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MIttelstand in den USA:Den Großen ausgeliefert

Auch in den USA waren Mittelständler der Jobmotor - jetzt leiden die Betriebe, die oft in Familienhand sind, mit den großen Konzernen.

Im frühneuzeitlichen Konstantinopel legte der Alchemist Avedis einen Grundstein für Jazzmusik. 1623 entdeckte er eine Legierung aus Kupfer, Zinn und Silber, aus der sich besonders klangvolle Becken herstellen lassen. Das kräftige Scheppern vergnügte den Sultan und brachte dem Alchemisten den Namen Zildjian ein, Sohn des Beckenschmieds. Avedis' Nachfahren wanderten nach Amerika aus, und aus der Beckenschmiede wurde einer der führenden Schlagzeug-Hersteller. Kein anderes Familienunternehmen in den USA kann auf eine so lange Geschichte zurückblicken wie die Avedis Zildjian Company. Sie überlebte selbst die Große Depression. Solche Erfahrungen sind wertvoll dieser Tage, da Arbeitsplätze in den USA mit einer Geschwindigkeit verlorengehen, die das Land seit den 1930ern nicht erlebt hat.

MIttelstand in den USA Den Großen ausgeliefert Reuters

Der weltgrößte Einzelhändler Wal-Mart ist auch in Familenhand. "Gründerfamilien geben die Kontrolle über ihre Firma nur ungern auf", sagt Barbara Spector, Chefredakteurin des Magazins Family Business Magazine.

(Foto: Foto: Reuters)

Der Jobmotor Amerikas

Wenn Konzerne wie die Baumarktkette Home Depot und Maschinenbauer wie Caterpillar am Tag zehntausende Stellen streichen, ist in den Schlagzeilen kaum Platz für das Schicksal von Familienunternehmen. Dabei hat das, was sich im Kleinen abspielt, schwerwiegende Konsequenzen für die gesamte Wirtschaft. Familienunternehmen waren im vergangenen Jahrzehnt der Jobmotor Amerikas. Mittelständler schufen 60 bis 80 Prozent aller Arbeitsplätze. Nun aber hält die Rezession das Land im Griff. Baubetriebe machen dicht, Restaurants feuern ihre Tellerwäscher, und Tüftler finden kein Kapital, um ihre Ideen zu verwirklichen.

Besonders dramatisch ist die Lage im Autosektor. General Motors, Ford und Chrysler kämpfen ums Überleben, den Zulieferern brechen die Aufträge weg. "Familienunternehmen haben die größten Probleme. Oft sind sie stark von wenigen Kunden abhängig", sagt Emilio Brahmst, Forscher beim Center of Automotive Research in Detroit. 2500 Zulieferer gibt es in den USA, viele befinden sich in Familienbesitz und 40 bis 50 Prozent sind in finanzieller Not. Aus Detroit verbreitet sich die Krise im ganzen Land. Überall in den USA stauen sich auf den Parkplätzen der Autohäuser die unverkauften Neuwagen. Tausende Händler stehen vor dem Aus. Der Branche droht das gleiche Schicksal wie der amerikanischen Textilindustrie. Auch sie galt als Pfeiler der Wirtschaft, bis billige Importe aus Asien zahllose Familienunternehmen in die Pleite trieben.

Chancen in der Krise

Umbrüche sind ein Wesensmerkmal des Kapitalismus, aber selten waren sie so abrupt wie zuletzt. Natürlich bietet die Krise auch Chancen. Familienbetriebe mit eigenem Kapital können die Nöte ihrer Konkurrenten nutzen, um zu expandieren. Übernahmen sind so günstig wie lange nicht mehr - und dem Wachstum sind kaum Grenzen gesetzt.

Unter Amerikas Familienbetrieben befinden sich zahlreiche Großunternehmen. Der weltgrößte Einzelhändler Wal- Mart etwa oder der Infrastruktur-Konzern Bechtel. "Gründerfamilien geben die Kontrolle über ihre Firma nur ungern auf", sagt Barbara Spector, Chefredakteurin des Magazins Family Business. Ausgerechnet in Amerika, wo das Shareholder-Value-Prinzip erfunden und das Interesse der Aktienbesitzer jahrzehntelang über alles gestellt wurde, verweigern sich erfolgreiche Konzerne dem Diktat der Börsen. Der Grund sei die Ungeduld, die an den Kapitalmärkten herrsche, meint Spector. "Familien wollen ihre Gewinne lieber in das eigene Unternehmen investieren, anstatt sie auszuschütten. Sie denken über Generationen, Aktionäre oft nur bis zum nächsten Quartal."