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Mittwochsporträt:Gründerin mit Vorstrafen

Varena Junge machte einen Master in Sustainable Technology, weil sie dachte, dass der Klimawandel mit Erfindungen aufzuhalten ist. Heute glaubt sie, dass neue Technik nicht reicht - die Wirtschaft brauche einen Umbau.

(Foto: Stephan Ziehl)

Früher hat sie mit Greenpeace Atomkraftwerke besetzt. Nun hat Varena Junge ein Start-up gegründet. Sie will den Energiekonzernen zeigen, wie Veränderung geht.

Von Kathrin Werner

Es gibt Berufe, die Varena Junge nicht offenstehen: Pilotin. Richterin. Oder Jobs in vielen der großen deutschen Konzerne. Immer, wenn ein polizeiliches Führungszeugnis gefragt ist, hat Junge keine Chance, denn in ihrem sind zu viele Einträge. Hausfriedensbruch steht da zum Beispiel, und Sachbeschädigung. Es ist die Art von Straftaten, die man begeht, wenn man ein Atomkraftwerk besetzt. "Wahrscheinlich hätte ich all diese Jobs sowieso nicht gewollt", sagt die 31-Jährige.

Also gründete Junge selbst. Allerdings eine Firma, in der es nicht primär um Gewinne geht, sondern darum, etwas zu verändern in der Energiewirtschaft. In dem im Konferenzraum ein geschwungener Tisch steht, an dem niemand am Kopfende sitzen kann und damit automatisch den Ton angibt. "Wir wollen das Energiesystem umkrempeln, so dass es funktioniert und zukunftsfähig ist", sagt Junge. "Ich fühle mich gar nicht wie die Gründerin eines Energieunternehmens. Es fühlt sich immer noch ein bisschen revolutionär an."

Es ist jetzt ungefähr zehn Jahren her, dass Junge Greenpeace-Aktivistin war. Sie schlich sich auf das Gelände eines Atomkraftwerks bis fast hinein in den Kontrollraum, sie sprühte einen Totenkopf an den Meiler, war im Kletterteam der Umweltgruppe. Heute ist sie Chefin von 50 Mitarbeitern. Enyway heißt ihr Start-up, es sitzt in Hamburg und ist eine digitale Vermittlungsplattform zwischen Ökostromerzeugern und Stromverbrauchern, eine Art Airbnb für Energie. Über Enyway kann man grünen Strom kaufen, ohne dass ein Energiekonzern dabei mitverdient: direkt vom Windpark auf dem Acker eines Bauern oder von der Solaranlage vom Hausdach in der Nachbarschaft.

Was macht ein Mädchen, dem man kündigt, weil es zu jung zum Arbeiten ist?

Als Varena Junge 14 Jahre alt war, erfuhr sie zum ersten Mal vom Klimawandel und davon, wie schnell sich die Welt verändert und wie dringend es ist, dass die Menschheit etwas dagegen tut. "Ich dachte, das muss jetzt jeden Tag auf den Titelseiten stehen", sagt sie. Dass das Thema so viele andere Menschen kaltließ, schockierte und motivierte sie. Also trat sie bei Greenpeace ein, fing an, Menschen in Einkaufszentren über den Klimawandel zu informieren. Denn AKWs besteigen darf man erst, wenn man volljährig ist. Nebenher gründete sie eine Organisation namens Frei & Willig, die Geld für Jugendprojekte einsammelte und die Projekte beriet, obwohl sie selbst noch Schülerin war. "Damals kam ich mir sehr wissend vor, ich war ja schon ein Jahr bei Greenpeace", sagt sie.

