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Griechenland:Wunden-Heiler am Olymp

Leidenschaftlich und engagiert: Elias Tsolakidis

(Foto: Hans von der Hagen)

Jedes Land, das in eine Krise gerät, könnte Menschen wie Elias Tsolakidis gebrauchen: Zusammen mit Mitstreitern hilft er Hunderten Familien im griechischen Katerini.

Elias Tsolakidis funkelt den Reporter über sein Glas mit dampfendem Tee hinweg an. Dann holt er noch einmal tief Luft. "Es war zutiefst verletzend, als in Deutschland die Griechen als faule Menschen dargestellt wurden. Wissen Sie noch? Die Zeitungen schrieben, die Griechen würden am Strand liegen und auf Kosten des deutschen Steuerzahlers Ouzo trinken." Seine Hand schlägt dabei mit der Kante auf den Tisch. Verstohlen blicken in dem Lokal in Katerini am Fuße des Olymp einige Gäste herüber. Sie wollen wissen, warum der Mann am Nebentisch so laut spricht. Noch dazu auf Deutsch. Dabei sieht er auffallend freundlich aus: Ziemlich viel Bart im Gesicht und dermaßen viele Haare auf dem Kopf, dass man sich fragen könnte, ob er daheim Kräuter von den Flanken des Olymp zu einer geheimnisvollen Haartinktur zusammenrührt. Nun wippen sie im Takt des Zorns.

In Köln ist der 60-Jährige Technischer Direktor am European College of Sport Science, einer Ausgründung der Sporthochschule. Gleichzeitig leitet er eine kleine Firma für Sportmanagement-Software. Deswegen sitze man aber nicht hier in Katerini, einer Stadt im Nordosten Griechenlands mit etwa 80 000 Einwohnern. Es geht um seinen dritten und, wie er es selbst formuliert, anstrengendsten Job: Tsolakidis versorgt zusammen mit weiteren Helfern Hunderte Familien in Katerini mit Nahrungsmitteln und Medikamenten.

Er ist so eines der Gesichter der Krise in Griechenland geworden - und jemand, der viele Nachahmer gefunden hat. Weil er zeigt, dass es besser ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, als auf einen Staat zu warten. Selbst in Brüssel erzählt er mittlerweile den Parlamentariern von seiner Arbeit und wie es um Griechenland steht. Tsolakidis macht es natürlich nicht allein. Er und sein Team sind Teil der Bürgerinitiative O topos mou, was übersetzt so viel wie "Mein Ort" heißt. Sie organisiert den Verkauf von Grundnahrungsmitteln: Bauern aus der Umgebung bieten Kartoffeln, Zwiebeln oder Olivenöl zu einem Bruchteil des Preises in den Supermärkten an. Daneben sammelt O topos mou mit seinen zwölf Untergruppen Medikamente und ärztliches Material aus ganz Europa, die an die Bürger des Ortes abgegeben werden - aber auch an das lokale Krankenhaus und das Gefängnis. Und an Flüchtlinge.

Was macht seinen Job so anstrengend, wo doch soziales Engagement von vielen eher als Vergnügen oder Maßnahme zur Selbstfindung belächelt wird? "Kommen Sie morgen Vormittag auf unser Gelände Kapnikos", sagt Tsolakidis, "dann zeige ich Ihnen alles." Am nächsten Tag um kurz vor elf steht Tsolakidis neben 100 Kartoffelsäcken auf dem Terrain einer ehemaligen Tabakforschungsstation, das nun von O topos mou genutzt wird. Zu sehen sind einige ältere, hübsch renovierte, zweigeschossige Bauten und einige Holzbuden, die nach Weihnachtsmarkt aussehen. "Die Säcke werden gleich von Mitgliedern der evangelischen Kirche abgeholt, die sie dringend brauchen", sagt Tsolakidis.

