Mobiles Bezahlen:Handy ersetzt Bargeld

Zahlen Smartphone Sparkassen Deutschland

Münzen und Scheine sind überflüssig: Bargeldloses Bezahlen wird auch in Deutschland beliebter. Banken und Händler stellen sich darauf ein.

(Foto: Westend61/imago)
  • Die Kunden der Sparkassen können von nun an auch mit dem Smartphone bezahlen - sofern sie ein NFC-fähiges Gerät haben.
  • Apple weigert sich nach wie vor, die Banken auf seine NFC-Schnittstelle im iPhone zugreifen zu lassen.
  • Ab Mitte August können auch Kunden der Genossenschaftsbanken mit dem Handy bezahlen.

Von Felicitas Wilke und Nils Wischmeyer

Eine Kasse in einem deutschen Supermarkt funktioniert nach dem immer gleichen Prinzip: Ware aufs Band legen, warten, sich bereit machen, viel zu hastig einpacken. Dann verkündet die Kassiererin in Windeseile den Betrag und man ruft gehetzt "Bitte mit Karte" - oder kramt nach dem Kleingeld. Von diesem Montag an können die Sparkassenkunden noch eine dritte Option entgegnen: "Bitte mit dem Handy."

Mehr als 300 der insgesamt 385 Sparkassen in Deutschland starten an diesem Tag mit ihrem eigenen Angebot fürs mobile Bezahlen. Von nun an reicht es, das Smartphone auf das Kartenterminal zu legen, und schon ist der Einkauf bezahlt - vorausgesetzt die Nutzer haben die zugehörige App und ein Android-Smartphone mit NFC-Funktion. NFC steht für Near Field Communication. Dabei tauschen Geräte, die wenige Zentimeter Abstand voneinander haben, in Sekundenschnelle Informationen untereinander aus, in diesem Fall also das Kassenterminal und das Handy. Der Bezahlvorgang gilt als genauso sicher wie mit einer kontaktlosen Giro- oder Kreditkarte. Bis Ende des Jahres soll der Service bei allen Sparkassen verfügbar sein. Ein Großteil der Volks- und Raiffeisenbanken, die bereits eine Pilotphase in Hessen hinter sich haben, folgt bereits Mitte August, ein Jahr später sollen alle Institute an Bord sein.

Mit dem Einstieg der Finanzgruppen könnte sich das mobile Bezahlen in Deutschland endlich etablieren. Bisher ist das eine Randerscheinung. Nur sieben Prozent der Menschen haben hierzulande schon einmal mit dem Handy bezahlt. Das Ergebnis ist außerdem verzerrt, denn der Wert umfasst auch den Online-Kauf per Smartphone. An der Ladenkasse waren es also noch weniger Nutzer.

Drahtlos an der Kasse die Rechnung begleichen, klappt auch ohne Kreditkarte

Bei der Deutschen Bank könnten etwa 300 000 Kunden das System nutzen. Tatsächlich genutzt wird es aber nur von einer gut fünfstelligen Zahl. Google Pay, das seit etwa einem Monat auf dem deutschen Markt ist, können nur die Kunden der Commerzbank und einiger Online-Banken nutzen.

Die Sparkassen hingegen schalten das mobile Bezahlen auf einen Schlag für potenziell 50 Millionen Kunden frei, sind damit womöglich schon bald Marktführer und damit ein ernst zu nehmender Google-Pay-Gegner. Die zusätzliche Konkurrenz der Genossenschaftsbanken dürfte es für Google noch schwieriger machen, sein Bezahlsystem in Deutschland überhaupt großflächig zu etablieren.

"Wir bringen für unsere Kunden eine innovative Zahlungslösung in den Markt", sagt Helmut Schleweis, Präsident vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Für ihn ist die Einführung ein wichtiger Pfeiler für das, wie er sagt "Digitaljahr 2018". Als Angriff auf das Bargeld will der DSGV-Präsident das Angebot nicht verstanden wissen. Vielmehr sei das mobile Bezahlen eine von vielen Möglichkeiten.

Apple weigert sich, die Banken auf seine NFC-Schnittstelle zugreifen zu lassen

Genug Einzelhändler, die das neue System akzeptieren, gibt es mittlerweile. Laut Zahlen des Deutschen Giro- und Sparkassenverbandes sind mehr als 75 Prozent aller deutschen Kartenterminals NFC-fähig, etwa 60 Prozent akzeptieren neben Kreditkarten sogar die kontaktlose Girocard. Wer mit dem Handy bezahlen will, braucht bisher allerdings ein Android-Gerät, da Apple sich weigert, die Banken auf seine NFC-Schnittstelle im iPhone zugreifen zu lassen.

