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Mittwochsporträt:Zurück im Spiel

Franz Koch kletterte beim Sportartikelkonzern Puma schnell an die Spitze, doch dann folgte der Absturz. Nun erfindet er sich neu - in einem Berliner Hinterhofgebäude. Er will das Sportportal "Onefootball" aufpeppen.

Von Uwe Ritzer

„Ich wollte irgendwo hin, wo mich keiner kennt“; Franz Koch, Chief Operating Officer bei Onefootball.

(Foto: oh)

Zwangsläufig fällt der erste Blick auf seine Schuhe. Schließlich war im früheren Leben des Franz Koch die Wahl der Schuhe eine Frage von Identität und ein klares Statement. Drei parallele oder ein langer, geschwungener Streifen. Adidas oder Puma. Die Entscheidung spaltete Jahrzehnte lang die große Sportwelt und das kleine, fränkische Herzogenaurach. Dem konnte sich auch Franz Koch nicht entziehen. Genauso wenig wie sein Vorgänger Jochen Zeitz und sein Nachfolger Björn Gulden.

Also trug Franz Koch damals Puma-Schuhe. Die Marke mit dem springenden Raubtier als Logo und Herzogenaurach - das war Kochs altes Berufsleben. Sein neues spielt sich in einem sanierten Hinterhofgebäude am Prenzlauer Berg in Berlin ab. Bei Onefootball, einem im Vergleich zum Milliardenkonzern Puma winzigen, aber aufstrebenden und ambitionierten Fußball-Medienunternehmen.

In normalen Zeiten laufen dort mehr als 220 Menschen aus 41 Nationen über grasgrünen Teppichboden, der mit weißen Linien durchzogen ist wie Fußballplätze. Sie treffen sich in Räumen, die "Santiago Bernabeu" heißen, "Alte Försterei" oder "Rudi Assauer Lounge". Sie sammeln Informationen und Film-Clips über Fußballklubs aus der ganzen Welt, sortieren, bündeln und verteilen sie im Netz und vor allem auf die Smartphones ihrer vorwiegend jungen Kundschaft. Mehr als 60 Millionen Fans erreicht Onefootball nach eigenen Angaben monatlich weltweit, davon nutzen elf Millionen die App.

In den Großraumbüros baumeln Fanschals von der Decke und an der einzigen Wand im ansonsten verglasten Büro des Chief Operating Officers (COO) Koch hängen fünf Fußballtrikots, darunter das von Borussia Dortmund und das italienische Nationaldress. "Alles Puma-Teams", sagt er. Die Marke mit dem Raubtierlogo und der fast zwei Meter große Lübecker Kaufmannssohn mit Glatze und Hipster-Brille - was war das für eine Aufsteigergeschichte. Damals, vor neun Jahren.

Aus dem Nichts stieg Franz Koch da nach nur vier Jahren bei Puma vom unbekannten Strategieplaner zum Chef auf. Er besuchte gerade seine Eltern in Lübeck, als ihn Jochen Zeitz anrief, damals Vorstandsvorsitzender. Ob er nicht in das Rennen um seine Nachfolge einsteigen wolle? Koch gewann das Rennen und es schien, als würde sich Geschichte wiederholen.

Zeitz selbst war gerade mal 30 Jahre alt gewesen, als er 1993 Puma-Chef wurde. Die Firma war damals ziemlich abgetakelt, ihre Schuhe und Shirts wurden verramscht. Zeitz gelang eine beeindruckende Wiederbelebung. Unter seiner Führung wurde Puma eine der begehrtesten, angesagtesten und erfolgreichsten Sportlifestyle-Marken. Bis die Geschäfte ins Stocken gerieten. Als nach der Finanz- und Wirtschaftskrise alle Sportartikelhersteller wieder schnell Fahrt aufnahmen, kam die Nummer drei der Branche nach Nike und Adidas nicht mehr recht vom Fleck. Und Jochen Zeitz entschied sich zum Abgang.

"Es war eine aufreibende Zeit mit einem Ende, das man sich anders vorstellt."

Er wechselte nach Paris, zum damaligen Puma-Mehrheitseigner Kering, einem Luxusgüterkonzern mit Marken wie Gucci, Yves Saint Laurent oder Bottega Veneta im Portfolio. In Herzogenaurach übernahm Franz Koch - und hatte nicht weniger als eine umfassende Restrukturierung vor sich. Beherzt fing er an, Puma zurückzugeben, was die Marke unter Zeitz fatalerweise verloren hatte, nämlich ihren sportlichen Kern. Koch fuhr den Modeanteil in den Kollektionen zurück, beendete das teure Abenteuer im elitären Hochsee-Segelsport und gewann mit Borussia Dortmund einen Fußball-Traditionsverein für einen Ausrüstervertrag.

Ein Markenunternehmen neu auszurichten und dessen Image zu verändern braucht allerdings Zeit. Und die ließen ihm weder Kering, noch der dort als eine Art Oberaufseher von Koch und Puma thronende Zeitz. Schon nach 20 Monaten, im März 2013, war für Franz Koch Schluss in Herzogenaurach, was im Unternehmen und bei Beobachtern Unverständnis auslöste. Wenig später übernahm der Ex-Fußballprofi und Deichmann-Manager Björn Gulden den Puma-Chefposten.

"Es war eine aufreibende und sehr intensive Zeit mit einem Ende, das man sich anders vorstellt", sagt Franz Koch sieben Jahre später. "Natürlich hätte ich das liebend gerne weitergemacht und bewiesen, dass der Kurs, den wir eingeschlagen hatten, richtig gewesen wäre." Nach seinem Aus schnallte er die Surfbretter auf seinen VW-Bus und kurvte mit seiner schwangeren Freundin ans Mittelmeer. "Ich wollte irgendwo hin, wo mich keiner kennt", sagt Koch. "Hier fühlte ich mich unter ständiger medialer Beobachtung. Ich musste einfach raus und den Kopf freikriegen."