Kurz darauf fahren ein Auto und ein Lieferwagen vor - sieben Männer steigen aus den Fahrzeugen. Tsolakidis, groß gewachsen und kräftig, steht mit seiner dunklen Sonnenbrille da, als müsse er die Kartoffeln persönlich verteidigen. Die Herren begrüßen sich, dann machen sich die sieben Männer an die Arbeit, und binnen Minuten liegen die Kartoffeln im Transporter. Tsolakidis lässt sich alles quittieren und macht ein Foto. Das Foto mache er immer, wird er später erzählen. Zur Dokumentation, damit alles transparent sei. Nach zehn Minuten ist die Aktion vorbei, und die sieben Männer sind mit 1000 Kilogramm Kartoffeln verschwunden.

Griechische Wirtschaft wächst wieder

Vor allem dank des boomenden Tourismus geht es der griechischen Wirtschaft den offiziellen Statistiken zufolge wieder besser. Sie wuchs in den ersten drei Monaten 2018 um 0,8 Prozent, mithin doppelt so stark wie die der Euro-Länder im Durchschnitt. Gemessen am Vorjahresquartal liegt das Plus bei 2,3 Prozent. Die auf den ersten Blick recht guten Zahlen relativieren sich, wenn längere Zeiträume betrachtet werden. In den Jahren von 2008 bis 2016 brach die Wirtschaft um knapp 30 Prozent ein. Das zeigt schon, dass der jüngste Aufschwung die Lage für die Mehrheit im Land nicht spürbar verbessern kann - zumal die Arbeitslosenquote zuletzt immer noch bei knapp 21 Prozent lag. Vor der Krise waren es etwa acht Prozent. Zuletzt präsentierte Regierungschef Alexis Tsipras Grundrisse eines Wachstumsprogramms. Im August endet das seit 2010 laufende dritte Hilfspaket. Athen hofft, bis dahin das nötige Vertrauen an den Finanzmärkten gewonnen zu haben, um sich künftig wieder selbständig Kapital beschaffen zu können. Hans von der Hagen

Ist die wirtschaftliche Lage noch immer so schlecht, dass so viele Lebensmittel verteilt werden müssen? Tsolakidis fragt zurück: "Was denken Sie?" Nun, es gibt die offiziellen Zahlen, die sagen, dass die Wirtschaft wieder deutlich wächst. Im Stadtzentrum herrscht reger Trubel, und in den Geschäften erzählen die Leute, dass sich die Lage zumindest stabilisiert habe. Tsolakidis wiegt den Kopf hin und her, als sei er sich selbst nicht sicher. Er sehe kaum Verbesserungen, sagt er dann. Zwar sei die medizinische Versorgung mittlerweile kostenlos, doch an der finanziellen Situation für die Bürger hat sich kaum etwas geändert. "Wir sprechen von der 480-Euro-Generation. 480 Euro bleiben im Schnitt als Einkommen einer Vollzeitstelle - und das mit Preisen für Nahrungsmittel und Kraftstoff, die deutlich über denen in Deutschland liegen."

O topos mou im Schulunterricht

Eine Frau betritt das Gelände von Kapnikos. Tsolakidis hat einen Termin mit ihr - sie besprechen eine Kooperation mit einem Gymnasium in Luxemburg. Es wird einen Schüleraustausch geben, eine Schule in Katerini soll unterstützt werden. Vor allem aber wollen die Luxemburger von den Leuten aus Katerini lernen. Wie organisieren sich Menschen in Not? Im kommenden Schuljahr werden in drei Klassen Projekte von O topos mou im Unterricht vorgestellt.

Während des Aufenthalts auf dem Gelände hat Tsolakidis nur selten Zeit, einen Satz zu Ende zu sprechen. Ständig kommen Menschen und wollen etwas von ihm. Laufend klingelt sein Telefon. Er redet dann auf Deutsch, auf Englisch, auf Griechisch. Sitzt er gerade am Tisch, schlägt er auch bei diesen Gesprächen gerne mal mit der Handkante auf den Tisch. Tsolakidis behauptet, dass O topos mou keinen Chef habe, aber kein Zweifel: Er ist es. Er bittet hier nicht um Aufmerksamkeit - er findet sie ohne Unterlass.