Mobiles Bezahlen So will Google die Bargeld-Liebe der Deutschen brechen

Die Deutschen lieben ihr Bargeld und lassen sich nur ungern auf neue Technik ein.

(Foto: dpa)
  • Bislang nutzen nur sieben Prozent der Deutschen das Smartphone zum Bezahlen. Google möchte das mit seinem Dienst "Pay" ändern.
  • Der Internetkonzern hat gute Chancen, die Technik zu etablieren. Der Kundenbasis ist riesig.
  • Dass Google dabei auf möglichst viele Daten der Kunden zugreifen will, könnte die Akzeptanz des Angebots allerdings schmälern.
Von Felicitas Wilke und Nils Wischmeyer

Das mobile Bezahlen in Deutschland ist unter Experten ein Treppenwitz. Mindestens ein Mal im Jahr verkündet eine Studie oder ein Anbieter den Durchbruch, dann folgt kurzer Enthusiasmus, das Produkt kommt auf den Markt - und am Ende wird doch nichts draus. Die Deutschen, sie lieben ihr Bargeld und lassen sich nur ungern auf die neue Technik ein. Eine Untersuchung der Bundesbank zeigt, dass bislang nur sieben Prozent der Deutschen per Smartphone bezahlen.

Mehrere Konzerne haben sich bereits die Zähne daran ausgebissen, die Gewohnheiten zu ändern. Doch bald bringt Google seinen Bezahldienst Google Pay nach Deutschland. Offiziell verkündet wird das am 26. Juni in Berlin, größter Partner wird die Commerzbank sein. Das könnte tatsächlich etwas verändern: Google hat Millionen von Nutzern, die Smartphones mit dem konzerneigenen Betriebssystem Android sind hierzulande beliebt. Zudem ist der Konzern nicht auf den schnellen Erfolg angewiesen.

Ein Blick auf einen Markt, der sich bald verändern könnte und auf eine Technik, die bislang nur wenige Menschen in Deutschland nutzen.

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Die Technik

Wer mit dem Smartphone bezahlen will, muss sich zuerst eine digitale Geldbörse einrichten, im Englischen "Wallet". Dafür hinterlegt der Nutzer in der Regel seine Kreditkarte in einer App. Sie wird belastet, sobald der Kunde an der Kasse bezahlt. Bei Payback Pay hingegen läuft im Hintergrund ein Lastschriftverfahren. Technisch notwendig für die Transaktion ist entweder ein QR-Code oder der NFC-Standard.

Um via QR-Code bezahlen zu können, muss der Kunde eine App herunterladen, die Überweisung starten und anschließend eine PIN eingeben. Die App generiert dann einen Code, der vom Kassierer eingescannt wird.

Eine Alternative ist die Near-Field-Communication, kurz NFC. Im Prinzip funktioniert das Bezahlen wie mit einer kontaktlosen Karte. Der Kunde hält das Smartphone an die Kasse und bestätigt die Zahlung per Fingerabdruck oder mit einer PIN auf dem Mobilgerät. Dafür braucht es einen NFC-Chip, der in den meisten modernen Mobiltelefonen verbaut ist. Auf diese Technologie wird wohl auch Google setzen.

"Die NFC-Technik ist tendenziell zuverlässiger als die Bezahlung über einen QR-Code," sagt Ulrich Binnebößel, Zahlungsverkehrsexperte des Handelsverbands Deutschland (HDE). Bezahlt man mit QR-Code, brauche es manchmal mehrere Versuche, bis die Zahlung klappt. Trotzdem setzen einige Anbieter wie Payback Pay auf die QR-Technik. Diese ist auch für iPhone-Nutzer geeignet, die in Deutschland bislang nicht mit dem Handy an NFC-Kassen bezahlen können. Apple blockiert hierzulande die NFC-Schnittstelle, weil es sich mit den Banken bislang auf kein Vergütungsmodell beim eigenen Bezahldienst Apple Pay einigen konnte. Anders als in vielen Nachbarländern ist der Dienst in Deutschland noch immer nicht verfügbar.