Nach dem Abitur studierte sie Umwelttechnik, eine Naturwissenschaft und BWL im Nebenfach. "Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich Wirtschaft verstehen muss, weil am Ende Geld die Welt regiert", sagt sie. Aber das Studium war ihr zu abstrakt. Sie ist niemand, der gern still sitzt und büffelt, sie will zupacken. "Ich habe gemerkt, dass ich nicht diejenige bin, die im Detail herausfinden will, wie sich der Klimawandel auf irgendwelche Mikroorganismen auswirkt", sagt sie. Also ist sie nach Asien geflogen und hat zwei Praktika gemacht. Erst baute sie in Thailand Solaranlagen. Es war eine Zeit, in der sie viel allein war, sich viel selbst beibringen musste, aber so auch viel gelernt hat - über sich selbst und über Sonnenstromprojekte. "Ich stolpere viel in Sachen, bei denen ich ins kalte Wasser springen muss", sagt sie.

Danach ging es weiter nach Hongkong. Dort arbeitete sie für eine Beratungsfirma, die für große Klamottenketten wie H&M die Arbeits- und Umweltbedingungen in den Textilfabriken in Bangladesch überprüft. "Auf die ersten drei Wochen in Bangladesch folgten drei Monate Depression", sagt sie. Es war schwer mit anzusehen, wie schlecht die Menschen dort lebten, fast alle von ihnen Frauen. Und sie hat dort gelernt, wie komplex Veränderung ist. Wenn eine Fabrik wegen mieser Arbeitsbedingungen geschlossen wird, erwartet die Arbeiterinnen danach unter Umständen kein besseres Leben. Was macht ein Mädchen, dem man kündigt, weil es noch zu jung zum Arbeiten ist, es aber auch kein Schulsystem gibt, das für es offen ist? "Mir hat das Demut beigebracht", sagt sie. "Auch weil mir klar wurde, dass man an ganz vielen Stellen weiterschrauben muss, wenn man an einer Stelle anfängt zu schrauben."

"Die Umbrüche kommen so oder so. Dann lieber selber gestalten."

Nach der Zeit in Bangladesch widmete sie sich wieder ihrem Lebensthema: dem Klimawandel. Erst mit einem Masterstudium für Nachhaltige Technik in Stockholm. "Damals dachte ich noch, dass es für den Klimawandel technische Lösungen braucht", sagt sie. "Heute glaube ich, dass wir die Wirtschaft umbauen müssen." Danach zog sie zurück nach Deutschland in die Nähe von Freund und Familie und entwickelte zuerst einen Elektroantrieb für einen Kleintransporter bei einem Stadtwerk und wechselte dann zum Ökostrom-Anbieter Lichtblick in Hamburg. Die Idee zu Enyway ist bei Lichtblick entstanden.

Mit dem Start-up dreht sie nun selbst an Schrauben, die Teil einer Maschine sind: der deutschen Energieversorgung. "Ich finde den Spagat extrem schwierig: Ich will schon Radikalität, weil ich glaube, es geht nur, wenn wir Geschwindigkeit reinbringen, uns hohe Ziele setzen und nicht immer zu viele Wenns und Abers berücksichtigen", sagt sie. "Aber gleichzeitig müssen wir verstehen, dass es fragile Systeme sind, in die viele Faktoren hineinspielen." Ihr Start-up baut gerade eine große Solaranlage selbst, an der Bürger Anteile kaufen können. Damit das nicht so abstrakt klingt, kann man seine Solaranlagenteile in gut vorstellbaren Größen haben: So groß wie ein Pizzakarton oder wie eine Tischtennisplatte. "Pizza mögen die Leute vielleicht ein bisschen mehr als Energie", sagt Junge und grinst. Subventionen bekommt der Solarstrom nicht, weil Enyway zeigen will, dass es auch ohne geht. Junges Start-up hat zwei Ziele: Die Energiekonzerne als Mittelsmann zwischen Stromproduzent und Stromverbraucher überflüssig machen. Und den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben.

