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Mittwochsporträt:Letzte Meile

Anne Mellano, 30 Jahre alt und Ingenieurin für Transportwesen, hat das Flotten-Start-up Bestmile gegründet.

(Foto: oh)

Fahrvermittler wie Uber belasten den Verkehr - weil sie ihre Fahrer nicht fest anstellen, sagt die Schweizerin Anne Mellano. Sie hatte eine Idee, wie das besser geht.

Wer sich nach einem Gespräch mit Anne Mellano auf eine Parkbank setzt und den Himmel betrachtet, sieht die Vögel mit einem neuen Blick. Sie bewegen sich im Formationsflug, nur scheinbar spielerisch, sämtliche Manöver sind koordiniert. Wie ineffizient und umweltschädlich sich dagegen der Mensch fortbewegt, vor allem in Autos von Fahrdienstvermittlern wie Uber und Lyft! Es gibt keine Analogie aus dem Tierreich für die Abläufe dieser Mobilität, weil kein Tier auf die Idee käme, sich derart irrsinnig zu bewegen.

Uber oder Lyft verbinden Kunden mit Fahrern in der Nähe, wer zuerst antwortet, bekommt den Auftrag. Aufs Tierreich übertragen fliegen Tausende Vögel ziellos am Himmel, dann bekommen einige von ihnen mitgeteilt, dass irgendwo in der Nähe Futter liegt - der Schnellste darf sich durchs Chaos hinabstürzen, die anderen bleiben am Himmel und verschwenden weiterhin wertvolle Energie. Ein Geschäftsmodell, das Anne Mellano verzweifeln lässt: "Die Vermittler fluten den Markt mit Fahrzeugen, weil der Kunde nicht länger als fünf Minuten warten will. Es braucht ein engmaschiges Netz, weshalb die Straßen verstopft werden. Aus Sicht einer Flotte ist das eine schreckliche Idee. Für jeden Kilometer mit Passagieren legen die Fahrzeuge 2,8 Kilometer ohne Kunden zurück, für die sie noch nicht einmal bezahlt werden."

Mellano, 30, ist Gründerin und Chefin des Schweizer Fahrzeugflotten-Start-ups Bestmile, das Ordnung ins Chaos bringen will. Es lohnt, ihr zuzuhören, weil es darum geht, wie sich Menschen künftig fortbewegen - und ob sie irgendwann vernünftig werden. Ihr Unternehmen hat über mehrere Finanzierungsrunden knapp 30 Millionen Dollar eingesammelt. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Mellano ihrer Zeit voraus gewesen ist und ihre Idee der Gegenwart anpassen musste. Sie bemerkte, damals Studentin an der Universität von Lausanne, dass die Lieferservices und Fahrdienstvermittler, die den Betrieb aufgenommen hatten, den Straßenverkehr gewaltig verändern - gleichzeitig sprachen alle in der Technikbranche über die Revolution der selbstfahrenden Autos.

"Kaum jemand hat sich Gedanken gemacht, wie man das orchestrieren könnte", sagt Mellano.

Es ist erfrischend, dass sie sich nicht wie viele andere Gründer in dieser Branche zur Heilsbringerin stilisiert - sie spricht nüchtern über ein Problem, das sie prognostiziert hat und das so eingetreten ist, und nun redet sie selbstbewusst, aber keineswegs euphorisiert über ihren Lösungsvorschlag. Sie ist, wie sie betont, keine Programmiererin, das überlasse sie Experten. Sie hat als Ingenieurin für Transportwesen nach dem Studium an einem der ersten europäischen Projekte zu autonomem Fahren gearbeitet und dort ihre Vision für mehr Effizienz im Verkehr entwickelt.

Das Geschäftsprinzip von Plattformen wie Uber beruht darauf, Fahrer nicht fest anzustellen - mit Folgen für den Verkehr: "Sie teilen sich die Arbeitszeiten selbst ein, machen Pause nach ihren eigenen Vorstellungen oder fahren allein zur Tankstelle, obwohl sie auf dem Weg dorthin Passagiere mitnehmen könnten", sagt Mellano.