Der Markt

Es haben sich schon viele daran versucht, eine eigene Lösung fürs mobile Bezahlen zu etablieren. Richtig durchsetzen konnte sich keiner, manche Anbieter gaben sogar ganz auf, darunter O2, die Telekom oder die Otto-Tochter Yapital. Vodafone beerdigt seine "Wallet" zum Ende des Monats. Es ist ein Henne-Ei-Mechanismus: Je weniger Händler das mobile Bezahlen anbieten, umso weniger Kunden richten sich eigens eine Wallet ein. Und anders herum: Je weniger Kunden mobil bezahlen, umso weniger Geschäfte bieten die neue Bezahlart an. "Alle warten aufeinander und am Ende passiert wenig", beschreibt es Christopher Schmitz vom Beratungsunternehmen EY.

Bisher haben Verbraucher unter anderem die Wahl zwischen den Bezahl-Apps von Payback, Paypal, Edeka oder der Deutschen Bank. Ohne Nachteil kommt kein Angebot aus. Mit den erstgenannten Lösungen kann man nur bei einzelnen Händlern bezahlen, und um die App der Deutschen Bank zu nutzen, braucht es eine vom Institut ausgegebene Mastercard.

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Wie Google Pay im Detail funktionieren wird, ist noch nicht klar. Sicher scheint, dass die Kunden ihre Kreditkarte hinterlegen müssen. Das dürfte die breite Akzeptanz zunächst schmälern. Wenn es schon eine Karte sein muss, bevorzugen die Deutschen die Girocard (EC-Karte). Der Digitalkonzern könnte trotzdem einiges ändern, sagt Schmitz: "Google bringt eine große Kundenbasis mit. Viele Händler dürften als Reaktion auf den Eintritt ihre Kassen NFC-fähig machen". Im zweiten Schritt auch Girocards hinterlegen zu lassen, dürfte technisch ebenfalls machbar sein.

Google verspricht sich von den Nutzern auch möglichst viele Daten. Dabei handelt es sich zunächst um jene, die auch Kreditkartenfirmen sehen. Sie zeigen, wie viel der Kunde eingekauft hat, nicht aber im Detail, was. Zusätzlich interessant wäre für Google, wo der Kunde eingekauft hat. Dafür müssten die Kunden allerdings einwilligen. In anderen Ländern macht der Konzern basierend auf solchen Daten bereits Angebote für den nächsten Einkauf.

Der Nutzen

Wer mit dem Handy Rechnungen begleicht, braucht kein Portemonnaie und schleppt einen Gegenstand weniger mit sich herum. Doch die geringen Nutzerzahlen zeigen, dass dieser Vorteil allein nur wenige Menschen dazu bewegt, sich eine spezielle App herunterzuladen und Zahlungsdaten zu hinterlegen.

"Mobile Bezahlsysteme brauchen einen konkreten, wiederkehrenden Mehrwert für die Nutzer", sagt Martina Weimert, Expertin für Zahlungsverkehr bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman. In den USA gelingt das der Kaffeehauskette Starbucks mit ihrer Bezahl-App, die dort 23 Millionen Nutzer hat - noch mehr als Apple Pay und Google Pay. Die Kunden können ihren Kaffee vorab per App bestellen und bezahlen und ihn im Laden direkt abholen - ohne Schlange zu stehen. Zudem lassen sich im System Treuepunkte hinterlegen.

In Deutschland strebt bislang vor allem Payback Pay in diese Richtung: In der App lassen sich die Treuepunkte des Bonusprogramms hinterlegen. Je mehr eine Bezahl-App kann, desto eher wird sie sich durchsetzen, glaubt Weimert. "Denkbar ist zum Beispiel auch eine integrierte P2P-Bezahlfunktion, mit der sich die Nutzer auch untereinander kleinere Beträge zuschicken können." Bleiben solche Zusatzleistungen aus, werden viele Kunden wohl weiter das Handy in der Hosentasche lassen und mit der Karte oder bar bezahlen.

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