In den zwei Monaten an den Stränden Südeuropas dachte er viel nach. Was tun, wenn man noch sehr jung ist, aber schon ganz oben war in einem Konzern? Einen vergleichbaren Job suchen? Zu einem Mittelständler wechseln oder in die Start-up-Szene? Koch entschied sich für einen kompletten Neuanfang. Er und seine Freundin heirateten; das Paar hat inzwischen vier Kinder. Er begann, als Business Angel Kapital und Wissen bei Start-ups einzubringen. Bei Horizn Studios zum Beispiel, einem Hersteller von smartem Reisegepäck für digitale Nomaden. Und bei Mykita, einer Berliner Brillenmanufaktur, wo er schließlich auch in die Geschäftsführung einstieg.

"Nach zwei Jahren Mykita habe ich aber gespürt, dass ich wieder in das Sportgeschäft zurück möchte", sagt Koch. Sein bis dahin privater Kontakt zu Lucas von Cranach wurde nun intensiver. Der Nachkomme des berühmten Renaissance-Malers hatte Onefootball gegründet und namhafte Investoren gewonnen. Ex-Adidas-Chef Herbert Hainer etwa, oder Daniel Hopp, Sohn des SAP-Gründers Dietmar Hopp. Dazu Finanzinvestoren und Mitglieder aus Unternehmerdynastien wie den Oetkers oder den Schadebergs (Krombacher). Cranachs Vision: Die ultimative Fußballplattform für junge Fans. Wo sämtliche Informationen über Fußballklubs aus allen erdenklichen Quellen zusammenfließen, von offiziellen Verlautbarungen der Vereine über die Informationen der Nachrichtenportale oder der TV-Sportsender bis hin zu Fan-Blogs. Und diese Informationen dann den Onefootball-App-Nutzern maßgeschneidert nach deren Wünschen und Vorlieben sortiert auf die Smartphones schicken. Bisweilen mischt sich exklusiver Inhalt darunter, wie vor einigen Wochen ein Interview mit Robert Lewandowski oder der Launch eines neuen Fußballschuhs durch Luis Suárez.

Beim Rundgang durch die Berliner Onefootball-Zentrale fällt auf, dass Franz Koch mit seinen 41 Jahren hier zu den Ältesten zählt. Im September 2018 stieg er hier als Anteilseigner, aber auch als COO und damit Teil der Geschäftsführung in die Firma ein. Seither arbeitet er mit daran, "aus einem Herausforderer einen globalen Champion zu machen", wie er sagt. Kochs Job dabei: Die umfassende strategische Neuausrichtung von Onefootball. "Wir erfinden uns gerade als Marke komplett neu."

Aus dem Dienstleister Onefootball soll eine Marke werden, die vor allem bei den Jungen, bei der digitalen Generation reüssiert. Die deren Emotionen wecken, Fußball als Lebensgefühl vermitteln und die tägliche Dosis Leidenschaft für diesen Sport digital erzeugen will. "We are here to hype the game", hat man sich selbstbewusst vorgenommen. Denn: "Football is more than 90 minutes. It's a world, that doesn't stop". Aha. Fußball also als permanenter Hype und Inszenierung.

Eigentlich wollte Onefootball am Ende der Bundesligasaison den neuen Markenauftritt präsentieren. Doch bekanntlich weiß gerade niemand, ob diese Saison jemals zu Ende gespielt wird, und wenn doch, wann. Auch Franz Koch ist zurückhaltend, was Prognosen in eigener Sache angeht. "Wir werden unseren Markenauftritt rechtzeitig vor der Saison 20/21 präsentieren", sagt er auf Nachfrage. "Der genaue Zeitpunkt und das Format sind abhängig von den weiteren Entwicklungen."

Bleibt nur noch der Blick auf seine Schuhe. Immer noch die springende Raubkatze? Drei Streifen? Nichts von alledem. Franz Koch trägt braune Lederschuhe.

Fernsehen als Überlebensfrage

Es geht nicht nur darum, ob sie in dieser Saison überhaupt noch spielen, ob es 2020 einen deutschen Fußballmeister und Pokalsieger und ob es Gewinner der Champions League und der Europa-League geben wird. Denn nicht sportliche Titel sind die Überlebensfrage für die Klubs - sondern die Übertragung ihrer Spiele in Fernsehen und Internet. Noch nie war der Profifußball abhängiger davon. Ein Drittel ihrer Erlöse verdankten die Profivereine im vergangenen Jahr der medialen Verwertung.

Umso mehr drängt der Ligaverband DFL darauf, die Wettbewerbe auch in diesen Corona-Zeiten fortzusetzen, wenn schon nicht in vollen Stadien, dann wenigstens als Geisterspiele, die das Fernsehen überträgt. Denn nur dann zahlen die Sender auch. Und ohne diese TV-Gelder steuern einige Erst- und Zweitligisten demnächst in die Insolvenz.

Ungeachtet dessen hoffen die 36 Profiklubs, künftig noch mehr Geld aus der Vergabe der Übertragungsrechte zu erlösen. Seit Monaten läuft die Vergabe für die Spielzeiten 2021/22 bis einschließlich 2024/25. Eigentlich wollte die DFL spätestens Mitte Mai Klarheit schaffen, welche Sender dann die Bundesligaspiele zu welchen Zeiten und über welche Kanäle übertragen dürfen, und wie viel Geld die Vereine dafür kassieren werden. Doch wegen der Corona-Krise verschob die DFL die Vergabe auf den Sommer. Uwe Ritzer

© SZ vom 15.04.2020

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