bedeckt München 28°

Mittwochsporträt:Junge Botschafter

Joris Bertens Südafrika

Joris Bertens, der Hotelier in Südafrika, der Schulkindern die Wildnis zeigt: Tiere sind nicht nur für Wilderer da, sie sind wirtschaftlich wertvoller, wenn man sie in ihrer natürlichen Umgebung leben lässt und zum Beispiel Touristen zeigt.

(Foto: Michael Kuntz)

Der Hotelier Joris Bertens streift in Südafrika mit Schulkindern durch den Kruger-Nationalpark und zeigt ihnen, wie man von wilden Tieren profitieren kann, ohne Jagd auf sie zu machen.

Es ist eine eindrucksvolle Patrone, die Joris Bertens, 46, da in seinem Gewehr versenkt, bevor es losgeht hier im Nordosten von Südafrika, in der Wildnis am Kruger-Nationalpark. Nun ja, das Projektil soll ja im Ernstfall auch einen Löwen umlegen, zumindest aber verjagen. Gleich geht es am Ufer des Olifants River entlang, immer im Gänsemarsch. Bertens vorneweg, dann einer hinter dem anderen folgt eine Gruppe von sieben Jugendlichen, schweigend, um keine wilden Tiere aufzuschrecken. Das Gewehr wird heute nicht gebraucht.

Die zwischen zwölf und 14 Jahre alten Schüler leben hier in der Gegend von Phalaborwa, der Minenstadt mit einem der angeblich größten von Menschenhand geschaffenen Krater, einem putzigen Flugplatz für 18-sitzige Linienmaschinen und dem Tor zum Kruger-Nationalpark, der fast so groß ist wie das deutsche Bundesland Hessen.

Für die jungen Menschen ist die Pirsch im Outback am Olifants ein ziemliches Abenteuer. Denn sie wachsen zwar in der Nähe des Kruger-Parks auf, haben aber in ihrem Leben noch nie einen in freier Wildbahn lebenden Elefanten gesehen. Das tun sie heute zwar auch nicht, dennoch lauschen sie Joris Bertens fast andächtig, wenn er ihnen ein Nilpferd im Fluss und diverse Vögel am Ufer zeigt, wenn er schildert, wie die wilden Tiere leben in dieser Landschaft, die sich gerade von den Rodungen einer Minengesellschaft erholt. Von Elefanten lernt man an diesem Samstagmorgen immerhin: Wo sie hinpinkeln, wachsen auf dem ausgetrockneten Boden sofort kleine Pflanzen, die mal große Bäume werden, wenn sie vorher nicht gefressen werden. Was wahrscheinlich ist.

Nach einer Stunde geht es zurück ins umzäunte Lager mit den kleinen Schlafzelten, in die sich große Spinnen und kleine Affen verirren - die Tiere teilen sich die Nahrung mit den Menschen. Willkommen im Marshall Park. "Ich war noch nie in einem Camp", sagt Myiko Mgobeni, 13. Ein Wochenende lang erleben zwei Dutzend Jugendliche aus Dörfern neben dem KrugerNationalpark ganz unmittelbar die afrikanische Tier- und Pflanzenwelt, im Sefapane Eco-Kidz-Camp. So nennt sich das Projekt. Der Hotelunternehmer Joris Bertens hat es sich ausgedacht, damit junge Menschen erfahren, warum es so wichtig ist, die Natur zu schützen und zu erhalten.

Er ist selbst dabei. Die Camps von Freitag bis Sonntag gibt es seit 2014, unter der Woche werden hier Wildhüter ausgebildet. Derzeit erleben 400 bis 500 Kinder pro Jahr das Leben in Zelten in der freien Natur. Da ist noch Luft nach oben. Im Marshall Park könnten Wochenenden für bis zu 2000 Jugendliche angeboten werden. "Das wäre möglich", sagt Bertens, der diese Camps als Non-Profit-Aktivität sieht. Als Geldgeber hat er die Tui Care Foundation im Boot, die Stiftung des weltgrößten Reiseveranstalters. Die Wochenenden in der Wildnis sind Teil eines Bildungsprogramms, bei dem Ranger in Schulen gehen und den Gedanken vom Umweltschutz altersgerecht und spielerisch vermitteln, oft eine Unterrichtsstunde pro Woche, wie ein normales Schulfach.

Eine dieser Umwelt-Lehrerinnen ist Vulani Mabunda, 45. Sie hat Nature Conservation studiert und glaubt: "Man kann das Verhalten der Menschen ändern, wenn man sie erzieht." Ihnen die 4R-Regel erklärt: Reduce, Reuse, Rethink, Recycle, also weniger verbrauchen, Dinge erneut benutzen, das Verhalten überdenken, Gegenstände instandsetzen.

Was kann das konkret heißen? Vor den Klassenzimmern stehen Plastikschüsseln mit Wasser, in denen sich 30 Kinder vor dem Essen die Hände waschen. Das geht auch anders. Eine Plastikflasche mit einem kleinen Loch im Boden verteilt das Wasser sparsamer und hygienischer. Jeder benutzt es nur für sich.