Wenn der Wind übers Land fegt

Wer herausfinden will, wann in Deutschland in den vergangenen Monaten der Wind wehte, muss nicht alte Wetterberichte suchen, sondern kann zum Beispiel auch "Nettoerzeugung von Kraftwerken zur öffentlichen Stromversorgung" bei Google eingeben. Siehe da: In Kalenderwoche elf in diesem Jahr trugen die erneuerbaren Energien satte 65,8 Prozent zum deutschen Strommix bei - Rekord in diesem Jahr. Da muss der Wind übers Land gefegt sein. Deutschland hat sich zum Erneuerbaren-Land entwickelt, obwohl das Wort Energiewende schon einen staubigen Nachgeschmack bekommen hat, weil es so nach Angela Merkels Politik ihrer zweiten Kanzlerschaftsrunde klingt. Doch der Erfolg der Ökostrom-Subventionen zeigt sich derzeit: Bislang kamen in diesem Jahr 47 Prozent des Stroms, der aus der Steckdose kommt (also ohne Industriestrom aus Eigenerzeugung, wie ihn manche große Konzerne haben) aus erneuerbaren Quellen. Windstrom liegt vor allen anderen Energiequellen. Für den Ausbau der Solaranlagen in Deutschland gibt es eine Obergrenze, also eine maximale Zahl neuer Anlagen, die Subventionen bekommen. Das Start-up Enyway aus Hamburg verzichtet für die erste eigene große Solaranlage auf die Subventionen. Die Anlage wird also quasi oben auf die Obergrenze aufgesetzt. Kathrin Werner

Allein wird die junge Firma die Energiebranche natürlich nicht revolutionieren können, gibt Junge zu. Schließlich braucht es ganz schön viele Pizzakartonstücke einer Solaranlage, um die Fabriken der deutschen Industrie anzutreiben. Und schließlich bekommen Enyways Kunden den Strom durch die Kabel der großen Netzbetreiber geliefert, und die großen Kraftwerke liefern die sogenannte Grundlast, die immer funktioniert, egal ob die Sonne scheint. Junge sieht ihre Firma als Vorbild, dass Veränderung möglich ist - und die Politik in der Pflicht. "Am Ende geht es darum, politische Rahmenbedingungen zu schaffen, die wirklich etwas ändern."

Lichtblick-Gründer Heiko von Tschischwitz und Junges Lichtblick-IT-Kollege Andreas Rieckhoff sind Kompagnons in Junges Firma. "Ich wollte gar nicht unbedingt gründen, es hat sich einfach so ergeben", sagt Junge. Lichtblick wollte die Idee für Enyway nicht mehr vorantreiben, Junge schon. "Plötzlich habe ich mich mit Fragen beschäftigt, die außerhalb meiner bisherigen Sphäre lagen." Welche Art Führungskraft will ich sein? Wie schafft man eine gute Unternehmenskultur? Was macht einen guten Mitarbeiter aus? Junge hat mit Hilfe eines Coaches Antworten auf diese Fragen gesucht. Es hat ihr geholfen, mit den eigenen hohen Erwartungen an sich selbst umzugehen und nicht zu versuchen, die Rolle einer Führungskraft zu spielen, die sie nicht ist. Wie viele Kunden Enyway hat, will Junge nicht sagen. Ihre Firma sei in den meisten Städten etwa genauso teuer wie andere Ökostromanbieter. Es sei aber nicht leicht, Menschen dazu zu bewegen, den Stromanbieter zu wechseln. "Und unser Marketingbudget ist nur im Promillebereich im Vergleich zu den großen Energiekonzernen", sagt sie. Enyways Kapital kommt von vier Hamburger Kaufleuten, einer davon ist Heiko von Tschischwitz. "Die Investoren sind geduldig mit uns. Wir müssen auch geduldig sein", sagt Junge, die eigentlich ungeduldig ist. Der Klimawandel werde der Wirtschaft riesige Veränderungen bescheren, auch wenn viele Firmen das noch nicht wissen. "Die Umbrüche kommen so oder so. Dann lieber selber gestalten."

© SZ vom 21.08.2019

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