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Studie zu Firmen:Mehr Mitbestimmung, weniger Tricks

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Es ging in der Studie nicht um offenen Betrug. Die Autoren interessierten sich vielmehr für die legalen Gestaltungstricks, um eine Bilanz möglichst positiv darzustellen oder Steuern zu vermeiden.

(Foto: dpa)

Unternehmen, in denen die Arbeitnehmer mitreden dürfen, tricksen weniger bei Bilanzierung und Steuern, zeigt eine Studie. Und sie haben an der Börse langfristig mehr Erfolg.

Von Harald Freiberger

Die Studie war seit Langem geplant, nun hat sie durch den Fall Wirecard an Brisanz gewonnen: Forscher der Universität Duisburg-Essen haben Hunderte börsennotierte Unternehmen in Deutschland darauf untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen der Mitbestimmung der Angestellten in der Firma und legalen Tricks bei Bilanz und Steuern gibt. Das Ergebnis: Unternehmen, bei denen Arbeitnehmer im Aufsichtsrat mitreden, neigen deutlich weniger dazu, Spielräume bei der Bilanzierung auszunutzen, um zum Beispiel ihre Gewinnsituation übertrieben positiv darzustellen. Auch versuchen sie weniger aggressiv, Steuern zu vermeiden. "Mitbestimmung führt dazu, dass die Spielräume für Bilanzierung und Steuergestaltung weniger ausgenutzt werden, was mit einem besseren langfristigen Erfolg verbunden ist", sagt Professor Marc Eulerich, Mitautor der Studie, die von der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde und der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Dabei ist Wirecard ein extremer Fall. Über Jahre stellte der Zahlungsdienstleister aus Aschheim seine Umsatz- und Gewinnsituation weitaus besser dar, als sie in Wirklichkeit war. Das sollte vor allem den Aktienkurs beflügeln - was auch gelang. Wirecard schaffte 2019 den Aufstieg in den Deutschen Aktienindex, den Klub der 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland. Mitte Juni verweigerte die Wirtschaftsprüfung EY Wirecard allerdings das Testat, weil behauptete Umsätze von 1,9 Milliarden Euro nie vorhanden gewesen waren. Die Folge war ein Absturz der Aktie von ihrem Höchststand um bis zu 98 Prozent.

Die Studie passt deshalb zu dem Fall, weil es bei dem Aschheimer Unternehmen keine Mitbestimmung gab; ein Betriebsrat existierte nicht, im Aufsichtsrat saßen keine kritischen Vertreter der Arbeitnehmerseite. Der Fall bestätigt deshalb in extremer Weise die Kernaussage der Studie: Je weniger Arbeitnehmer im Aufsichtsrat mitzureden haben, umso größer die Tendenz, Gewinne übertrieben darzustellen und Steuern zu vermeiden.

"Vor allem kurzfristig orientierte Anteilseigner haben ein Interesse daran, wenn über Bilanzgestaltung Ergebnisse gepusht werden"

Die Studienautoren untersuchten 405 Unternehmen darauf, wie aggressiv oder wie konservativ sie bilanzieren. 317 Unternehmen wurden auf ihr Verhalten in Sachen Steuervermeidung durchleuchtet. Sie waren alle zwischen 2006 und 2017 Mitglied im Composite Dax (C-Dax), dem am breitesten gefassten Index an der Deutschen Börse. Gleichzeitig untersuchte die Studie, wie stark die Mitbestimmung in jedem Unternehmen verankert ist, das heißt, ob es einen Betriebsrat gibt, wie viele Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat sitzen, wie stark der formelle Einfluss des Kontrollorgans ist.

Dabei ging es in der Studie nicht um offenen Betrug wie bei Wirecard. Die Autoren interessierten sich vielmehr für die legalen Gestaltungstricks, um eine Bilanz möglichst positiv darzustellen oder Steuern zu vermeiden, zum Beispiel durch das Verlagern von Geschäften in Niedrigsteuergebiete. Sie sprechen dabei von "aggressiver Berichterstattung". In ihrer Analyse kommen sie zu dem Schluss, dass Unternehmen mit wenig oder gar keiner Mitbestimmung deutlich aggressiver über ihre Zahlen berichten und versuchen, Steuern zu vermeiden.

"Vor allem kurzfristig orientierte Anteilseigner haben ein Interesse daran, wenn über Bilanzgestaltung Ergebnisse gepusht werden, weil der höhere Gewinn eine höhere maximale Dividende ermöglicht und gleichzeitig zu Kursgewinnen führt", sagt Autor Eulerich. Auch Manager könnten davon kurzfristig über höhere Boni profitieren. Normale Beschäftigte, die fest bezahlt werden und langfristig auf ihre Arbeitsstelle angewiesen sind, hätten von aufpolierten Gewinnen dagegen kaum einen Vorteil. Das sei der Hauptgrund dafür, dass diese Praxis in mitbestimmten Unternehmen weniger üblich ist.

Zudem sind Unternehmen mit aggressiver Berichterstattung auch nur kurzfristig profitabler. Im ersten Jahr entwickelt sich die Rentabilität auf das gesamte Kapital laut der Studie noch besser als bei Unternehmen mit konservativer Bilanzierung, im zweiten Jahr lässt der Vorteil schon nach, im dritten und vierten Jahr verkehrt er sich ins Gegenteil. Dies spiegle sich entsprechend auch im Aktienkurs.

Was hinzukommt, ist das viel höhere Risiko: "Je aggressiver Steuern vermieden oder Bilanzspielräume ausgenutzt werden, desto höher ist die Gefahr von Sanktionen", sagt Eulerich. Die Studie unterstreiche deshalb, dass starke Mitbestimmung zu einer verantwortungsbewussten und weitsichtigen Unternehmensführung beitrage. Wo es dagegen an Mitbestimmung fehlt, steigt die Gefahr von riskantem Verhalten, bis hin zu Manipulation und Betrug - so wie im Fall Wirecard.

© SZ vom 16.07.2020

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