Mobiles Internet Im Funkloch

Illustration: Stefan Dimitrov

Superschnell surfen - so werben die Internetanbieter. Doch vor allem Handy-Nutzer merken, dass dies oft gelogen ist. Warum machen die Konzerne das?

Von Varinia Bernau und Bastian Brinkmann

Manchmal, wenn Niek Jan van Damme mit den Werbern spricht, kommt es ihm so vor, als führe er genau die gleichen Gespräche, die er vor zwanzig Jahren schon einmal geführt hat. Damals war er bei Procter & Gamble. Damals ging es um Werbespots für ein Spülmittel. Die Marketingleute wollten riesige Stapel Teller zeigen, die sich mit einem einzigen Spritzer des Spülmittels blitzeblank putzen lassen. Immer höher wollten sie die Teller stapeln. Und irgendwann fragte einer der Manager, ob das nicht doch albern sei. Welche Hausfrau spült schon 400 Teller?

Niek Jan van Damme, der heute das Deutschlandgeschäft der Deutschen Telekom verantwortet, erzählt so etwas nur in kleinem Kreis. Die Botschaft, die er auf der großen Bühne verkündet und die auch andere Mobilfunkanbieter auf Plakaten, im Netz oder in Werbespots bei der Kundschaft platzieren wollen, ist eine andere. Sie lautet: Tempo, Tempo, Tempo.

So wie die Spülmittelhersteller einst der Hausfrau weismachen wollten, sie bräuchte ein Konzentrat, von dem ein Tropfen auch 400 verkrustete Teller packt, so wollen die Mobilfunkanbieter heute den Deutschen weismachen, sie bräuchten Tarife, die unterwegs das Surfen im Netz mit einer Geschwindigkeit von 150 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) ermöglichen. Die meisten Menschen kommen gut mit Übertragungsgeschwindigkeiten durchs Leben, die bei einem Zehntel liegen. Noch zumindest.

Jeder zweite erreicht nur ein Drittel der versprochenen Leistung

Aber nicht einmal das liefern die Anbieter im Alltag. Die Süddeutsche Zeitung hat gemeinsam mit dem auf Netztests spezialisierten Unternehmen Zafaco Zehntausende Mobilfunkkunden mit einer App über mehrere Monate testen lassen, wie schnell sie wirklich surfen können. Jeder zweite erreicht demnach nur 38 Prozent der versprochenen Geschwindigkeit. Jeder zweite Telekom-Kunde surft unterwegs mit 7,8 Mbit/s oder schneller. Jeder zweite Vodafone-Kunde kommt nur auf etwa 5 Mbit/s. Bei E-Plus sind es vier, bei O2 knapp über drei. Bei Billiganbietern sind es noch weniger - mit Ausnahme von Congstar, einer Telekom-Tochter.

Internet Handynutzer surfen oft viel langsamer als versprochen
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Mobilfunk

Handynutzer surfen oft viel langsamer als versprochen

In der Werbung überbieten sich die Konzerne: Jeder verspricht noch schnelleres Internet auf dem Smartphone. Ein Test mit Zehntausenden Nutzern zeigt, wie es wirklich ist.   Von Varinia Bernau und Bastian Brinkmann

Dass Werbung und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen, lässt sich erklären: Ein Mobilfunknetz ist ähnlich wie ein Straßennetz. Wie schnell man vorankommt, das hängt vor allem davon ab, wie viele Nutzer sonst noch unterwegs sind - und was sie machen. Auf der Straße sind es die dicken Laster, die Platz wegnehmen. Im Internet sind es diejenigen, die dicke Datenpakete übertragen, etwa wenn sie hochauflösende Videos herunterladen. Weil ein Anbieter nie weiß, wie viele Menschen gerade wo in ihrem Netz unterwegs sind und was sie dort machen, kann er auch nie garantieren, dass jeder mit der maximal möglichen Geschwindigkeit surfen kann. Deshalb haben sie vor die großen Geschwindigkeiten, mit denen sie werben, zwei kleine Wörter gesetzt: "bis zu". Bis zu 150 Mbit/s können auch 70 Mbit/s sein - oder nur 7,8 Mbit/s.

Die Frage ist nur: Wie vertrauenswürdig ist so eine Werbung? Und müssten die Mobilfunkanbieter, wenn sie auf Tempo setzen, nicht auch mehr für den Ausbau der Datenautobahnen tun?