bahn sei der einzige Verkehrssektor, der seine Emissionen in den vergangenen 30 Jahren gesenkt und nicht gesteigert habe. Im Gegensatz zu Autos, bei denen es gerade erst richtig los geht, seien die Züge der Bahn schon seit Jahrzehnten elektrisch unterwegs. 60 Prozent des Bahn-Verkehrs sind elektrifiziert, berichtet Lutz stolz.

Tesla ist nachhaltiger als die Bahn, findet Autoexperte Dudenhöffer

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, der von zu Hause zugeschaltet ist, hat dem Bahnchef aufmerksam zugehört. Begeistert hat ihn der Vortrag allerdings nicht. "Dieses Werbevideo war schön zu hören", sagt er in Richtung des Bahnchefs. 60 Prozent elektrisch, alles schön und gut. Nur sei Elektroauto-Hersteller Tesla ja zu 100 Prozent elektrisch. Warum also mehr Züge - und nicht: mehr Autos?

Dudenhöffer ist begabt darin, seine Gedanken in kurze und oft auch provokante Sätze zu gießen, auch deshalb ist er deutschlandweit der wohl beliebteste Gesprächspartner, wenn's um vier Räder geht. Auch in Richtung Lutz sagt er also einen dieser klassischen Dudenhöffer-Sätze: "Tesla ist doch nachhaltiger als die Bahn."

Dieser Schlussfolgerung mag sich jedoch keiner in der Runde anschließen, auch nicht Navina Pernsteiner, die selbst eine Firma für Elektroautos mitgegründet hat. Sono Motors heißt ihr Unternehmen mit Sitz in München. Deren E-Auto "Sion" kann nicht nur Strom aus der Steckdose laden, sondern dank etlicher Solarzellen in der Karosse auch ohne Kabelanschluss Sonnenenergie tanken. Immerhin 112 Kilometer Reichweite soll das im Schnitt pro Woche bringen und so zumindest in der Stadt eine Art automobile Autarkie ermöglichen. "Eine Ergänzung, die sicherlich intelligent ist", findet auch Autofachmann Dudenhöffer. Aber die Lösung aller Probleme sei sowas in Deutschland mit seinen vergleichsweise wenigen Sonnenstunden dann auch nicht.

Andreas Schön vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) beschäftigt dagegen nicht nur die Frage, woher die Energie kommt. Ihn beschäftigt vielmehr die Frage, welches Verkehrsmittel künftig Vorrang haben soll. Und für sein liebstes Fortbewegungsmittel sieht er hier Handlungsbedarf. Noch immer werde vor allem rund ums Auto gedacht. Das sehe man schon daran, dass sich in den Behörden viel mehr Menschen mit der Planung neuer Straßen beschäftigen als mit der Planung neuer Fahrradwege.

Zum Schluss hat dann noch einmal Navina Pernsteiner das Wort, die Elektroauto-Gründerin. Und sie sagt etwas, das wohl alle in der Runde unterschreiben würden. Es gehe nicht darum, welches Verkehrsmittel das Beste ist. "Es geht darum, gemeinsame Lösungen zu finden."

© SZ
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