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Mittwochsporträt:Für Tavares zählt allein Erfolg und Effizienz

Den Gewerkschaften hat der PSA-Chef mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit abgerungen und den Abbau Tausender Stellen, jedoch ohne betriebsbedingte Kündigungen. Das Topmanagement hat Tavares weitgehend belassen. Aber auch von den Führungskräften fordert er immer etwas mehr, als sie sich zutrauen, sagt ein PSA-Manager hinter vorgehaltener Hand.

Gerade in der Konzernzentrale nahe des Pariser Triumphbogens sorgt die Tavares'sche Effizienzkultur für einen Schock. Unter Tavares darf keine Konferenz länger als eine Stunde dauern und keine Powerpoint-Präsentation mehr als fünf Seiten umfassen. Für Dienstreisen sind Billigflüge und Zugfahrten zweiter Klasse dringend angeraten. Ausgiebige Arbeitsessen in Gourmetrestaurants sind auch vorbei. Zumindest dieser Teil des Sanierungskonzepts dürfte am Opel-Stammsitz in Rüsselsheim schwer zu wiederholen sein.

Der 58-jährige Konzernchef lebt die Disziplin und Sparsamkeit vor, die er von anderen verlangt. Seine Anzüge kommen von der Stange, seine schwarz glänzenden Mokassins sind im Kreise hoch bezahlter Pariser Unternehmenschefs ein modisches Alleinstellungsmerkmal. Es ist Tavares wohl nicht so wichtig, zur Hautevolée zu gehören. Der schmale Mann achtet lieber auf seine Diät und geht um 21.30 Uhr zu Bett. Er führt das Leben eines Leistungssportlers. Das hat seinen Grund in seiner Leidenschaft, dem Motor-Rennsport.

"Ich würde sterben, müsste ich darauf verzichten", sagt Tavares. Sein kleiner Rennstall heißt "Clementeam", eine Hommage an die älteste seiner drei Töchter, Clémentine. Im Arbeitsvertrag mit PSA hat er festschreiben lassen, dass er seinem gefährlichen Hobby an bis zu 22 Wochenenden pro Jahr nachgehen darf. Dann schraubt er an dem halben Dutzend historischer Boliden, die er in der Garage stehen hat, oder er rast in einem Ligier mit 300 Stundenkilometern über den Rundkurs im belgischen Spa. Im Januar zog er es vor, eine Rallye zu fahren, anstatt sich beim Weltwirtschaftsforum in Davos zu zeigen.

Die Faszination für Autos ergreift Tavares als Jugendlichen. Er dient damals als Streckenposten am Formel-1-Kurs von Estoril, einem Vorort seiner Heimatstadt Lissabon. Die Neigung zu Frankreich wiederum hat er von der Mutter, einer Französischlehrerin. Es liegt nahe für ihn, nach dem Abitur zum Studium nach Toulouse zu ziehen und dann weiter nach Paris, wo er die renommierte Ingenieursschule École Centrale besucht. Nach dem Abschluss 1981 beginnt er bei Renault, wo der ehrgeizige junge Mann Modelle wie den Mégane mitentwickelt und sich als "kleiner Carlos" bis zur Nummer zwei hinter Ghosn hochdient. Was dann kommt, ist bekannt.

Beim Zuhören habe er noch Optimierungsbedarf, heißt es

Ghosn, einst Tavares' Mentor, schickt ihn auch einige Jahre zum japanischen Renault-Schwesterkonzern Nissan. Dort lernt er zwei Dinge, die sich im Zuge der Opel-Übernahme als nützlich erweisen können: einen Autohersteller zu sanieren. Und zwei Unternehmen mit gegensätzlichen Kulturen und Interessen zusammenzuführen. Skeptiker meinen, der deutsch-französische "Champion", wie Tavares ihn formen will, werde genau an dieser Herausforderung scheitern. Tavares' Fürsprecher dagegen glauben, ihm gelingt die Verbindung, wenn er sie sogar schon zwischen Franzosen und Japanern geschafft hat.

Nur im Zuhören, im Zulassen anderer Meinungen, darin kann Tavares sich weiter optimieren, sagen viele, die mit Tavares zusammengearbeitet haben. Spricht man den PSA-Chef selbst auf seinen Führungsstil an, räumt er ein: "Fordernd, aber fair. So versuche ich zu sein. Es gelingt mir aber noch nicht immer." Sein bisheriger Erfolg dürfte ihn aber vor allzu großen Selbstzweifeln bewahren. Und wenn er, wie 2016 geschehen, für die Verdoppelung seiner Bezüge auf 5,2 Millionen Euro angegriffen wird, entgegnet Tavares mit Bestimmtheit, er sei sein Geld wert. Es sei der Maßstab seines Erfolgs. Bei aller Sparsamkeit.

Erfolg und Effizienz. Das allein zählt, wenn Carlos Tavares demnächst die Macht über Opel hat. Seine Botschaft an die besorgten Opelaner ist zugleich sein Lebensmotto: "Das Einzige, was schützt, ist Leistung."

© SZ vom 08.03.2017/jps
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