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Mittwochsporträt:Der rote Knopf in neuen Händen

View of London at Night

Auch im "London Eye" steckt Steuerungstechnik der Firma Pilz.

(Foto: Oli Scarff/Getty Images)

Nach dem Unfalltod ihres Mannes übernahm Renate Pilz die Firma aus dem schwäbischen Ostfildern und baute sie aus. Nun übergibt sie an ihre Kinder.

Es ist ein ungewöhnliches Chefbüro für ein Unternehmen mit 2200 Mitarbeitern und Standorten in 40 verschiedenen Ländern. Drei Tische stehen im Dreieck, die daran sitzenden Personen können einander in die Augen schauen. Drei Chefs sitzen hier so eng aufeinander, wie es wohl kein Sachbearbeiter eines Automobilherstellers akzeptieren würde. Die drei Top-Manager des schwäbischen Familien-Unternehmens Pilz beanspruchen zusammen weniger Platz als so mancher Geschäftsführer vergleichbarer Firmen für sich alleine.

Nicht minder exotisch ist die Dekoration. Auf dem Tisch von Renate Pilz steht eine Jesus-Figur mit ausgebreiteten Armen. An der Wand hängen Fotos mit ihr und gleich zwei Päpsten: Benedikt und Franziskus. "Diese Begegnungen waren ein großes Geschenk", sagt die gläubige Katholikin. Es ist das erste, was sie dem Besucher erzählt.

Renate Pilz, 77, ist eine ungewöhnliche Chefin. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes führte sie den Sicherheitstechnik-Hersteller aus Ostfildern bei Stuttgart weiter, obwohl sie zuvor keine Ahnung von der Branche hatte. Parallel zog sie ihre zwei Kinder groß und baute die Firma zum weltweit aktiven Marktführer aus. Bei all dem richtete sie sich streng nach christlichen Werten, wie sie betont. Zum Jahreswechsel hat sie ihr Werk nun vollendet: Nach 42 Jahren an der Spitze übergab sie die Pilz GmbH & Co KG endgültig in die Hände ihrer Tochter Susanne Kunschert, 47, und ihres Sohnes Thomas Pilz, 50. Damit gelang ihr das, was viele Mittelständler verzweifelt versuchen und nicht schaffen: ein geräuschloser Generationswechsel, der die Zukunft der Firma nicht gefährdet.

Den Namen der Firma kennt nicht jeder - ihre Produkte dagegen schon

Das Vertrauen der Kunden ist für Pilz wichtig. Denn die Firma stellt nicht irgendetwas her, sondern Technik, die Leben schützt. Die "Herrin des roten Knopfs" wird Renate Pilz genannt. Den Firmen-Namen kennen nur Spezialisten, aber ihre roten Stopp-Knöpfe hat jeder schon mal gesehen - an Rolltreppen, Skiliften und allen anderen Maschinen, die sich bewegen und im Notfall sofort anhalten müssen, ohne dass etwas kaputt geht (siehe Kasten).

Als Renate Pilz 1975 die Geschäfte übernahm, war sie alles andere als vorbereitet. Ihr Ehemann Peter stürzte auf dem Weg zur Leipziger Messe mit dem Flugzeug ab. Die 35-jährige Haufrau war plötzlich Witwe, hatte zwei kleine Kinder und keine Ahnung von der ausgefeilten Technik der Pilz-Produkte. Ihren Glauben an Gott hat sie damals nicht verloren. Im Gegenteil, sie schöpfte daraus Kraft und den Mut, das Geschäft fortzuführen, wie sie sagt. Sie hatte zwar Abitur, aber kein Ingenieurs-Diplom oder ein anderes Studium. Freunde rieten ihr: Verkaufe den Laden, solange es noch geht. Doch sie machte weiter. "Aus Pflichtgefühl", sagt sie. "Ich wollte das Lebenswerk meines Mannes weiterführen und meinen Kindern das Erbe erhalten."

Sie hielt das Unternehmen nicht nur über Wasser. Sie baute es aus. 1975 hatte die Firma 250 Mitarbeiter. Heute sind es fast zehnmal so viele. 2016 machte Pilz 306 Millionen Euro Umsatz, davon mehr als zwei Drittel im Ausland.