An der Ladenkasse reicht es bei den Sparkassen bis zu einem Betrag von 25 Euro, das Handydisplay kurz zu aktivieren und auf das Terminal zu legen. Bei größeren Einkäufen muss der Kunde im Kassenterminal zusätzlich eine Pin eingeben. Wer schon heute mit seiner kontaktlosen Karte im Supermarkt bezahlt, kennt das Prinzip.

Dass der Start der Sparkassen ein Beschleuniger für das mobile Bezahlen sein könnte, liegt nicht nur an der Zahl der potenziellen Nutzer. Die Sparkassen bieten als erste deutsche Finanzgruppe den Kunden an, in der App sowohl ihre Kreditkarte als auch ihre Girocard zu hinterlegen, egal ob diese kontaktlos ist oder nicht. Bei den Genossenschaftsbanken müssen die Kunden von Mitte August an nicht einmal eine Girocard im Geldbeutel haben, um mit dem Handy zu bezahlen.

Wer die Systeme der Deutschen Bank, der Commerzbank oder N26 nutzen will, muss hingegen eine Kreditkarte oder die Debitkarte eines Kreditkartenanbieters in deren App hinterlegen. Die aber ist bei Bankkunden in Deutschland eher unbeliebt. Ihr Anteil am Umsatz lag im vergangenen Jahr nur bei fünf Prozent, wie Zahlen der Bundesbank zeigen. Ganz anders die Debitkarten, allen voran die Girocard: Ihr Anteil am Umsatz belief sich im vergangenen Jahr bereits auf 35 Prozent, er liegt damit nur noch 13 Prozentpunkte unter dem Anteil des Bargelds. "Es ist ein wesentlicher Schritt hin zur Akzeptanz mobiler Bezahllösungen, dass die Kunden der Sparkassen und Genossenschaftsbanken ihre Girocard hinterlegen können," sagt Oliver Hommel, Experte für Zahlungsverkehr bei der Unternehmensberatung Accenture.

96 Prozent aller Zahlungen bis fünf Euro werden in Deutschland noch bar beglichen

Dass sich die beiden Finanzgruppen Deutschlands gegen Google Pay als Partner entschieden haben, könnte aber auch noch andere Gründe haben, sagt Hommel. "Da das Unternehmen viele Daten sammelt, wird es in der Öffentlichkeit durchaus kritisch betrachtet." Also gehen die Kreditinstitute lieber eigene Wege. DSGV-Präsident Helmut Schleweis betont, dass die Sparkassen keine Kundendaten an Dritte weitergeben. Für die Sparkassen sei der Schritt am Ende auch ein Schritt in die Zukunft, sagt Christopher Schmitz, Fachmann für Bezahlverfahren bei der Beratungsgesellschaft EY. "Die Sparkassen binden mit dem Service nämlich vor allem junge Kunden."

Bislang hat das mobile Bezahlen nur einen überschaubaren Vorteil: Man muss nicht im Portemonnaie kramen. Abgesehen davon stellt sich die Frage, welchen konkreten Mehrwert es den Nutzern liefert. Gelingt es den Banken und Sparkassen, ihren Kunden nützliche Dienstleistungen anzubieten - etwa Rabatte beim Einkauf oder zusätzliche Treuepunkte - dann könnten junge Erwachsene einen Grund weniger haben, die Bank zu wechseln, sagt Schmitz. Das Angebot für das mobile Bezahlen könnte sogar als Schutzschild gegen die neuen Digitalbanken oder auch Google Pay dienen.

Ob sich das Bezahlen mit dem Smartphone tatsächlich durchsetzt, ist allerdings noch ungewiss. Die Banken treiben das Thema voran, doch die Zahlen sprechen bislang eine andere Sprache - vor allem, wenn es um kleine Beträge geht. 96 Prozent aller Zahlungen bis fünf Euro begleichen die Menschen hierzulande weiter in bar. Kleingeldsuche inklusive.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Textes hieß es: "Wer die Systeme der Deutschen Bank, der Commerzbank oder N26 nutzen will, muss hingegen eine Kreditkarte in deren App hinterlegen." Das ist nicht richtig. Es muss eine Kreditkarte oder die Debitkarte eines Kreditkartenanbieters hinterlegt werden.

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