In diesem Camp geht es auch darum, jungen Menschen Selbstvertrauen zu vermitteln, die in einer Gegend mit 40 bis 60 Prozent Arbeitslosigkeit leben und meist von der Welt bisher wenig gesehen haben. "Eines Tages wirst du nach Durban fliegen und eines Tages wirst du an den Strand fahren", macht Joris Bertens am Olifants River den jungen Zuhörern Mut und erzählt dann seine eigene Geschichte.

Joris Bertens lebt seit 1994 in Südafrika. Geboren wurde er in den Niederlanden in der Gemeinde Hilvarenbeek. Er hat eine Tellerwäscher-Karriere hinter sich, im wahrsten Sinne des Wortes. Sein erster Job war Geschirrspüler in einem Restaurant, später machte er im Pariser Luxus-Hotel La Tremoille die Betten. Bertens kam nach Südafrika als Trainee der Hotelfachschule Maastricht - und er blieb. Heute betreibt er mit Partnern eine Lodge in Phalaborwa, der Kleinstadt mit 13 000 Einwohnern, durch deren Straßen im Winter schon mal Nilpferde ziehen, auf der Suche nach genießbarem Grünzeug. Und die gediegene River Lodge am Olifants River mit dem Zeltlager Marshall Park nebenan.

Eine Autostunde südlich in Hoedspruit hat er gerade eine Lodge im Boutique-Stil eröffnet. Die überschaubare Gästeschar versammelt sich zum Essen in der Halle an einem langen Tisch neben der offenen Küche. Eine Affinität zum Leben mit wilden Tieren entstand bei Bertens bereits in seiner Kindheit. In Holland wuchs er in Nordbrabant neben einem Safaripark auf. Mit Löwen als Nachbarn. Und seine Eltern hatten ihn auf den dänischen Vornamen Joris getauft, der für den Drachentöter steht. Als Bertens vor 23 Jahren nach Südafrika kam, hatte das Land 45 Millionen Einwohner, heute sind es 55 Millionen. Hier im Nordosten gibt es viele Menschen, die vor dem Bürgerkrieg im Nachbarland Mosambik geflohen sind, auf dessen Fläche ein Teil des Kruger Parks liegt. Viele finden Arbeit nur gelegentlich und unter der Hand, reguläre Ausweispapiere besitzen die wenigsten. Da kommt es vor, dass Eltern ihre Kinder bei den Großeltern oder einem Onkel abgeben und weiterziehen, um selber zu überleben. Manche lassen ihre Kinder auch einfach zurück, überlassen sie sich selbst, erzählen Schulrektoren in dieser benachteiligten Gegend des Landes. Zwar werden hier weiter Phosphat, Kupfer und Eisenerz abgebaut, doch beschäftigen die Minengesellschaften nicht mehr so viele Menschen wie früher. "Die Mahlzeit in der Schule beseitigt den Hunger für die nächsten zwei Stunden. Wovon die Kindern ohne Eltern sich danach ernähren, das wissen wir nicht", sagt eine Schulleiterin.

Diese Not macht die Menschen anfällig dafür, als Wilderer angeworben zu werden. Eine warme Mahlzeit genügt mitunter, um verzweifelte Jugendliche auf die schiefe Bahn zu locken. Dabei sind oft Drogen im Spiel, die erst abhängig und dann mutig im bewaffneten Kampf mit den Wildhütern im Kruger-Park machen. Dass es auch andere Möglichkeiten als die Jagd auf wilde Tiere gibt, um seinen Lebensunterhalt zu sichern - so lautet der Auftrag für die Eco-Kidz. Als junge Botschafter sollen sie ihn hineintragen in ihre Familien, ihre Dörfer. Jobs als Ranger, als Reiseführer, in Hotels, in Lodges - eben nicht nur als Wilderer. Lebende Tiere sind für das Überleben der Menschen wertvoller als tote, sagt Bertens den Kindern im Camp. Und manche wirken dabei sehr berührt.

Vom Zeltlager aus ein Stück weiter am Fluss kommt die Einfahrt zur River Lodge, die einst das Wochenendquartier der Minenmanager gewesen ist. Hier parkt ein alter Landrover Defender. Mit ihm wollte Joris Bertens zurück nach Europa fahren, über Spanien in die holländische Heimat. Er hat das nie gemacht, und nach zwanzig Jahren müsste man den Jeep erst restaurieren, damit er eine solche Tour durchhält.

Doch einiges deutet darauf hin, dass Bertens noch viele Jahre in Südafrika bleiben wird. Auf einer Landkarte malt er große Kreise um Phalaborwa, den KrugerPark, den Teil des Schutzgebietes in Mosambik. Hier überall könnte es eines Tages Eco-Kidz geben. Vielleicht auch noch eine weitere Lodge. Da ist viel zu tun. Und etwas anderes spricht ebenfalls dafür, dass der Landrover noch lange parkt, wo er steht: In diesen Tagen wird der Erfinder der Eco-Kidz Joris Bertens erst einmal selber Vater.

© SZ vom 06.12.2017
Zur SZ-Startseite