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Mittwochsporträt:Heiß und kalt

Dr. Gunther Wobser

"Ich neige dazu, Entscheidungen auch bei unvollständiger Informationslage zügig zu treffen": Gunther Wobser, Geschäftsführender Gesellschafter des Temperiergeräte-Herstellers Lauda.

(Foto: Lars Behrendt/oh)

"Mich interessieren große Ideen": Warum es den Familienunternehmer Gunther Wobser aus dem baden-württembergischen Lauda bis ins Silicon Valley trieb.

Von Elisabeth Dostert

Gunther Wobser zählt die Jahre. "Mein 23. Betriebsjubiläum hatte ich am 1. Juli. Ich bin schon ein Weilchen dabei." Seine Zeitrechnung beginnt aber früher. Die Firma gehört Wobsers Familie, er wurde da hineingeboren, gehört zur dritten Generation. Die Firma heißt Lauda, so wie die Gemeinde im Taubertal, wo sein Großvater Rudolf Wobser sie 1956 gründete. Doch der Familienname taucht nur in der kompletten Firmenbezeichung auf. Im Ort aber sagen die Leute bis heute, dass sie "beim Wobser schaffen".

Lauda stellt Temperiergeräte und -anlagen her. Das Sortiment reicht von minus 150 bis plus 550 Grad Celsius, das heißt aber nicht, dass jedes Gerät diese Leistung liefert. Die kleinsten sind etwa so groß wie eine Fritteuse, größere wie Kühlgefrierkombinationen. Doch bei Wobser werden auch Anlagen für die Pharma- oder Chemieindustrie gefertigt, manchmal sind sie größer als ein Schiffscontainer. "Wir liefern alles von der Forschung bis hin zur Massenproduktion", sagt Gunther Wobser: "Wir sind Weltmarktführer, wenn es darum geht, exakte Temperaturen zu erzeugen." Er ist gewissenhaft und würde das nie so dahersagen. Lauda werde in dem von der Universität St. Gallen berechneten Weltmarktführer-Index geführt.

Zum Sortiment gehören Umlaufkühler, Wasserbäder und Thermostate. Der Begriff Thermostat findet Wobser etwas unglücklich. Die meisten Leute denken dabei an das Thermostat an der Heizung. Das aber regele nur die Temperatur. "Wir erzeugen Kälte und Wärme." Vergleiche mit gewöhnlichen Kühlschränken mag Wobser ebenfalls nicht, obwohl die auch mit Kompressoren und Kühlflüssigkeiten arbeiten. Ein paar Grad hin oder her mögen Wurst und Milch nichts anhaben. Aber wenn es darum geht, bei einer Herz-OP die Körpertemperatur des Patienten herunterzukühlen, Medikamente, Chemikalien, Halbleiter oder Medizintechnik zu produzieren oder in Bioreaktoren Mikroorganismen arbeiten, geht es um Präzision. "Ohne die richtige Temperatur würde in den Reaktoren gar nichts passieren. Um die Prozesse zu stoppen, wird gekühlt", erklärt Wobser.

Die Nachfrage nach Thermostaten steige seit Jahren, weil immer mehr Wirkstoffe und Medikamente biotechnologisch hergestellt würden, auch Impfstoffe. Schon 2019 habe Lauda eine kleine Sonderkonjunktur gehabt, wegen der Legalisierung von Cannabis in den USA und wegen der Elektromobilität. Die Extraktion der Wirkstoffe aus dem Hanf erfordert exakte Temperaturen, und die Akkus für E-Autos werden bei unterschiedlichen Temperaturen getestet. Die Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus habe den Boom seit Ende März noch verstärkt. Wobser weiß nicht immer, in welchen Geräten, Maschinen und Anlagen die Thermostate landen. "Aber es gibt Aufträge, die können wir eindeutig den Impfstoffen zuordnen, auch bei unserer Tochter in China."