Bis zuletzt jettete Renate Pilz um die Welt. Doch seit 1. Januar ist Schluss. Ob sie Wehmut verspürt? "Nein, ich freue mich." Sie werde sich jetzt dem Garten widmen und dem Reisen, Lesen und Musikhören. Und die Firma? "Ich mache mir keine Sorgen, die Kinder sind besser als ich." Sohn Thomas ist Diplom-Kaufmann und Technik-Freak - wie Vater und Mutter ohne Ingenieursdiplom. Tochter Susanne ist Diplom-Kauffrau. Nach ihrem Studium war sie in den USA und bei einer Unternehmensberatung tätig. Jeder von beiden hat sieben Abteilungen unter sich.

Wenn Mutter und Tochter Besuch empfangen, dann gehen sie in einen Nebenraum. Für Besprechungen ist das Drei-Tisch-Zimmerchen definitiv zu klein. Gleich zu Beginn des Gesprächs stellt die neue Chefin klar, dass die Kontinuität bei Pilz gewahrt bleibt - nicht nur in Sachen Technik und Finanzen, sondern auch im Glauben: "Wir sehen uns in Jesus begründet und richten das Leben an ihm aus", sagt sie. "Meine Mutter wird auch mit ihren Gebeten für die Firma da sein." Ungewöhnliche Töne für ein Unternehmen, in dem die Qualität der Produkte nicht auf Gebeten und Gottvertrauen beruht, sondern auf Gründlichkeit und Tüftlersinn.

Im Gespräch geben Mutter und Tochter ein fast schon unwirklich harmonisches Bild ab. "Die Menschen lieben meine Mutter wie einen Rockstar", sagt die Tochter. "Ach Susanne", sagt die Mutter. Aber es gibt auch Reibung. Nicht selten fällt die eine der anderen ins Wort und widerspricht. Aber stets in einem behutsamen Ton, den man vielleicht auf einem Waldorfpädagogik-Seminar erwarten würde, aber nicht in der Chefetage einer Millionen-Firma.

Es war allerdings mehr als Harmonie und Glaube, der den Generationswechsel klappen ließ. Den plötzlichen Sprung ins Wasser, wie sie ihn erlebt hat, wollte Renate Pilz ihren Kindern ersparen. Deshalb führte sie sie rechtzeitig an die Aufgabe heran; Sohn Thomas trat 1996 als Geschäftsführer der US-amerikanischen Gesellschaft ins Unternehmen ein, Tochter Susanne fing 2002 im Bereich Controlling und Personal an. 2007 nahmen sie neben ihrer Mutter als Geschäftsführer in dem Drei-Tisch-Zimmer Platz. Die Anteile an der Firma wurden 2012 übertragen.

Nun ist ein Abschied mit 77 auch ein bisschen spät - ging es nicht ein bisschen früher? Fragt man Tochter Susanne, könnte "die Mama" noch länger "strategisch und repräsentativ" aktiv sein. Doch Renate Pilz blockt ab: "Ich kann loslassen, Gott sei Dank." Sie werde sich "ganz sicher" nicht ins operative Geschäft einmischen. Große Umwälzungen wird es ohnehin nicht geben, wie Susanne Kunschert betont: "Es gibt nichts, wo wir sagen, juhuu, endlich können wir den Hebel umlegen." Man habe ja schon seit zehn Jahren gemeinsam die Ziele formuliert. "Die Mama hat uns viel Verantwortung übertragen und uns diese auch leben lassen." So einfach geht das, möchte man manchem Firmen-Patriarchen zuflüstern, der in seinem übergroßen Büro am Stuhl festklebt.

Renate Pilz war im Januar bislang kein einziges Mal im Chefbüro. Wie lange der dritte Arbeitsplatz noch in dem kleinen Raum stehen wird? "Der Tisch bleibt", sagt Susanne Kunschert. Die Mutter widerspricht auf ihre diplomatische Art: "Man kann da ja viele schöne Sachen draufstellen, Blumen zum Beispiel."