"Wir reduzieren leere Kilometer", sagt die Gründerin

Bestmile macht das anders. Die Firma arbeitet zum Beispiel mit dem Fahrdienstvermittler Alto zusammen, derzeit nur im texanischen Dallas verfügbar. Der Unterschied zu Uber und Lyft: Das Unternehmen verfügt über eine eigene Flotte von 60 Fahrzeugen, die mehr als 100 Fahrer sind fest angestellt. Den Fahrern gehören die Autos nicht, sie fahren damit nicht nach Dienstschluss privat weiter oder parken sie. Alto nutzt die Fahrzeuge rund um die Uhr, ein Algorithmus ermöglicht effizientere Fahrten, die gesammelten Daten zuverlässige Prognosen und damit effizientere Planung. "Wir reduzieren leere Kilometer, weil wir dem Fahrer sagen, wohin er fahren muss", sagt Mellano. Es funktioniert, Alto will in 15 weitere US-Städte expandieren und im Gegensatz zur Konkurrenz bis Ende des Jahres profitabel sein.

Es geht noch weiter, wie Mellano sagt: "Wir haben Taxi-Daten in Chicago ausgewertet, weil sie dort frei verfügbar sind. Wir haben simuliert, was an einem Tag mit der gleichen Nachfrage passierte, würde man unser System anwenden: Statt 20 000 Taxis bräuchte es nur noch 2000." Die so genannte "letzte Meile" ist der Heilige Gral der Branche, beim Gütertransport also das Ausliefern zum Kunden oder bei Personen kurze Fahrten in der Stadt. Zahlreiche Unternehmen basteln an Lösungen, und Mellano glaubt, eine Lösung gefunden zu haben. Dabei wollte sie am Anfang etwas anderes: "Die Initial-Idee war es, Dirigent für selbstfahrende Autos zu werden." Sie und Bestmile-Mitgründer Raphael Gindrat hatten einen entsprechenden Algorithmus entwickelt. Der Hype führte zu überzogenen Erwartungen und letztlich zu Ernüchterung, weil es dann nicht so schnell ging, wie viele glauben wollten. "Die meisten Unternehmen testen in Kalifornien: schnurgerade, breite Straßen, 320 Tage im Jahr Sonnenschein", sagt Mellano: "Es muss aber auch in Helsinki funktionieren."

Ernüchterung also? Mellano findet: "Jetzt bewegen wir uns in realistischem Tempo vorwärts." Die langsame Entwicklung führte auch zum Umdenken in ihrer Firma, in der mittlerweile 70 Leute arbeiten und die neben dem Firmensitz in Lausanne auch einen im Silicon Valley unterhält: Ist derzeit gar nicht mal so wichtig, ob ein Fahrer das Auto steuert oder nicht - so lange die Flotte koordiniert agiert wie Vögel am Himmel? Alto hat zwar über die ersten Finanzierungsrunden 20,5 Millionen Dollar eingesammelt. Es reicht aber keineswegs, in jeder Stadt eine eigene Flotte aufzubauen. Das wissen sie bei Bestmile. Die Vision bleibt daher das selbstfahrende Auto. Wenn es einsatzbereit ist, wäre eine eigene Flotte weiter essenziell für den wirtschaftlichen Erfolg einer Firma, glaubt Mellano. "Das wird alles verändern, ohne Fahrer sind andere Fahrzeuge möglich - der nächste Schritt: das Auto als Service."

Zahlreiche Unternehmen stellen bereits Konzeptfahrzeuge her, deren Fokus nicht auf dem Fahrvergnügen liegt - sondern darauf, was Menschen in einem Auto tun können, wenn sie nicht mehr selbst fahren müssen. Auf der Technikmesse CES waren dies zum Beispiel der Autohersteller Mercedes und der Technikkonzern Sony.

"Es könnte eine Entwicklung wie in der Telekombranche geben", glaubt Mellano: "Es wird nicht mehr einzeln abgerechnet, sondern es wird Abo-Modelle geben." Der Kunde bekommt das Auto, das er für seine Fahrt braucht, und profitabel wird nur sein, wer Fahrten effizient gestaltet. An dieser Schnittstelle will Bestmile agieren, ein Software-Unternehmen bleiben und keine eigene Plattform etablieren.

Wenn man sich mit Mellano unterhält, denkt man, dass die Zukunft gar nicht schnell genug kommen kann. Erst blickt man hinauf zu den Vögeln, dann aufs Smartphone: Der Fahrdienstvermittler prognostiziert für den Transport zum nur eineinhalb Kilometer entfernten Ziel eine Ankunft in 27 Minuten. Dann steckt man das Handy in die Hosentasche, geht zu Fuß, und beginnt, die verstopften Straßen neben sich, zu schmunzeln.

© SZ vom 12.02.2020
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