Er wirkt nicht wie ein Mann, der kraft Geburt und Namen einen Posten haben will

Wobser, 49, neigt nicht zu Euphorie. Seine Sätze klingen so, als habe er über jeden sorgfältig nachgedacht - kein Wunder nach all den Jahren, die er jetzt dabei ist. Es gab Auf und Abs. In seiner Erzählung schwingt Bewunderung und Respekt für den Gründer mit. Rudolf Wobser ist "volles Risiko" gegangen. Er war Physiker und in der DDR Betriebsleiter in einem Prüfgerätewerk. "Er träumte von der eigenen Firma im freien Westen." 1955 setzte er sich ab mit Frau und drei Kindern. In die Region Hohenlohe, zu der auch das Taubertal gehört, hat es damals viele verschlagen. Eigentlich wollte der Großvater nach Wertheim, aber da war er nicht willkommen. "Wir haben schon genug Hungerbetriebe", hieß es. Solche Zitate halten sich in Familiengeschichten ziemlich lange. In Lauda landete Wobser nur, weil er dort auf einer Reise den Zug wechseln musste. Er hatte Zeit, bei einem Spaziergang sah er, dass das Schulhaus leer stand, das überließ ihm die Stadt. Nach dem Tod des Gründers 1977 teilten sich Vater Gerhard, promovierter Physiker, und Onkel Karlheinz die Führung. Gunther Wobser, 49, studiert und wird in Betriebswirtschaft promoviert.

Es zieht ihn nicht gleich zurück in die Familienfirma. Er arbeitet zwei Jahre im Marketing des Lebensmittelkonzerns Kraft Jacobs Suchard, ehe er 1997 als Leiter Marketing beim Wobser anfängt, "als normaler Angestellter mit großem Namen". Er wirkt nicht wie ein Mann, der qua Geburt einen Posten haben will. Mit dem Ausscheiden des Onkels aus Firma und Gesellschafterkreis wird Gunther Wobser 2003 geschäftsführender Gesellschafter. Damals hat die Firma rund 180 Mitarbeiter, heute sind es 520. Den Umsatz beziffert Wobser auf mehr als 90 Millionen Euro.

Bis zum Jahr 2010 führt er die Firma mit seinem Vater. "Wir hatten schon unsere Momente", erinnert Wobser sich heute, "wir haben unterschiedliche Charaktere: Mein Vater ist besonnen, wartet ab und prüft eine Sache sehr sorgfältig, ehe er entscheidet." Er selbst dagegen sei "eher mutig voranschreitend, ich neige dazu, Entscheidungen auch bei unvollständiger Informationslage zügig zu treffen".

Als ihm 2011 ein US-Konzern seine Tochterfirma in Barcelona anbietet, übernimmt Wobser nicht nur. Er kauft sich dort ein Haus, er will vor Ort sein. Die Antrittsrede habe er damals "in nicht perfektem Spanisch" gehalten. Aber die Botschaft kommt an: Ab jetzt nicht mehr Konzern, sondern langfristig orientiertes Familienunternehmen. Im Sommer 2017 zieht er mit Frau und Sohn ein Jahr ins Silicon Valley, er will sehen, wie dort Innovationen gemacht werden und Start-ups Märkte aufbrechen. "Mich interessieren große Ideen, die große Firmen normalerweise nicht hervorbringen." Lauda hat jetzt in Sunnyvale ein Innovationslab, und so etwas baut er nun auch im heimischen Lauda auf.

Wobser sucht die Nähe zu Gründern. "Wir interessieren uns stark für mobiles Temperieren ohne Steckdose, das wird auch wichtig für Impfstoffe werden", erklärt er. So nutze Lauda von der Würzburger Firma Va-Q-Tec entwickeltes Isoliermaterial, um eine Transportbox für Insulin herzustellen. Sie soll 2021 auf den Markt kommen. "Das wird unser erstes Produkt für private Verbraucher." Mit dem Berliner Start-up Coolar will Wobser eine Kühlbox mit Adsorptionstechnologie entwickeln. Die Geräte enthalten ein Silikat, das sich mit Wasser vollsaugt, beim Verdampfen entsteht Verdunstungskälte. "Ist der Impfstoff mal gefunden, muss er schnell und über weite Teile der Erde verteilt werden," sagt Wobser. So spricht einer, der Weltmarktführer bleiben will.

© SZ vom 19.08.2020

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